FC Viktoria 1889 rockt die Regionalliga! So gelang den Berlinern der Nehrig-Coup

Berlin - Damit haben wohl nur die wenigsten gerechnet! Der FC Viktoria 1889 Berlin grüßt nach vier Spieltagen in der Regionalliga Nordost von der Tabellenspitze - und das trotz eines wahren Hammerprogramms!

Viki-Coach Benedetto Muzzicato (41) hat mit seinem Team aktuell einen Lauf.
Viki-Coach Benedetto Muzzicato (41) hat mit seinem Team aktuell einen Lauf.  © Picture Point / Roger Petzsche

Die Himmelblauen mussten beim Chemnitzer FC (2:1), FC Energie Cottbus (2:1) und im heimischen Stadion Lichterfelde gegen die VSG Altglienicke (2:1) antreten, gegen die man erst am 22. August im Berliner Pokalfinale der vergangenen Saison gespielt und gleich mit 0:6 verloren hatte. Von dieser niederschmetternden Pleite zeigte sich die Mannschaft aber nicht beeindruckt und bezwang drei Tage später den FSV Optik Rathenow mit 2:0. 

Vikis Sportdirektor Rocco Teichmann sagte zu dieser makellosen Liga-Bilanz: "So wie es gekommen ist, ist es natürlich sehr erfreulich." Doch dies sei dem Deutschen Meister von 1908 und 1911 keineswegs einfach so zugeflogen. Man habe vor dieser Saison an Stellschrauben gedreht. Gerade offensiv wollte man sich "gefährlicher" aufstellen, so Teichmann. 

Denn in der abgebrochenen Spielzeit stellte Viktoria mit nur 17 Gegentoren zwar die beste Abwehr seiner Staffel, schoss in 23 Partien aber auch nur 20 eigene Tore. Nach vier Begegnungen zeigt sich die Truppe von Trainer Benedetto Muzzicato nun deutlich verbessert und erzielte schon acht Treffer.

Dass man nur drei Gegentore in vier Partien gefangen hat, ist ebenfalls bemerkenswert. Schließlich dürfe man nicht vergessen, dass mit Kapitän und Abwehrchef Marcus Hoffmann (zum SV Babelsberg 03) und Stammkeeper Stephan Flauder (zu Kickers Offenbach) zwei wichtige und erfahrene Stützen den Verein verlassen haben. Das habe man sportlich "kompensieren" können, doch "neben dem Platz" sei dies eine Herausforderung gewesen. "Gerade in der Führung einer Mannschaft", erklärte Teichmann im exklusiven Interview mit TAG24.

FC Viktoria 1889 Berlin sorgte mit der Verpflichtung von Bernd Nehrig für Aufsehen

Der FC Viktoria 1889 sorgte mit der Verpflichtung von Bernd Nehrig (33) für Aufsehen. Der Ex-Kapitän von Eintracht Braunschweig steht sinnbildlich für die Ambitionen der Himmelblauen.
Der FC Viktoria 1889 sorgte mit der Verpflichtung von Bernd Nehrig (33) für Aufsehen. Der Ex-Kapitän von Eintracht Braunschweig steht sinnbildlich für die Ambitionen der Himmelblauen.  © Picture Point / Gabor Krieg

Doch man habe sich früh umgeschaut, um den "Kader in die richtige Richtung" zu lenken, erklärte der frühere Innenverteidiger. "Davon profitieren wir nun gerade am Anfang der Spielzeit." 

Der Klub habe schon Mitte März die ersten Verpflichtungen für die neue Saison getätigt und Verlängerungen bekannt gegeben. 

Da man ab dem ersten Tag der Vorbereitung mit dem Stamm der Akteure zusammenarbeiten konnte, habe das Team "mehr Stabilität als Vereine, die sich noch nicht so sicher waren, wie sie die Kaderplanung angehen." Das wäre ein "sehr großer Vorteil", so der gebürtige Brandenburger. Dennoch sei natürlich noch "keine Entscheidung in der Liga" gefallen. Trotzdem freut sich der 111-fache Regionalliga-Spieler über diesen guten Start. 

Dann klärte der Sportdirektor auch auf, wie gut das Teamwork bei Viki ist - und wie man die überraschende Verpflichtung von Bernd Nehrig unter Dach und Fach bringen konnte. 

