Kiezkneipe "Syndikat" geräumt: Großaufgebot der Polizei in Neukölln

Berlin - Aufruhr im Schillerkiez! Nach über 35 Jahren soll die Neuköllner Traditionskneipe "Syndikat" am Freitagmorgen geräumt werden. Schon 24 Stunden zuvor war die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort und setzte Maßnahmen durch. Das Ende der tief im Kiez verwurzelten sozialen Instanz wirft ein Schlaglicht auf den überhitzten Immobilienmarkt voller Spekulanten im boomenden Berlin.

Polizisten stehen am Donnerstagmittag neben dem "Syndikat" in dem abgesperrten Bereich der Weisestraße in Berlin-Neukölln.
Polizisten stehen am Donnerstagmittag neben dem "Syndikat" in dem abgesperrten Bereich der Weisestraße in Berlin-Neukölln.

Mitglieder der linken und linksautonomen Szene kündigten zuvor Proteste und Blockaden an. Schon am Donnerstagvormittag stellte die Berliner Polizei links und rechts der Weisestraße Absperrgitter auf. Damit wolle man Sitzblockaden in dem Bereich verhindern. 

Rückblick: Die britische Milliardärsfamilie Pears mit mindestens 3000 Wohnungen in Berlin hatte im Juli 2018 den Mietvertrag der Kneipe nicht verlängert, das Betreiberkollektiv wollte aber die Räumlichkeiten nicht verlassen (TAG24 berichtete).

Nach eigenen Angaben besitzen die Pears-Brüder, die zu den reichsten Menschen Englands gehören, mehr als 6000 Immobilieneinheiten in der Bundeshauptstadt. 

Recherchen des "Syndikats" enthüllten erst, dass es sich bei dem zunächst nicht bekannten Immobilienmogul um ein global operierendes Netzwerk aus Briefkasten- und Scheinfirmen handelt.

Die Gebrüder Pears verweigerten jedwede Kontaktaufnahme, zu Gesprächen kam es demnach nicht. Auch die Politik konnte nicht zur Pears Group vordringen.

Nach Angaben des Betreiberkollektivs des "Syndikats" ist die Räumung des beliebten Lokals, das für viele Anwohner ein verlängertes Wohnzimmer, Anlaufpunkt zur Nachbarschaftshilfe und Austauschort im von Gentrifizierung geplagten Kiez ist, am Freitag für neun Uhr angesetzt. Auf den Termin wiesen im Vorfeld auch Plakate und Flyer hin.

Zwei Polizisten stehen am frühen Donnerstagabend an einem Kontrollpunkt in der Weisestraße.
Zwei Polizisten stehen am frühen Donnerstagabend an einem Kontrollpunkt in der Weisestraße.

Polizei bezieht mit Großaufgebot Stellung im Schillerkiez

Ein Flutlichtmast scheint in der Nacht zum Freitag auf Demonstranten und Unterstützer der Kiezkneipe in der Weisestraße.
Ein Flutlichtmast scheint in der Nacht zum Freitag auf Demonstranten und Unterstützer der Kiezkneipe in der Weisestraße.
Polizisten stehen am Donnerstagabend in der Weisestraße.
Polizisten stehen am Donnerstagabend in der Weisestraße.

Ab Donnerstagabend wollten Demonstranten und Unterstützer der Kneipe einen Tag vor dem Räumungstermin vor dem "Syndikat" in der "Langen Nacht der Weisestraße" anwesend sein. Jedoch waren die Straßen bereits von der Polizei weiträumig abgesperrt. Beamte wurden schon am Mittwoch vor Ort mit Einsatzfahrzeugen beobachtet. Eine Eilklage gegen die Verlegung des geplanten Straßenfestes an die nächste Straßenecke scheiterte. 

Bereits am 17. Juli habe das Kneipenkollektiv die Demo angemeldet. Eine "bewusste Verzögerungstaktik" lautet ihr Vorwurf an die Polizei hinsichtlich kurzfristig mitgeteilter Auflagen der Versammlungsbehörde.

Am nördlichen Teil der Weisestraße Ecke Selchower Straße versammelten sich dann Unterstützer des "Syndikats" vor der Absperrung. Dort kam es auch gegen 20.30 Uhr zu einer angemeldeten Kundgebung mit einigen Hundert Teilnehmern, dessen Zahl im Laufe des Abends und der Nacht im Kiez stark anstieg.

Laut Augenzeugenberichten waren es zunächst mindestens 2000 Sympathisanten. In den anliegenden Straßen vor der Bannmeile versammelten sich in der Nacht zum Freitag immer mehr Menschen.

Schillerkiez in Neukölln in der Nacht im Ausnahmezustand

Polizisten filmen in der Nacht zum Freitag Menschen vor der Absperrung in der Weisestraße.
Polizisten filmen in der Nacht zum Freitag Menschen vor der Absperrung in der Weisestraße.

Die Polizei richtete ab Anbruch der Dunkelheit bis kurz vor fünf Uhr morgens zum Schichtwechsel einen Flutlichtmast auf die Demo-Teilnehmer in der Weisestraße Ecke Selchower Straße. 

