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Kritiker haben Angst: Linke Moralisten bedrohen die Meinungsfreiheit

TAG24-Interview mit Sandra Kostner über "Identitätslinke" und ihre "Läuterungsagenda"

Ob Klimaschutz oder Migration: Viele Themen sind mittlerweile moralisch stark aufgeladen. Grund dafür sind sogenannte Identitätslinke.

Von Patrick Hyslop

Stuttgart - Ob Klimaschutz oder Migrationsdebatte: Viele Themen sind mittlerweile moralisch aufgeladen, es gibt anscheinend nur noch Gut oder Böse. Und viele trauen sich nicht mehr, dazu ihre Meinung zu sagen - aus Angst vor den Folgen.

Sandra Kostner von der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd.

Die Gesellschaft wird dadurch immer fragmentierter. Das Miteinander um Lösungen ringen kann verloren gehen, die Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Und unter Linken gibt es offenbar eine Gruppe, die heraussticht: die sogenannten Identitätslinken. Den Begriff hat Sandra Kostner (aktuelles Buch "Identitätslinke Läuterungsagenda: Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften") von der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) geprägt.

Vereinfacht gesagt: Identitätslinke sehen Menschen nicht individuell, sondern in Identitätsmerkmalen, die sie bestimmten Gruppen zuteilen. Also etwa "weiß", "männlich" oder "heterosexuell".

Das Individuum geht dabei flöten, nur die Gruppenzugehörigkeit zählt. Und verschiedene Gruppen stehen sich oftmals gegenüber. Wir haben uns mit Sandra Kostner über moralisierende Identitätslinke und ihre quasi-religiöse "Läuterungsagenda" unterhalten.

TAG24: Was ist der Unterschied zwischen den "alten Linken" und den "Identitätslinken"?

Sandra Kostner: Beide verorten sich links, unterscheiden sich aber massiv in ihren Zielen. Das Hauptziel der alten Linken, die ich Soziallinke nenne, ist die durchlässige Gesellschaft. Sie wollen, dass alle Menschen die Chance haben, sozial aufzusteigen. Den Identitätslinken geht es nicht mehr um sozialen Aufstieg für alle, sondern nur noch um sozialen Aufstieg für die von ihnen „auserwählten“ Identitätsgruppen.

Die Trennung in Sozial- und Identitätslinke beginnt mit den 68ern. Diese wollten die soziale Revolution. Aber die Arbeiter, die sie dafür gewinnen mussten, hatten daran gar kein Interesse. Für revolutionäre 68er war das enttäuschend. Deshalb schauten sie sich nach anderen benachteiligten und daher mobilisierbaren Gruppen um. In Deutschland waren das vor allem Frauen und Migranten. Später kamen Homo- und Transsexuelle dazu.

Die Message der Identitätslinken an diese Gruppen lautet: Ihr als Benachteiligte könnt der Gesellschaft Forderungen stellen. Und die muss sie, weil sie Euch gegenüber Schuld auf sich geladen hat, erfüllen. Demnach müssen Männer Forderungen von Frauen erfüllen. Macht man das nicht, ist man Sexist. Diejenigen ohne Migrationshintergrund müssen die Forderungen derjenigen mit Migrationshintergrund erfüllen. Macht man es nicht, ist man Rassist. Christen haben Forderungen von Muslimen nachzukommen. Macht man es nicht, ist man islamophob.

Das Problem ist, dass die Grundlage für diese Identitätspolitik Merkmale sind, die das Individuum nicht beeinflussen kann. Wenn Menschen in solche Identitätsgefängnisse eingesperrt werden, gibt es keine soziale Durchlässigkeit mehr. Im Grunde handelt es sich dann auch nicht mehr um linke, sondern um eine Form rechter Politik.

Religiöser Einfluss bei den Identitätslinken

Auch das Thema Migration sei moralisch aufgeladen und polarisiert. (Symbolbild)

TAG24: Was genau ist denn die "Identitätslinke Läuterungsagenda"?

Sandra Kostner: Identitätslinke auf der Schuldseite machen ihre Gruppe pauschal für die Benachteiligung von Opfergruppen verantwortlich. Sie haben zwei Ziele: Sie wollen die Benachteiligung beenden. Dieses Ziel unterstütze ich. Sie wollen mit ihrem Einsatz für die Opfer aber auch persönlich etwas gewinnen: moralische Läuterung. Und mit diesem selbstbezogenen Ziel beginnen die Probleme.

Das Läuterungsziel ist religiös beeinflusst. Konkret vom Protestantismus. Die Katholiken bekommen durch die Beichte ihre Sünden vergeben. Protestanten sind auf sich gestellt.

Für die Entwicklung der Agenda wichtige Identitätslinke waren von den Ritualen protestantischer Kirchen in den USA geprägt. Die Gemeindemitglieder beichteten sonntags vor der Gemeinde ihre Sünden. Das Beichten der Sünden wurde als Schritt zur Läuterung verstanden, war aber ein ewiger Kreislauf, da der Mensch in Sünde geboren ist, kann er sich nie von seiner Schuld befreien.

Die Identitätslinken auf der Schuldseite haben das auf ihre Agenda übertragen: Sie sehen sich aufgrund des rassistischen und sexistischen Erbes als in Sünde geboren. Sie müssen immer wieder beweisen, dass sie willens sind, diese Erbsünde abzutragen.

Kritiker haben Angst um ihre Karriere

Linke (im Bild Antifa-Anhänger in Eisenach) und Rechte schaukeln sich hoch. (Archiv)

TAG24: Jetzt finden diese Entwicklung natürlich nicht alle gut. Wie gehen Identitätslinke mit Kritikern um?

Sandra Kostner: Identitätslinke fühlen sich moralisch auf der richtigen Seite, weil sie für Opfer sprechen.

Kritiker der Identitätspolitik werden daher als moralisch minderwertig abqualifiziert. Identitätslinke zielen fast immer auf die Person des Kritikers. Mit Sachargumenten setzen sie sich hingegen kaum auseinander.

Auf diese Weise erzeugen sie ein repressives Meinungsklima, das Kritiker verstummen lässt, weil sie Angst um ihre Karriere haben und sich vor Diffamierungskampagnen fürchten.

TAG24: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich die Situation in der nahen Zukunft wieder beruhigt?

Sandra Kostner: Ich denke, es wird noch einige Jahre dauern, bis sich die Situation entspannt. Im Moment deutet alles darauf hin, dass die Läuterungsagenda mit weiterer Unerbittlichkeit vorangetrieben wird. Ich beobachte aber auch, dass in der liberalen Mitte der Gesellschaft, zu der ich mich auch zähle, der Unmut und der Widerstand wachsen.

Je mehr die Forderungen überzogen werden, desto zahlreicher werden die Stimmen, die sagen: Ungleichbehandlungen sind abzuschaffen, aber nicht um den Preis neuer Ungleichbehandlungen. Ich finde, es gibt heute mehr Leute als noch vor ein paar Jahren, die sagen: Auch wenn ich angegriffen werde und es meinen Ruf beschädigt – es kann so nicht weitergehen.

Und ich glaube, je mehr sich Links und Rechts hochschaukeln, desto mehr Leute werden sagen: es reicht! Denn der Flurschaden für die Gesellschaft wird zu groß.

Fotos: privat, DPA