Am Mittwoch wurde die erfahrene "Kampfsau" von Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig geholt (TAG24 berichtete). Teichmann zufolge war er "schon länger Thema" bei den Himmelblauen. Damals habe er aber "ambitionierte Aufgaben" gehabt. Erst beim FC St. Pauli, dann in Braunschweig, wo er 2018/19 erst den Klassenerhalt in der 3. Liga schaffte und in der Folgesaison dann den Aufstieg in die 2. Bundesliga

Mit 33 Jahren habe Nehrig nun jedoch die Zeit nach seiner Karriere im Blick: "Er ist jemand, der darüber nachdenkt, wie es weitergeht." Erste Annäherungen vor Ort habe es schon beim DFB-Pokal-Spiel gegen Arminia Bielefeld (0:1) gegeben. Dieser Pfad sei auch fortan nicht verlassen worden. 

Spieler des FC Viktoria 1889 Berlin können sich ausschließlich auf den Fußball konzentrieren

Sportdirektor Rocco Teichmann (34) ist seit dem 1. Januar 2016 für den FC Viktoria 1889 Berlin tätig.
Sportdirektor Rocco Teichmann (34) ist seit dem 1. Januar 2016 für den FC Viktoria 1889 Berlin tätig.  © PR/FC Viktoria 1889 Berlin

"In der Summe mit den Gesprächen, den Ambitionen und sicherlich auch dem guten Start, den wir hingelegt haben", sei dieser Transfer-Coup dann möglich gewesen. 

Teichmann stellte heraus, dass Nehrig "richtig Bock" auf seine neue Aufgabe hat. "Keiner" strahle die Eigenschaften "Gier, Erfahrung und Stabilität" mehr aus als der 259-fache Zweitliga-Spieler. Das werde dennoch "kein Selbstläufer", aber "seine Mentalität" und Eigenschaften als "Fighter" dürften wohl auch in der Regionalliga gut ankommen. 

"Er soll vermitteln, was es heißt, erfolgreich zu sein. Ich glaube, das kann er aufgrund seiner Erfahrung sehr gut", schlussfolgerte Teichmann. 

Er kann sich übrigens - wie die anderen Spieler auch - wegen der "wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die wir zur Verfügung stellen, ausschließlich auf den Fußball konzentrieren", sagte Viktorias Sportchef.

Einige würden nebenher studieren. Der Fokus liege aber klar auf "dem Profifußball". Dorthin zu kommen, sei "das Ziel" von Viki. "Da braucht man auch nicht drum herumreden." 

Man wolle perspektivisch in die 3. Liga, müsse aber immer "realistisch" bleiben, erklärte Teichmann. 

Mannschaft des FC Viktoria 1889 Berlin erweist sich als gierig und lernwillig

Der erfahrene Kapitän zeigt vollen Einsatz: Christoph Menz (r.), früher für den 1. FC Union Berlin, Rot-Weiß Erfurt und Dynamo Dresden aktiv, ist Viktorias ruhender Pol im zentralen Mittelfeld.
Der erfahrene Kapitän zeigt vollen Einsatz: Christoph Menz (r.), früher für den 1. FC Union Berlin, Rot-Weiß Erfurt und Dynamo Dresden aktiv, ist Viktorias ruhender Pol im zentralen Mittelfeld.  © Picture Point / Roger Petzsche

Die Trainingsbedingungen erfordern dabei durchaus ein hohes Maß an Organisation, was aber "keine Ausrede und kein Alibi" sein solle. Der Klub möchte sich in dieser Hinsicht weiter verbessern. 

Problematisch wird es allerdings, wenn nach dieser Saison eine der ambitionierten Viertliga-Mannschaften den Sprung in die dritthöchste deutsche Spielklasse schaffen sollte. 

Wenn der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark abgerissen wird, gibt es außerhalb des Olympiastadions und der Alten Försterei nämlich keine Profifußball-taugliche Spielstätte. 

Sollte Viki weiterhin so aufspielen, dann könnte diese Frage bald für einige Diskussionen sorgen. 

Denn, dass die Muzzicato-Mannen aus Niederlagen  lernen, machte das Spitzenspiel am Mittwoch klar. Bei diesem hatten sie mehr Siegeswillen entwickelt als die VSG und am Ende völlig verdient, aber auch etwas knapp gewonnen. 

