Protest und Großeinsatz der Polizei: Besetztes Haus "Liebig 34" ist jetzt leer

Berlin -  Eines der letzten Symbolprojekte der linksradikalen Szene in Berlin, des Haus "Liebig 34", wird an diesem Freitagmorgen um 7 Uhr geräumt. Mit Spannung waren der Abend und die Nacht vor der Räumung in Berlin-Friedrichshain erwartet worden. Bleibt alles friedlich oder kommt es zu Krawallen?

Polizisten sichern die Straße.
Polizisten sichern die Straße.  © Julian Stähle

Vor der Räumung des besetzen Hauses "Liebig 34" hattenen sich einige hundert Demonstranten in der Nähe versammelt. 

Die meist jungen Menschen standen am Donnerstagabend vor einer kleinen Konzertbühne in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain. Eine Hip-Hop-Band trat auf und sang: "Fuck the Police". Die Stimmung war aber friedlich.

Die Demonstration sei gegen 22 Uhr zu Ende gegangen, sagte ein Polizeisprecher. 

Rund 400 Menschen hätten teilgenommen. Vorkommnisse habe es nicht gegeben. Auch eine kleinere Versammlung nahe des Frankfurter Tors sei ohne Zwischenfälle zu Ende gegangen. Größere Proteste wurden für den frühen Morgen erwartet.

Die Polizei war mit zahlreichen Beamten vertreten und hatte die Liebigstraße und die Rigaer Straße zum Teil mit Gittern abgesperrt. Auch Autos hatten keine Zufahrt. Die Polizisten, von denen viele aus anderen Bundesländern kamen, trugen Helme und zum Teil auch Plexiglasschilder.

Das Haus Liebigstraße 34 ist eines der letzten Symbolprojekte der linksradikalen Szene in Berlin. Am Freitagmorgen um 7 Uhr sollte es geräumt werden. Bereits vor zwei Jahren war ein zehnjähriger Gewerbemietvertrag ausgelaufen. Der Eigentümer setzte schließlich die Räumung durch.

Polizei rechnet mit Widerstand

Polizisten führen in der Rigaer Straße einen Demonstranten ab.
Polizisten führen in der Rigaer Straße einen Demonstranten ab.  © Paul Zinken/dpa

Die Kreuzung vor dem Haus war am Abend komplett abgeriegelt. 

Die Polizei hatte auch die umliegenden Dächer besetzt. Polizisten mit Kletterausrüstung standen im Regen auf dem Dach des besetzten Hauses und anderer Gebäude. Immer wieder verschwanden Polizisten in den Treppenhäusern der Nachbarhäuser. Anwohner berichteten, dass die Polizei sich schon seit dem Vormittag in manchen Dachböden aufhielt.

Im bunt bemalten Haus "Liebig 34" waren einige Fenster beleuchtet. Aus Lautsprechern schallten abwechselnd Musik und Reden einer Frau über die Kreuzung. Hinter den Gittern der nächsten Absperrung standen aber nur wenige Menschen, die zuhörten. 

Ob sich tatsächlich noch Bewohnerinnen im umstrittenen Haus aufhielten, war nicht festzustellen. Am Donnerstagmittag hatten etwa zehn junge Frauen mit Gepäck das "anarcha-queer-feministische Hausprojekt Liebig 34" verlassen.

Mehrere tausend Polizisten sollten in der Nacht zu Freitag und den folgenden 24 Stunden im Einsatz sein, um Blockaden und Gewaltausbrüche zu verhindern. Die genaue Zahl wollte die Polizei erst am Freitag veröffentlichen. Am Donnerstag hatte sie bestätigt, es bleibe bei dem Räumungstermin: "Wir werden den Gerichtsvollzieher begleiten, um in Amtshilfe den Beschluss zu vollstrecken."

Ab dem sehr frühen Morgen wollten Unterstützer der Bewohner an verschiedenen Stellen an den Absperrungen demonstrieren. "Lasst uns Chaos stiften, sichtbar sein und die Räumung der Liebig34 verhindern", hieß es auf der Internetseite des Hauses. Schon in den vergangenen Tagen gab es eine Serie von linksextremen Brandanschlägen und anderen Zerstörungen. Am Freitagabend um 21 Uhr ist eine Demonstration in Mitte und Prenzlauer Berg angekündigt.

Update, 15.22 Uhr: Zerstörungen im geräumten Haus - Türen und Fenster vernagelt

Das geräumte Haus "Liebig 34" in Berlin-Friedrichshain ist von den Bewohnerinnen in einem chaotischen und teilweise verwüsteten Zustand hinterlassen worden. Verbarrikadierte Fenster und Türen waren von innen bei einem von der Polizei organisierten Rundgang am Freitag sichtbar. Eines der beiden Treppenhäuser war mit einer massiven, aufklappbaren Platte verschließbar. Die Polizei hatte die Metallplatte aufgebrochen und gesichert. Im Innenhof stapelte sich Müll und Gerümpel.

Einige Zimmer waren mit kaputten Matratzen und Schutt gefüllt, offenbar um ein Eindringen der Polizei von außen durch die zusätzlich mit Brettern vernagelten Fenster zu erschweren. 

Einzelne Wände waren durchbrochen, an anderen Stellen waren Wohnungstüren und Durchgänge zum Teil zugebaut und von der Polizei wieder gewaltsam geöffnet worden. Der Bodenbelag war weitgehend zerstört

In Küchen standen noch Essensvorräte wie Reis und Bier, in manchen Zimmer lagen alte Matratzen und Schlafsäcke auf dem Boden. Radikale Parolen standen an den Wänden, daneben hingen politische Plakate. 

