Hass-Kriminalität in Berlin: Täglich zwei homo- und transfeindliche Angriffe

Berlin - 731 Fälle – das sind zwei pro Tag – von Drohungen, Beleidigungen und Angriffen gegen schwule Männer, Transsexuelle und lesbische Frauen hat eine Opferberatungsstelle im vergangenen Jahr in Berlin registriert.

Die Berliner Politik lobt die eigene Stadt gerne als tolerant und weltoffen. Im Nachtleben zeigt sich die Hauptstadt aber oft auch von einer anderen Seite.
Die Berliner Politik lobt die eigene Stadt gerne als tolerant und weltoffen. Im Nachtleben zeigt sich die Hauptstadt aber oft auch von einer anderen Seite.  © Wolfgang Kumm/dpa

Das teilte das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo am Montag mit. Meistens ging es demnach bei den Meldungen um Drohungen und Nötigungen (36 Prozent), Körperverletzungen (30 Prozent) und Beleidigungen (28 Prozent).

Ein großer Teil der gemeldeten Fälle richtete sich den Angaben zufolge gegen Schwule oder bisexuelle Männer. Die meisten Fälle seien aus Schöneberg gemeldet worden, gefolgt von Kreuzberg, Neukölln und Tiergarten. Das sind die Stadtteile, in denen die schwul-lesbische Szene am stärksten sichtbar vertreten ist und sich auch viel Nachtleben abspielt.

Maneo, die Opferberatungsstelle für Schwule, veröffentlicht die Jahreszahlen traditionell kurz vor dem 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie.

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Von den 731 Hinweisen habe man aber nur 321 genauer Fälle auswerten können, teilte Maneo mit. Die Polizei habe seit dem vergangenen Jahr keine zusätzlichen Informationen zu den Taten liefern können, weil der Datenschutzbeauftragte der Staatsanwaltschaft Bedenken habe. Das hatten zuvor schon Opferberatungsstellen zu den Themen Antisemitismus und rassistische Taten beklagt.

Maneo stellte fest, bei 413 Hinweisen fehlten genauere Informationen zu Tatzeit, Tatorten und Ereignissen. Früher seien solche Hinweise mit den bei der Polizei eingegangenen Anzeigen abgeglichen worden. Daher könnten die Zahlen von 2021 auch nicht eindeutig als Anstieg oder Rückgang eingeordnet werden. Hinzu käme, dass die meisten Taten gar nicht erst bekannt würden. "Das Dunkelfeld liegt unserer Einschätzung nach bei 80-90 Prozent."

Berlin sei führend im Umgang mit dem Thema homophobe Gewalt und Vorbild für andere Bundesländer

Der Leiter von Maneo, Bastian Finke, betonte bei einer Anhörung im Innenausschuss am Montag, der langjährige Austausch mit der Polizei habe drei Gründe: Vermeidung von Doppelzählungen, Informationen über Kriterien und Phänomene der Taten sowie Austausch über Prävention. Nun drohe Schaden für die Partnerschaft mit der Polizei und für die über Jahre verbesserte Anzeigebereitschaft der Opfer. Man brauche die anonymisierten Informationen der Polizeistatistik umgehend wieder.

Innensenatorin Iris Spranger (60, SPD) versicherte: "Wir brauchen natürlich so einen Austausch." Man werde darüber sprechen. Berlin sei führend im Umgang mit dem Thema homophobe Gewalt und Vorbild für andere Bundesländer.

Seit 30 Jahren gebe es bei der Polizei hauptamtliche Ansprechpartner für Schwule und Lesben als Opfer von Kriminalität. Auch die Ansprechpartnerin der Polizei, Anne von Knoblauch, bedauerte den fehlenden Datenaustausch. Abgeordnete der Koalitionsfraktionen sagten, man wolle das ändern.

Maneo nannte im Jahresbericht auch Beispiele von Taten:

- Eine transsexuelle Frau wurde im Januar 2021 in Treptow in einem Bus von einer Frau mehrfach beleidigt, dann wurde ihr ins Gesicht gespuckt.

- Ein schwuler Mann wurde im Juni 2021 in Kreuzberg an einer Tankstelle mehrfach beleidigt und mit einer Kopf-Ab-Geste bedroht.

- Ein junger Tourist mit einer Regenbogenfahne wurde nach dem Berliner Christopher Street Day von einem Mann von hinten angegriffen, getreten und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er erlitt einen dreifachen Kieferbruch und kam in ein Krankenhaus.

Titelfoto: Wolfgang Kumm/dpa

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