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Interview mit Star-Dirigent Thielemann: Dresden bekommt Osterfestspiele!

TAG24-Interview mit Christian Thielemann

TAG24 hat sich mit Christian Thielemann, dem Chefdirigent der Staatskapelle Dresden zum Interview getroffen.

Von Guido Glaner

Dresden - Im Dezember begannen die Staatskapelle Dresden und ihr Chefdirigent Christian Thielemann (60) ihren Beethoven-Zyklus mit der Aufführung der ersten drei Symphonien. Im bevorstehenden 6. Symphoniekonzert (12. bis 14. Januar) folgen nun die 4. und 5. Symphonie. Mit der Aufführung des Zyklus ehren Dirigent und Orchester den Komponisten zu dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr. Kein Gespräch mit Thielemann zurzeit ohne Bezugnahme auf das Auseinanderbrechen der Verbindung mit den Salzburger Osterfestspielen nach langem, öffentlich ausgetragenem Streit. Der Dirigent hat einen Plan für Dresden.

Bei Proben geht es musikalisch ernsthaft zur Sache, die Garderobe dagegen ist leger. T-Shirt und Jeans, Alltagsklamotten sind angesagt. Schaut ja niemand zu, höchstens ein Fotograf.

TAG24: Herr Thielemann, Sie haben in einem unserer früheren Gespräche Johann Sebastian Bach als den größten Komponisten der Musikgeschichte bezeichnet. Ihr erklärter Lieblingskomponist ist Richard Wagner. Was denken Sie über Beethoven?

Christian Thielemann: Habe ich denn einen Lieblingskomponisten? Ich meine, es scheint immer der zu sein, mit dem ich mich gerade beschäftige. Das ist im Moment Beethoven.

TAG24: Ach, kommen Sie, Wagner steht Ihnen schon besonders nah!

Christian Thielemann: Wahrscheinlich ist das so. Aber es ist ja kein Wunder, dass Wagner von Beethoven so begeistert war.

TAG24: Was macht Beethovens Größe aus?

Christian Thielemann: Er hat weiter in die Zukunft geschaut als jeder andere Komponist. Musikgeschichtlich reicht Beethovens Einfluss vom späten Haydn über Sturm und Drang, die Romantik bis zu Arnold Schönberg. Nicht nur die späten Streichquartette, auch die Große Fuge, zum Beispiel, und selbst Teile der „Missa solemnis“ sind ungeheuer modern und wegweisend.

TAG24: Beethoven ist der meistgespielte Komponist weltweit. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Christian Thielemann: Es ist seine Vielgestaltigkeit. Auch das ist etwas, das ihn herausragen lässt. Dabei kann seine Musik genauso sperrig sein, wie sie oft dramatisch, zupackend oder volkstümlich ist. Es klingt immer blöd, wenn man sagt, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Und doch trifft es bei Beethoven zu. Diese enorme Vielfalt, die ihn so allumfassend macht und viele Hörer berührt, diese Stücke, die so weit in die Zukunft weisen – es ist gar nicht leicht, das alles zu erfassen. Manchmal glaube ich, Beethoven ist eine Nummer zu groß, als dass wir ihn wirklich im Ganzen begreifen könnten.

Christian Thielemann: "Beethoven war ein Komponist mit einer wie wir heute sagen: Botschaft

Der Dirigent in seinem Element: Christian Thielemann (60) während der Proben zum 5. Symphoniekonzert mit den ersten drei Beethoven-Symphonien im Dezember. Musik erfordert vollen Körpereinsatz.

TAG24: Beethoven war ein Komponist mit einer, wie wir heute sagen: Botschaft. In der dritten Symphonie, noch deutlicher in der neunten, mit Schiller, lässt er die Ideale der Französischen Revolution hochleben: „Alle Menschen werden Brüder“. Nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts und angesichts von wiedererstandenem Nationalismus oder menschengemachter Klimaveränderung heutzutage mutet uns das nach weit verbreiteter Meinung als naiv und von hohlem Pathos an. Menschheitsbeglückung ist nicht mehr gefragt. Der Mensch ist das Wesen, das sich selbst massakriert und den Planeten gleich mit; er ist weniger gut als vielmehr schlecht. So in etwa. Hat Beethoven dem noch etwas entgegenzusetzen?