Im Treppenhaus war zu lesen: "Hoch leben die rechthabenden und allwissenden Revolutionärinnen" und "Welcome to Hell 34". Im Erdgeschoss neben der Eingangstür lag eine männliche Schaufensterpuppe ohne Arme und Kopf und mit zwei Messern in der Brust.

Am Eingang des ehemals besetzten Hauses "Liebig 34" liegt eine Schaufensterpuppe, in der zwei Messer stecken.
Am Eingang des ehemals besetzten Hauses "Liebig 34" liegt eine Schaufensterpuppe, in der zwei Messer stecken.  © Fabian Sommer/dpa
Die Küche im ehemals besetzten Haus "Liebig 34" kurz nach der Räumung.
Die Küche im ehemals besetzten Haus "Liebig 34" kurz nach der Räumung.  © Fabian Sommer/dpa

Update, 11.45 Uhr: "Liebig 34" von Polizei geräumt

Das einst besetzte Haus und Symbol der linken Szene, "Liebig 34" in Berlin-Friedrichshain, steht jetzt leer. Mehr als 50 Menschen, die seit Beginn der Räumung am frühen Freitagmorgen in dem Gebäude ausgeharrt hatten, seien nach draußen gebracht worden, sagte ein Polizeisprecher. Dies sei weitgehend friedlich verlaufen, nur einige hätten Widerstand geleistet. Derzeit werde das Haus abschließend kontrolliert.

Update, 8.35 Uhr: Polizei bringt Bewohner nach draußen

Rund eineinhalb Stunden nach Räumungsbeginn des besetzen Hauses «Liebig 34» in Berlin-Friedrichshain hat die Polizei bislang fünf Bewohner herausgebracht. Sie wurden am Freitagmorgen durch ein aufgebrochenes Fenster im ersten Stock über eine Leiter ins Freie geführt. Ein Bewohner wollte das Haus nicht freiwillig verlassen und musste von zwei Polizisten herausgetragen werden. Eine Frau reckte kämpferisch die Faust in die Höhe.

Zahlreiche Demonstranten versammeln sich vor dem Haus.
Zahlreiche Demonstranten versammeln sich vor dem Haus.  © Julian Stähle

Update, 8 Uhr: Mit Kettensäge und Brecheisen - Haus "Liebig 34" wird geräumt

Einsatzkräfte öffneten mit Brecheisen und Kettensäge den verbarrikadierten Eingang. Parallel dazu drangen Beamte auf einem Gerüst und mit Trennschleifern über ein Fenster im ersten Stock in das Innere vor. Dort stießen sie offenbar auf weitere Hindernisse. Durch das Fenster wurden Bretter und Bohlen herausgebracht. Die Polizei ging davon aus, dass noch Bewohner im Haus sind. Es kam zu teils heftigen Rangeleien zwischen Polizisten und schwarz vermummten Demonstranten. Es flogen Flaschen.

Update, 7.38 Uhr: Räumung hat begonnen

Unter Protest hat in Berlin-Friedrichshain die Räumung des besetzten Hauses "Liebig 34" begonnen. Ein Räumfahrzeug der Polizei fuhr am Freitagmorgen vor den Eingang, mehrere Beamte untersuchten die verbarrikadierte Tür und versuchten mit Brecheisen in das Innere zu kommen. Die Polizei ging davon aus, dass noch Bewohner im Haus sind.

Ein Polizeisprecher sagte, mehrfach seien in dem weiträumig abgeriegelten Bereich Beamte mit Flaschen beworfen worden. Auch Feuerwerk sei abgebrannt worden. Vereinzelte seien Gegenstände auf die Straße gebracht worden. Dabei seien zwei Störer gestellt worden.

An verschiedenen Stellen in der Stadt brannten laut Polizei in der Nacht Autoreifen, Müllcontainer sowie ein Abfertigungsgebäude im S-Bahnhof Tiergarten. Der Einsatz von Wasserwerfern zur Unterstützung der Feuerwehr beim Löschen von Kleinstfeuern sei freigegeben worden, twitterte die Polizei.

Update, 6.45 Uhr: Demonstranten vor dem Haus

Hunderte Demonstranten haben sich vor dem Haus versammelt. Die meist jungen, überwiegend schwarz gekleideten Leute skandierten am frühen Freitagmorgen laute Sprechchöre wie "Häuser denen, die drin wohnen" oder "Ganz Berlin hasst die Polizei". Augenzeugen berichteten von vereinzelten Flaschenwürfen sowie Festnahmen. "Liebig 34" gilt als eines letzten Symbolprojekte der linksradikalen Szene in der Hauptstadt.

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Der Bereich ist weiträumig abgesperrt. Die Demonstranten stehen hinter Absperrungen etwa 50 Meter von dem Haus entfernt. Am Morgen fuhren ein Bagger sowie ein Räumfahrzeug auf. Die Kreuzung ist mit Scheinwerfern ausgeleuchtet. Auf Hausdächern waren Polizisten postiert. Aus umliegenden Häusern schallten Musik und lautes Geklapper mit Töpfen.

Update, 6.40 Uhr: Tag der Räumung startet ruhig

Der Tag der Räumung hat nach Angaben der Polizei verhältnismäßig ruhig begonnen. Es gebe stadtweit kleinere Brände, etwa Mülltonnen, aber keine gewalttätigen Aktionen und keine Zusammenstöße mit der Polizei, sagte eine Sprecherin am Freitagmorgen. Bei einer für 3.00 Uhr angemeldeten Demonstration auf dem Bersarinplatz in Friedrichshain waren nach einer Stunde etwa zehn Menschen anwesend.

Titelfoto: Julian Stähle

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