Angst vor dem Winter! Lockdown trifft Chemnitzer Obdachlose besonders hart

Chemnitz - Thomas hat verschneites Wetter mitgebracht, als er an der Tür der Wohnungslosenhilfe "Haltestelle" klopft. Er hat Glück, denn er darf eintreten.

Alfred Mucha (53) leitet die "Haltestelle". Ihm bricht es das Herz, dass er viele Hilfesuchende wegschicken muss.
Alfred Mucha (53) leitet die "Haltestelle". Ihm bricht es das Herz, dass er viele Hilfesuchende wegschicken muss.  © Kristin Schmidt

"Wir können nur acht Leute reinlassen", erklärt Alfred Mucha (53), Leiter der Diakonie-Einrichtung in der Annenstraße. Das schreibt die Corona-Verordnung vor.

"Vor Corona habe ich keine Angst. Ich habe Angst vor dem Winter", sagt Thomas (49), der erst seit dem Tod seiner Tochter im Herbst obdachlos ist.

Zur "Haltestelle" kommt er, um sich aufzuwärmen. Hier gibt es Kaffee, Essen, die Möglichkeit, seine Post herschicken zu lassen oder zu duschen. In dieser Bandbreite ein einzigartiges Angebot in Chemnitz.

Übernachten kann Thomas hier aber nicht. So wie sein Weggefährte Rico (50) schläft er lieber auf der Straße als im dafür vorgesehenen städtischen "Nachtquartier" in der Heinrich-Schütz-Straße, das laut Stadtverwaltung derzeit 41 Menschen regelmäßig aufsuchen.

Es ist ihnen zu unsicher: "Das bisschen, was ich habe, wird dort auch noch geklaut", meint Thomas.

Susanne Schaper sieht Handlungsbedarf: "Obdachlose sind mit die Schwächsten in unserem Staat."

Die Einrichtung der Diakonie bietet die Möglichkeit, etwas zu essen, Kaffee zu trinken oder auch zu duschen.
Die Einrichtung der Diakonie bietet die Möglichkeit, etwas zu essen, Kaffee zu trinken oder auch zu duschen.  © Kristin Schmidt

Straßensozialarbeit, Bahnhofsmission, Tagestreff: Die Stadt Chemnitz erklärt, dass alle Angebote im Rahmen der Wohnungsnotfallhilfe vorgehalten werden können. Coronabedingt aber mit Einschränkungen.

Susanne Schaper (42, Linke) sieht dringenden Handlungsbedarf. Auch sie schaut an diesem Tag in der "Haltestelle" vorbei.

Leiter Alfred Mucha berichtet ihr, wie schwer es ist, wenn der neunte, zehnte, elfte von insgesamt 66 "Stammgästen" vor der Tür steht und man ihn abweisen muss. Schaper will das Thema in den Landes-Sozialausschuss am Donnerstag und in die Kommunalpolitik mitnehmen.

"Obdachlose sind mit die Schwächsten in unserem Staat. Und unsere Gesellschaft ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied." Sie könnte sich vorstellen, Unterkünfte über die GGG zu schaffen.

In den Tagestreff "Haltestelle" kommen Obdachlose, um sich vom kalten Winterwetter aufzuwärmen. Zurzeit dürfen nur acht Menschen gleichzeitig hinein.
In den Tagestreff "Haltestelle" kommen Obdachlose, um sich vom kalten Winterwetter aufzuwärmen. Zurzeit dürfen nur acht Menschen gleichzeitig hinein.  © Kristin Schmidt

Auf jeden Fall dürfe der Stadtrat im kommenden Doppelhaushalt keine Abstriche bei den Sozialleistungen machen. Sie ist zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird.

Titelfoto: Kristin Schmidt

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