Christian Thielemann: Hohler Pathos, ich bitte Sie! Der Begriff des Pathetischen kommt aus dem Griechischen und hat mit Leidenschaft zu tun. Was sollte daran hohl sein? Die Menschheit steht vor Problemen, sicher, aber können Sie mir irgendeine Zeit, irgendeine Epoche nennen, wo das nicht so war? Die Erkenntnis, dass der Mensch nicht nur gut, sondern auch schlecht ist, ist keine neue und schon gar keine originelle. Ich möchte aus einem Weihnachtsgottesdienst zitieren, den ich vor einiger Zeit erleben durfte. Es ging um die Weihnachtsgeschichte und ihre Bedeutung für uns moderne Menschen, mit all unserem Wissen um dem Grausamen in der Welt. Die Weihnachtsgeschichte sei ein Trotzdem gegen das Schlechte, beschwor der Pastor die Gemeinde. Mir hat diese Metapher sehr gefallen, und ich finde, sie lässt sich ebenso auf Beethoven und seinen Glauben an das Gute im Menschen anwenden. Dieser Glauben, dass der Mensch das Zeug dazu hat, die Welt zu verbessern, dem er in einigen seiner Werke Ausdruck gegeben hat, ist nicht naiv, er ist eben dies: ein energisches Trotzdem. Glaubt nicht, dass alles sofort zu schaffen ist, aber bleibt dran, gebt nicht auf! Das ist der Sinn des Trotzdem und die Botschaft in Beethovens Musik.

TAG24: Gibt es ein Beethoven-Werk, das Ihnen näher steht als die anderen?

Christian Thielemann: Ich liebe unendlich viel von Beethoven, aber die "Missa solemnis" ist mir immer besonders wert gewesen, nicht bloß als Hörer, besonders in der Ausübung meines Berufes. Sie ist ein sehr komplexes, schwieriges Werk von großer inhaltlicher Tiefe, doch glaubte ich von Anfang an, sie richtig zu verstehen. Es soll nicht überheblich klingen, wenn ich sage, dass ich nie das Gefühl hatte, sie könnte mir am Pult Schwierigkeiten machen. Das Stück weiß alles vom Leben.

TAG24: Sie haben vor einigen Jahren den gesamten Zyklus der Symphonien mit den Wiener Philharmonikern eingespielt und veröffentlicht. Aus diesem Grund schneidet Ihr Medienpartner Unitel den Dresdner Zyklus nicht mit. Wir fänden es überaus schade, sollte am Ende kein Tondokument daran erinnern.

Christian Thielemann: Wir lassen die Zyklus-Konzerte vom MDR mitschneiden, als Ton- und nicht, wie mit den Wienern, als Bildaufnahmen. Es werden alle drei Aufführungen jedes Konzerts mitgeschnitten, so haben wir Material zur Bearbeitung. Ich hätte schon sehr gern eine Veröffentlichung.

TAG24: Es gibt von kaum einem Zyklus so viele Aufnahmen wie von Beethovens Symphonien. Herbert von Karajan hat mit den Berliner Philharmonikern gleich zwei Gesamtaufnahmen vorgelegt. Welche Einspielung welches Kollegen schätzen Sie besonders?

