Aufstand bei Gorillas: Kuriere blockieren Lieferservice wegen Kündigung und Ausbeutung

Berlin - Einmal kam er zu spät, und schon hatte der Gorilla-Fahrradkurier seine Kündigung in der Hand. Seine Lieferdienst-Kollegen streiken nicht nur deswegen seit Kurzem...

Weniger als 10 Minuten dauert eine Lieferung bei den Gorillas. Das bedeutet vor allem Stress für die Kuriere.
Weniger als 10 Minuten dauert eine Lieferung bei den Gorillas. Das bedeutet vor allem Stress für die Kuriere.  © IMAGO/Michael Gstettenbauer​

Das war wohl ein Zuspätkommen mit großen Folgen: Er tauchte unpünktlich am Arbeitsplatz auf, wenig später hielt Fahrradkurier Santiago seine Kündigung bei dem Lieferservice Gorillas in der Hand.

Laut seinen Kollegen war es das erste Mal, dass er später als geplant auftauchte, doch sein Chef konnte ihn ohne Frist feuern - er befand sich noch in seiner sechsmonatigen Probezeit.

Als das Management sich weigerte, mit dem jungen Migranten zu reden, formierte sich ein Protest, der schnell Zulauf bekam und seit dem gestrigen Mittwoch andauert. Mitarbeiter fingen an zu streiken und blockierten mit ihren Elektro-Fahrrädern den Eingang des Warenhauses in Berlin Charlottenburg.

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Auch, als der stellvertretende Geschäftsführer Julian Schuhmacher die Fahrräder beiseite räumte, damit die Arbeit weitergehen konnte, blieb laut dem Tagesspiegel alles liegen. Wenig später, um zwölf Uhr mittags, musste der Lieferservice laut dem Magazin Business Insider sogar seinen Dienst in Berlin komplett einstellen.

Die "Rider", wie man die Gorillas- Fahrradkuriere nennt, haben wohl genug. "Habt keine Angst und schließt euch uns an!", animiert ein Mitarbeiter über Twitter Kollegen zum Mitmachen. "Wir können nicht gefeuert werden, wenn wir uns alle gemeinsam beschweren!" Sogar Kollegen von anderen Lieferdiensten, die noch die bunten orangenen Kasten-Rucksäcke auf dem Rücken hatten, blieben spontan stehen und schlossen sich dem Protest an.

Bei dem mobilen Supermarkt, der Lebensmittel in weniger als zehn Minuten und nur für einen geringen Aufpreis liefern soll, zählt jede Sekunde. Ob Eiswürfel nachts um zehn oder der frühmorgendliche Wocheneinkauf - Gorillas Mitarbeiter haben laut Recherchen von TAG24 weniger als eine Minute Zeit, die Einkäufe zu verpacken, und wenig später müssen sie auch schon vor der Tür der Empfänger stehen. Das schreit förmlich nach Ausbeutung - doch ist dem wirklich so?

Arbeitsunfälle und Rückenschmerzen beim Lieferservice Gorillas - da helfen nur noch Memes

Das Gorillas Workers Collective, eine Art inoffizielle Arbeitervertretung der Berliner Zulieferer, erzählt von Arbeitsunfällen oder Kündigungen wegen Krankschreibung und Rückenschmerzen.

Das alles trifft vor allem Migranten, auch Backpacker, die nur vorübergehend in Deutschland sind. Auf einer eigenen Meme-Seite auf Instagram versuchen die Rider, ihren Frust auf humorvolle Art und Weise zu verarbeiten: Ein Mensch liegt da zum Beispiel wie ein Käfer auf dem Boden, unfähig sich aufzurichten vor lauter pochenden Gelenken - so ginge es manch einem schwer beladenen Lieferanten.

Ein anderes Bild zeigt eine junge blonde Frau, die nur ungläubig auf etwas starrt. So soll es wohl auch den Gorilla-Fahrern gehen, wenn sie ihre Rucksäcke anschauen. Offiziell dürften sie nur Einkäufe bis zu zehn Kilo transportieren, teilweise müssten die Kuriere aber mehr als 25 Kilo schleppen.