Ebenfalls leuchteten Scheinwerfer eines Richtmastes den Bereich Ecke Herrfurthstraße aus. Die Generatoren surrten die Nacht durch und beschallten Hausflure in der Weisestraße, da Eingangstüren von den Beamten durchgängig offen gehalten wurden. 

Außerdem kreiste in der Nacht über dem Bezirk ein Polizeihubschrauber. Neuköllner äußerten daher in den sozialen Medien Kritik an den polizeilichen Maßnahmen.

Nur Anwohner wurden unter Vorlage ihres Personalausweises zu ihren Wohnungen in dem gesperrten Teil der Weisestraße durchgelassen, wie ein TAG24-Reporter vor Ort berichtete. 

Beim Betreten der Wohnhäuser kontrollierten behelmte Polizisten am Donnerstagabend in der Weisestraße 56 und 57 zusätzlich die Personalien der Anwohner. 

Blick auf die Herrfurthstraße von der Sperrzone aus in der Nacht zum Freitag.
Blick auf die Herrfurthstraße von der Sperrzone aus in der Nacht zum Freitag.
Polizisten blockieren in der Nacht zum Freitag den Bereich auf der Hermannstraße zwischen Selchower Straße und Herrfurthstraße.
Polizisten blockieren in der Nacht zum Freitag den Bereich auf der Hermannstraße zwischen Selchower Straße und Herrfurthstraße.

Polizei kontrolliert Kiez-Anwohner

Polizisten beobachten am frühen Donnerstagabend die Kundgebung vor dem abgesperrten Bereich der Weisestraße.
Polizisten beobachten am frühen Donnerstagabend die Kundgebung vor dem abgesperrten Bereich der Weisestraße.

Hinterhöfe standen dort unter Beobachtung, Beamten gingen in Hausfluren Patrouille - offenbar, um etwaige Zugangswege zu blockieren. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort, darunter auch Zivilbeamte, wie sich vor Ort zeigte. Auf Dächern waren Polizisten in der weiträumig abgesperrten Weisestraße positioniert.

Der Kiez zeigte sich am Donnerstag anlässlich der angekündigten Räumung gewohnt solidarisch mit der Kneipe. Ein Banner mit der Aufschrift "Syndi bleibt" wurde am Abend über der Straße aufgespannt, weitere hingen aus den Fenstern, Anwohner schepperten auf Balkonen mit Kochtöpfen wie schon in den Monaten zuvor, um ein Zeichen gegen Verdrängung zu setzen.

Am Freitagmorgen untersagten Polizisten in den Eingängen Anwohnern das Betreten der Sperrzone aus ihren Häusern heraus zum Verweilen. Sie wurden nach Auskunft über das Ziel ihres Weges unter Polizeibegleitung zum Ausgang gebracht. Presseausweise der Medienvertreter wurden kritisch beäugt und nach dem journalistischen Medium gefragt. Ebenfalls am Freitag unterstützten die Beamten den Gerichtsvollzieher Frank Bossin (54), der im Auftrag des Eigentümers unterwegs sei.

Bossin war bereits für die Räumung des Neuköllner Kiezladens Friedel54 im Sommer 2017 zuständig gewesen. Damals kam es zu Auseinandersetzungen.

Polizisten bringen am Freitagmorgen einen Mann in der Weisestraße zu Boden.
Polizisten bringen am Freitagmorgen einen Mann in der Weisestraße zu Boden.
Polizisten stehen am Freitagmorgen in der Weisestraße vor und hinter den Absperrgittern.
Polizisten stehen am Freitagmorgen in der Weisestraße vor und hinter den Absperrgittern.

Update, 9.10 Uhr: "Syndikat" geräumt

Gerichtsvollzieher Frank Bossin (54) steht mit Polizisten am Freitagmorgen vor dem "Syndikat" in Berlin-Neukölln.
Gerichtsvollzieher Frank Bossin (54) steht mit Polizisten am Freitagmorgen vor dem "Syndikat" in Berlin-Neukölln.

Das "Syndikat" wurde am Freitagmorgen unter lautstarken Protesten geräumt. Gerichtsvollzieher Bossin hat mit massivem Polizeischutz um 9.10 Uhr die leere Kiezkneipe betreten. Ein Schlüsseldienst bohrte zunächst das Schloss an der Vordertür des alteingesessenen Lokals auf, setzte später einen neuen Zylinder ein. Ein erster Versuch um 9 Uhr scheiterte, da offenbar der Schlüssel nicht passte. 

Zuvor hatten Einsatzkräfte geprüft, ob die Tür unter Strom gesetzt wurde, was nicht der Fall war.

Am Freitag waren nach Angaben der Polizei in der Frühschicht ab fünf Uhr rund 700 Beamte im Einsatz. Bis zum frühen Freitagmorgen nahm die Polizei 44 Menschen vorläufig fest.

Titelfoto: TAG24/privat

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