Kommentar zur Räumung der "Liebig 34": Quo vadis, Berlin?

Berlin - Für die einen war sie ein Stachel im Fleisch, für die anderen ein Fluchtpunkt. Nach der Räumung der "Liebig 34" in Berlin-Friedrichshain entflammt erneut eine Diskussion um Freiräume in der stetig dichter werdenden Hauptstadt. Ein Kommentar.

Polizisten stehen nach der Räumung am Eingang des ehemals besetzten Hauses "Liebig 34".
Polizisten stehen nach der Räumung am Eingang des ehemals besetzten Hauses "Liebig 34".  © Fabian Sommer/dpa

Auch wenn Twitter rauchte, bekam es nicht jeder mit: Während der ins Verschwörerische abdriftete Schlagerstar Michael Wendler (48) nun dicke mit Kochbuchautor Attila Hildmann (39) ist und sich mit seinen kruden Aussagen beruflich ins Aus schoss, verschwand fast zeitgleich mit dem "anarcha-queer-feministischen" Hausprojekt eines der letzten Symbole der linksautonomen Szene. 

Hier fanden diejenigen ein Zuhause, die woanders nicht so sein konnten, wie sie wollten. Frauen, trans- und intersexuelle Personen fühlten sich in diesem solidarischen Refugium sicher. Kritikern hingegen war der Rückzugsort ein Dorn im Auge, eine Keimzelle des Krawalls und der Kriminalität.

Das linksautonome Szeneobjekt ist nur einen Steinwurf von der einstigen DDR-Prachtallee und dem Hipster-Hotspot "Boxhagener Platz" (liebevoll "Boxi" genannt) entfernt. Ebenso von der Mainzer Straße. 

Dort lieferten sich Polizei und Hausbesetzer am 14. November 1990 erbitterte Straßenschlachten. Auslöser war die angeordnete Räumung von 13 besetzten Häuser – mit politischen Folgen: Es kam zum Bruch des rot-grünen Senats. Die damaligen Besetzer der "Liebig 34" erhielten gültige Mietverträge.

Der Ruf des alternativen Wohnprojektes schallte weit über die deutschen Grenzen hinaus, die Strahlkraft war international. Am 9. Oktober 2020 war der Traum nach gut 30 Jahren endgültig ausgeträumt: Die Polizei mit 1500 Beamten stadtweit im Einsatz räumte das Haus in der Liebigstraße Ecke Rigaer Straße im Friedrichshainer Nordkiez.

Polizei räumt besetztes Haus "Liebig 34" unter viel Protest

Polizisten betreten während der Räumung des Wohnprojekts "Liebig 34" über eine Leiter das Haus Nummer 34 in der Liebigstraße.
Polizisten betreten während der Räumung des Wohnprojekts "Liebig 34" über eine Leiter das Haus Nummer 34 in der Liebigstraße.  © Paul Zinken/dpa

Rückblick: Ende 2018 lief der auf zehn Jahre befristete Pachtvertrag aus. Bereits 2008 wollten die Bewohner das Haus von einer Erbengemeinschaft kaufen – vergeblich. 

Für einen Spottpreis von 600.000 Euro krallte sich das Gebäude stattdessen ein großer Immobilienspekulant und AfD-Unterstützer aus Berlin, der mit fragwürdigen Geschäftspraktiken in der Hauptstadt für Schlagzeilen sorgt. Verhandlungen mit dem Besitzer scheiterten, am Ende stand ein Räumungsurteil.

Der Verlust ihres erkiesten Schutzraumes am Freitag ist ein Schlag ins Kontor für die Anarchistinnen und Feministinnen. Das Wohnprojekt war ein symbolträchtiges Bollwerk gegen den Ausverkauf der Stadt.

Das Aufbäumen der Liebig34-Bewohner gegen den Rechtsstaat war zuvor laut, die Räumung unter Protesten dann eher friedlich, bevor am Freitagabend die Stimmung kippte: Bei einer Protest-Demo kam es zu Randale. Bilder des Zorns, Bilder der Verzweiflung um den Verlust, vor allem aber der blinden Zerstörungswut: eine Spielwiese für angereiste Krawall-Touristen!

Der Blick auf die wesentlichen Probleme in der von Immobilienheuschrecken gepeitschten Hauptstadt wird dadurch verstellt, der Fokus und mediale Diskurs verschieben sich auf Randphänomene. "Wer Scheiben einschlägt und Autos anzündet, hat sich aus der politischen Diskussion verabschiedet", urteilte SPD-Politiker Andreas Geisel (54) am Samstag.

Auf Twitter wütete der Netz-Mob nach der Räumung der "Liebig 34"

Zwei Polizisten stehen nach der Räumung im Treppenhaus des ehemals besetzten Hauses "Liebig 34".
Zwei Polizisten stehen nach der Räumung im Treppenhaus des ehemals besetzten Hauses "Liebig 34".  © Fabian Sommer/dpa

Die Unkenrufe ließen nach der Räumung nicht lange auf sich warten: Der Hashtag #Drecksloch trendete auf Twitter und bei Facebook schäumte auch die Fuchs-Fraktion der Bausparkasse Schwäbisch Hall, die mitunter in den 1980ern Wehrflucht nach West-Berlin beging – und nun arriviert nach ihrer wilden Phase selbst Gentrifizierung in den In-Vierteln betreibt. 

