Debatte um Ausgangssperre in Berlin: Top-Virologe äußert Zweifel

Berlin - Braucht Berlin eine Ausgangssperre oder verhalten sich die Hauptstädter vernünftig genug, damit das nicht nötig ist? Die Antworten auf solche drängenden Fragen angesichts der steigenden Zahl der Infizierten mit dem neuartigen Coronavirus und des ersten Todesfalls in Berlin fallen sehr unterschiedlich aus.

So leer ist der Berliner Ku'damm gegen 10 Uhr morgens eigentlich nie.
So leer ist der Berliner Ku'damm gegen 10 Uhr morgens eigentlich nie.  © Michael Kappeler/dpa

Und das sogar innerhalb des rot-rot-grünen Senats. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (55, SPD) hat in den vergangenen Tagen immer wieder erklärt, dass er sich für Ausgangssperren nicht begeistern kann, sie aber auch nicht ausschließen will.

Währenddessen hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (53, CSU) am Freitag weitreichende Ausgangsbeschränkungen angekündigt, die ab Samstag gelten sollen. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist dort dann nur noch bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (65, CDU) will sich am Sonntagabend mit den Ministerpräsidenten der Länder in einer Telefonkonferenz beraten. Dabei dürfte es auch ums Thema Ausgangssperren gehen.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (53, SPD) ist dafür, hat sich mit ihrer Position in der Sondersitzung des Senats am Donnerstagabend aber nicht durchsetzen können. Die Diskussion über das Thema wurde nach Angaben von Teilnehmern ausgesprochen emotional geführt.

"Senatorin Kalayci hat dem Senat eine Ausgangssperre empfohlen, die abgelehnt wurde", teilte ihre Sprecherin am Freitag mit. Die Linke in Berlin sieht Ausgangssperren ausgesprochen kritisch: "Jedes andere Mittel muss erst ausgeschöpft sein", sagte Landesvorsitzende Katina Schubert der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Eine Ausgangssperre bedeute keine verlängerten Schulferien. "Wir sperren dann Leute ein."

Virologe Drosten: Keine Daten über Wirkung von Ausgangssperren

Der Berliner Virologe wies in der Debatte um eine Ausgangssperre auf ein Mangel an Daten hin.
Der Berliner Virologe wies in der Debatte um eine Ausgangssperre auf ein Mangel an Daten hin.  © Christophe Gateau/dpa, Jörg Carstensen/dpa

Die Berliner SPD-Fraktion hat sich in der Diskussion gegen Tabus ausgesprochen: "Die Situation ist so ernst, dass kein Instrument tabu ist", teilte Fraktionsvorsitzender Raed Saleh (42) am Freitagabend mit. 

Es gehe nicht um politische Befindlichkeiten, sondern um die Gesundheit der Bevölkerung. "Es geht um Leben und Tod. Von der italienischen Krankenschwester bis zum italienischen Ministerpräsidenten hören wir, bitte macht nicht unsere Fehler. Das müssen wir ernst nehmen."

Ob eine Ausgangssperre den Erfolg bringt, ist allerdings unklar. Der Berliner Virologe Christian Drosten (48) weist auf einen Mangel an Daten hin. Es sei relativ schwer zu sagen, ob eine zusätzliche Maßnahme wie eine Ausgangssperre einen Unterschied mache. 

"Dafür gibt es überhaupt keine Daten", sagte der Charité-Wissenschaftler am Freitag im NDR-Podcast. Entsprechende Daten werde es erst in zwei oder drei Wochen geben.

"Man kann ja nicht sagen, man macht einfach die Maßnahmen immer strikter - ohne zu wissen, ob das überhaupt einen Unterschied noch bringt oder ob man schon eigentlich die Durchschlagskraft erreicht hat, die man braucht", sagte Drosten. Die Politik stehe vor der Schwierigkeit, ein Augenmaß zu finden, ob die Maßnahmen reichten oder ob nachgesteuert werden müsse.

Seine persönliche Wahrnehmung sei, sagte Drosten, dass die Straßen am Freitagmorgen zum ersten Mal wirklich leer gewesen seien - und zwar auch in Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg, wo sonst viele junge Leute unterwegs seien. Auch die Touristen seien weg. Sein Eindruck sei, dass die Menschen die Lage nun ernster nähmen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte in den vergangenen Tagen erklärt, dass es eine Zeit dauern wird, bis sich die bisher angeordneten Maßnahmen wie die Schulschließungen in den gemeldeten Fallzahlen niederschlagen könnten.

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Titelfoto: Christophe Gateau/dpa, Jörg Carstensen/dpa

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