Christian Thielemann: Mir gefallen die Aufnahmen von Wilhelm Furtwängler sehr gut. Sie sind nicht zyklisch, sondern über viele Jahre hinweg entstanden. Aufregend finde ich auch Wilhelm Mengelbergs Interpretationen. Karajan gehört sicher zum Kanon. Ich meine, dass die Bandbreite in der Interpretation früher größer war, als sie heute ist. Als ich jünger war, waren viele der erwähnten Aufnahmen in Deutschland gar nicht zu haben. Ich habe sie mir in den Vereinigten Staaten als Schallplatten zusammengesucht. Ich weiß noch, wie ich anschließend am Flughafen in Amsterdam am Zoll Schwierigkeiten wegen unerlaubter Einfuhr bekam. Ein paar Hundert Gulden musste ich zur Strafe zahlen.

TAG24: Inwieweit wird sich Ihr Dresdner Zyklus vom Wiener unterscheiden?

Christian Thielemann: Ich habe bei den Proben zur ersten, zweiten und dritten Symphonie, die wir ja schon aufgeführt haben, gemerkt, dass ich freier geworden bin. Ich plane nicht, sondern bewahre mir mehr Offenheit. Natürlich geht es jetzt um ein anderes Klangbild. Das Dresdner Klangbild ist nicht übermäßig verschieden von dem der Wiener, unterschiedlich aber doch.

Das sagt Christian Thielemann zum Streit mit den Osterfestspielen Salzburg

Die wohl be­rühm­tes­te Ab­bil­dung von Lud­wig van Beet­ho­ven ist die­ses Por­trät-Ge­mäl­de von Jo­seph Karl Stie­ler. Es stammt von 1820 und zeigt den Kom­po­nis­ten mit 49 Jah­ren. Beet­ho­ven kam 1770 in Bonn zur Welt und starb 1827 in Wien.

TAG24: Inwiefern?

Christian Thielemann: Wien ist eine überwiegend katholische Stadt, der Klang der Philharmoniker neigt ein wenig zum Weihrauch. Dresden ist protestantisch, da ist Weihrauch auch musikalisch nicht so gefragt. Was beide Orchester vereint, ist der Wille, homogen zu klingen. Das liegt daran, dass sie beide Opernorchester sind.

TAG24: Sie und die Staatskapelle haben ein nicht nur gutes Jahr 2019 hinter sich. Die Partnerschaft mit den Osterfestspielen Salzburg endet im Unfrieden. Hätte es anders ausgehen können?

Christian Thielemann: Die Staatskapelle und auch ich haben ein traumhaftes Jahr hinter uns. Da waren nicht allein die „Meistersinger“ in Salzburg, die wir gemeinsam erarbeitet haben und die nun in Dresden zu erleben sein werden. Die Staatskapelle hatte unter anderem zwei sehr erfolgreiche Tourneen durch Asien. Ich durfte in Wien „Frau ohne Schatten“ machen, war in Bayreuth. Zum Jahresende hin haben wir zusammen unser Beethoven-Projekt begonnen. Es läuft prima für uns. Zwischen das Orchester und mich passt kein Blatt Papier. Allein die Entwicklung in Salzburg hat uns kalt erwischt, das ist wahr. Ob es anders hätte ausgehen können? Ich weiß es nicht.

TAG24: Der Streit zwischen Ihnen und den Festspielen füllte nicht nur unsere Seiten monatelang. Glauben Sie, dass Sie selbst Fehler gemacht, einen Anteil am Scheitern der Partnerschaft haben?

Christian Thielemann: Nein. Wenn ein Vertrag zu meinen Lasten geschlossen wird, trage ich daran keine Schuld. Es ist ein Schandfleck, aber es ist nicht meiner.

TAG24: Mit den Osterfestspielen bricht Ihnen und dem Orchester ab 2022 eine wichtige Plattform weg. Suchen Sie nach einer Alternative?

Christian Thielemann: Wir haben sie gefunden. Wir planen eine Form eigener Osterfestspiele in der Semperoper ab 2023. Die werden zunächst Richard Strauss gewidmet sein. Auf diese Weise soll es von da an jährlich zu Ostern stattfinden. Wer das nicht verpassen möchte, muss nach Dresden kommen.

Fotos: Matthias Creutziger, Beethoven-Haus Bonn