Schlimmer noch: In den Sozialen Medien verbreiteten User unter dem Hashtag Fotos einer versifften Matratze, einer dreckigen Küche und eines zugemüllten Zimmers, die angeblich in dem geräumten Wohnprojekt entstanden sind.

Fakt ist: Nach einer Rückwärts-Bildersuche bei Google konnten diese eindeutig nicht der "Liebig 34" zugeordnet werden. Stattdessen stammen die Fotos von Entrümpelungsunternehmen andernorts vor 2020. Schande!

Gegner der "Liebig 34" verlangten unbeirrt im Netz den Knüppel der Gerechtigkeit, Haudrauf-Aktionen wurden gefordert, der virtuelle Galgen errichtet, wo sind die Wasserwerfer, stellt das Pack an die Wand!

Im Netz wütete der Mob – und erging sich in Gewaltfantasien, sinnierte über Lynch-Justiz: "Am schönsten wäre so ein Brandstifter gefesselt auf dem Fahrersitz", schrieb exemplarisch ein User. Wollen wir diese alttestamentarische Diskussionskultur bemühen? Aug' um Aug', Zahn um Zahn. Stimmen die Relationen noch? 

Doch das Ende eines queerfeministischen Wohnprojektes ist nur symptomatisch dafür, was in Berlin schiefläuft. Auch die Räumung der linken Neuköllner Szenekneipe "Syndikat" im August 2020 machte erneut deutlich: Es ist Betongold, das die Schere zwischen Arm und Reich immer größer werden lässt, soziale Spannungslagen und Ungleichheit prägen das städtische Leben, Gentrifizierung nimmt nicht nur Randgruppen die Luft zum Leben.

Aber: Die Debatte um den überhitzten Immobilienmarkt muss hierbei losgelöst von jedweden ideologischen Anker geführt werden. Vor allem frei von Gewalt gegen Personen, Vandalismus, destruktiven Anwandlungen. 

"Der Konflikt in der Liebigstraße ist für mich kein rechtliches, sondern vor allem ein politisches Problem", sagte Stadtforscher Andrej Holm rückblickend auf die enttäuschte Ost-Berliner Besetzer-Szene nach 1989 im Gespräch mit der Berliner Zeitung

Der rot-rot-grüne Senat sitzt derweil zwischen den Stühlen, will es allen recht machen und ist dabei gelähmt. Heikel!

Wohin geht die Reise, Berlin?

Demonstranten zünden bei einer Demonstration Bengalische Feuer.
Demonstranten zünden bei einer Demonstration Bengalische Feuer.  © Christophe Gateau/dpa

Berlin hat sich immer gewandelt, doch in welche Richtung soll es gehen? Die Liste der Verlierer wird länger: Die Krankenschwester, der Feuerwehrmann, die Pflegekraft, die Rentnerin, die Aktivisten, sie alle werden abgehängt. "Häuser denen, die drin wohnen", skandierten die Protestler am Freitagmorgen vor der "Liebig 34".

Wo Freiräume verschwinden, wo Wohnraum zum Luxusgut verkommt, wo längst nicht nur instandbesetzte Szene-Viertel der feuchte Traum von Immobilienspekulanten sind, wird die Krise zum Katalysator mit negativen Vorzeichen.

Nach dem umstrittenen Mietendeckel diskutiert Deutschland bereits heftig die Enteignung großer Wohnungskonzerne – und findet keinen Lösungsweg.

Deutschland spaltet sich in teils unversöhnliche Meinungslager mit unterschiedlicher Kritik am politischen Betrieb. Diese findet und fand ihren Ausdruck mitunter auch in populistischen Ausformungen auf den Straßen Berlins.

Ja, es sind viele Baustellen. Ja, es ist ein Spagat. Ja, es ist nicht leicht, alle miteinander zu versöhnen und jedem Lebensentwurf von Menschen verschiedener soziokultureller Milieus gerecht zu werden – die Marktwirtschaft regelt. "Der Mensch lebt nicht von Nachtruhe und Mülltrennung allein", sagte schon Musiker und Autor Sven Regener (59) über "Das Viertel" in Bremen. 

Die Frage ist: Wie wollen, wie können wir künftig in Zeiten städtischer Konflikte um Aufwertung und Verdrängung hier leben? Berlin ist für viele Menschen auf verklärter Heilssuche weiter Sehnsuchtsort, Fluchtpunkt und Glücksversprechen zugleich. Doch weder Townhouses noch Urban Lofts gehören dazu. 

Ziel muss es sein, sich konstruktiv für eine gerechtere und lebenswerte Stadt einzusetzen – mit Freiräumen im Kiez für alle Bewohner und im Schulterschluss mit Politik und Rechtsstaat.

Titelfoto: Christophe Gateau/dpa, privat (Bildmontage)

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