So zumindest die Schätzung, denn es gibt keine Waagen im Lager. Das soll sich ändern, fordert zumindest die Vereinigung, die der Gaststätten-Gewerkschaft Nahrung-Genuss und der anarchistischen Gewerkschaft "Freie Arbeiter*innen-Union" nahe steht.

Mitarbeiter bei Gorillas protestiert: "Ich möchte, dass es Verbesserungen gibt"

Nun wollen die Mitarbeiter hinter dem Kollektiv laut werden und einen Betriebsrat gründen. Das sei die Reaktion auf die ständige Angst, gefeuert zu werden, sobald man den Mund aufmacht.

Gorillas zählt inzwischen rund 1000 Mitarbeiter und ist das am schnellsten wachsende Start-up Deutschlands. Mitbegründer Kagan Sümer muss jetzt aber erstmal aus diesem Shitstorm herauskommen: Seit Mittwoch trendet "Gorillas" auf Twitter, immer mehr Arbeiter beschweren sich über die Bedingungen vor Ort.

Nicht alle Mitarbeiter streiken, manche berichteten dem Tagesspiegel, ihnen gefalle die Arbeit bei Gorillas sogar. Trotzdem bestätigen auch sie, dass sich einiges ändern müsse.

"Ich möchte weiter bei Gorillas arbeiten, aber ich möchte auch, dass es Verbesserungen gibt", meinte ein junger US-Amerikaner, der seinen Namen nicht nennen möchte. Es gab wohl Auseinandersetzungen zwischen den Gorillas, die weiterarbeiten wollten, und denen, die weiter protestierten. Die Polizei war vor Ort, griff aber nicht ein.

Lieferservice Gorillas: Techno für die Harmonie reicht wohl nicht

Dabei ist es ein selbsterklärtes Ziel des Start-ups, eine angenehme Arbeitsatmosphäre herzustellen - dazu beitragen sollen laut dem Handelsblatt eine einheitliche coole schwarze Arbeitskleidung und Technomusik in den Lagern.

So wie es aussieht, reicht das den Pickers und Riders nicht ganz - sie wollen was vom Kuchen des Unternehmens abhaben, das über eine Milliarde Umsatz macht, obwohl es erst seit einem Jahr besteht.

Das Management reagierte auf den Unmut schon mit einer internen Nachricht: In dieser hieß es, der Vertrag mit dem Kurier habe beendet werden müssen, sie könnten aber keine Details dazu sagen, um die Privatsphäre des Mitarbeiters nicht zu gefährden. "Unser Tun bei Gorillas fußt darauf, dass wir uns gegenseitig schätzen und unterstützen", so die Nachricht.

Zur Erklärung fügte die Chefetage noch hinzu: "Wir verstehen, dass manche von euch besorgt sind, aber bitte versteht und unterstützt uns. Wir haben klare Linien, was Fehlverhalten angeht. Es geht darum, die anderen Mitarbeiter und unsere Werte zu beschützen."

Gorillas: Ausgebeutet und politisch eingeschüchtert?

Das Statement stieß auf Twitter nicht gerade auf Verständnis, manche fingen sogar an, Gorilla wegen weiterer Dinge zu beschuldigen: Sobald man etwas sage, was der Leitung nicht passe, würde man gefeuert, so der Tenor.

Eine Userin meinte dazu: "Ich kenne einige Leute bei Gorillas, die keine sichere Aufenthaltsgenehmigung haben, migrantisch, schwarz, trans und queer sind. Sie sind Teil des Streiks, weil sie sich ausgebeutet und politisch eingeschüchtert fühlen. Ihre vorigen Jobs mussten viele aufgrund der Pandemie aufgeben. Deshalb sind sie vor allem jetzt auf diesen Job angewiesen, sie können da nicht einfach aufhören zu arbeiten."

Heute Nachmittag startete der Lieferservice dann seinen Betrieb wieder. Wenig später schrieb Gorilla Workers auf Twitter, die Gespräche seien beendet, Santiago aber nach wie vor nicht wieder eingestellt. Die Chefetage weigere sich, ein offizielles schriftliches Statement zu veröffentlichen. Das Kollektiv kündigte deswegen weitere Aktionen an.

Titelfoto: IMAGO/Michael Gstettenbauer​

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