Dennoch bewies die Mannschaft, dass sie "extrem lernfähig" ist. "Sie muss merken, dass eine gewisse Gier notwendig ist, um jedes einzelne Spiel in der Regionalliga positiv zu bestreiten." 

Bis zum heutigen Tag habe sie das bewiesen. Nun, als alleiniger Tabellenführer sei diese Eigenschaft umso wichtiger, weil die anderen Teams sich auf Viki "einstellen werden", verdeutlichte Teichmann weiter.

FC Viktoria 1889 hat die Möglichkeiten im Angriff mit Kimmo Hovi und Tamer Ertürkler erweitert

Viktoria verlor das Berliner Pokalfinale am 22. August gleich mit 0:6 gegen die VSG Altglienicke. Unter der Woche revanchierte man sich und schlug den Rivalen in der Liga mit 2:1.
Viktoria verlor das Berliner Pokalfinale am 22. August gleich mit 0:6 gegen die VSG Altglienicke. Unter der Woche revanchierte man sich und schlug den Rivalen in der Liga mit 2:1.  © Christoph Soeder/dpa/ZB

Deshalb müsse man auch effektiver vor dem Tor werden. Denn gegen Altglienicke sei man "in der zweiten Halbzeit fahrlässig" mit den eigenen Chancen umgegangen. 

Um diesen Aspekt noch weiter zu verbessern, arbeite man "konzentriert, um auch im Training nicht leichtfertig Chancen herzuschenken".

Jetzt würden Kleinigkeiten die Partien entscheiden: "Da wird sich zeigen, ob die Mannschaft bereit ist." Schon die Partie am Sonntag (13.30 Uhr) im Mommsenstadion beim frechen Aufsteiger Tennis Borussia Berlin ist der nächste Prüfstein. 

Auf die Offensive kann sich Viki dabei in dieser Saison trotz einiger vergebener Möglichkeiten bisher verlassen. Im Angriffszentrum sind die Möglichkeiten ganz bewusst auch größer als noch 2019/20. Der bullige Kimmo Hovi (26) kam mit der Empfehlung von 14 Toren und sieben Vorlagen vom FSV Union Fürstenwalde und spielte zuvor beim Chemnitzer FC.

Dazu hat der junge Lucas Falcao (20) den nächsten Schritt gemacht und zeigte sich in der Vorbereitung extrem treffsicher. Mit Tamer Ertürkler (19) hat man einen weiteren jungen Wilden in der Hinterhand, der in den vergangenen zwei A-Jugend-Regionalliga-Jahren 30 Mal einnetzte.

Torjäger Pardis Fardjad-Azad kämpfte erfolgreich um eine Vertragsverlängerung beim FC Viktoria 1889

Der sechsfache aserbaidschanische Nationalspieler Pardis Fardjad-Azad (M.) ist mit drei Treffern in vier Spielen Vikis bester Torjäger.
Der sechsfache aserbaidschanische Nationalspieler Pardis Fardjad-Azad (M.) ist mit drei Treffern in vier Spielen Vikis bester Torjäger.  © Picture Point / Roger Petzsche

Ganz besonders muss man aber den erfahrenen Pardis Fardjad-Azad nennen, der sich laut Teichmann "auf einem ganz anderen Leistungslevel" als noch in der Vorsaison befindet. Im Sommer 2019 war er erst spät nach Berlin-Lichterfelde gekommen, hatte sich verletzt und mehrfach mit "kleineren Wehwehchen zu kämpfen".

"Dann kam die Corona-Zeit, wo er mit am meisten an sich selber gearbeitet hat", erklärte Teichmann weiter: "Sein Vertrag lief aus. Eigentlich war der Punkt schon da, wo wir gesagt haben, dass wir eine weitere Zusammenarbeit nicht eingehen."

Beim freiwilligen Training sei er in einem hervorragenden Zustand wiedergekommen, der Teichmann und den anderen Verantwortlichen zeigte: "Er hat es begriffen!"

Das brachte Teichmann, der einst mit dem sechsfachen aserbaidschanischen Nationalspieler zusammen beim Berliner Athletik Klub 07 gekickt hatte, auf die Idee, ihn doch nochmal "mit auf die Reise zu nehmen".

Diese Entscheidung habe sich für alle Beteiligten ausgezahlt. Mit drei Toren in vier Einsätzen ist er bester Goalgetter!

Titelfoto: Picture Point / Roger Petzsche

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