Sachsen investiert Millionen in regionale Industriekultur

Chemnitz - Sachsen hat in den vergangenen 30 Jahren mehr als 3,6 Milliarden Euro in den Denkmalschutz investiert und mit mehr als 100.000 Denkmalen die höchste Denkmaldichte in Deutschland. Rund 7500 sind technische Denkmale. 

Regionalentwicklungs-Minister Thomas Schmidt (59, CDU) informierte sich am Mittwoch in Chemnitz und Flöha zu Denkmal-Projekten und -Baustellen.
Regionalentwicklungs-Minister Thomas Schmidt (59, CDU) informierte sich am Mittwoch in Chemnitz und Flöha zu Denkmal-Projekten und -Baustellen.  © Sven Gleisberg

Auch Chemnitz ist reich an Fabrikbauten und Eisenbahn-Anlagen. Die müssen erhalten, saniert oder umgenutzt werden.

Regionalentwicklungs-Minister Thomas Schmidt (59, CDU) versprach für den Sachsen-Haushalt 2021/22 eine Denkmalschutz-Aufstockung von 20 auf 25 Millionen Euro und besuchte am Mittwoch vier "Baustellen" in der Region. 

Fazit: "Dieser geniale Gebäude-Schatz ist ein Pfund für die Kulturhauptstadtbewerbung." Das Bewusstsein für Denkmäler steige. 

Vor allem junge Leute würden den Wert erkennen.

Das Eisenbahnmuseum

Im Ringlokschuppen schreitet Kurator Claudius Noack die Phalanx guss-stählerner Lokomotiven ab. Mehr als 50 stehen in Hilbersdorf.
Im Ringlokschuppen schreitet Kurator Claudius Noack die Phalanx guss-stählerner Lokomotiven ab. Mehr als 50 stehen in Hilbersdorf.  © Sven Gleisberg

Das Eisenbahn-Areal in Hilbersdorf mit europaweit einmaliger Seilablaufanlage wurde mit 1,4 Millionen Euro Fördermitteln von Stadt, Land und Bund zurück in die Erfolgsspur gezogen. Aber Geld ist nicht alles. 

Eisenbahnfreunde-Vorstand Manfred Vogel (76) lobt alle Ehrenamtlichen, möchte aber fünf Planstellen. 

"Die Investitionen in Bausubstanz waren gut. Aber wie betreiben wir das weiter?" Kurator Claudius Noack soll Koordinator werden, er sei bereit. 

Minister Schmidt sah als Kind aus Köthensdorf die Dampf-Loks noch fahren. 

Vielleicht erleichtert seine Herzensbindung einen Förderbescheid.

Manfred Vogel (76, l.) und Thomas Schmidt (59, CDU) drehen im Befehlsstellwerk 3 in Hilbersdorf an einem Bedienpult gemeinsam am Rad.
Manfred Vogel (76, l.) und Thomas Schmidt (59, CDU) drehen im Befehlsstellwerk 3 in Hilbersdorf an einem Bedienpult gemeinsam am Rad.  © Sven Gleisberg
Unter dem Befehlsstand verläuft der Lattenverschlag "Affenkäfig". Hier zogen sich Arbeiter schnell um, rannten im Winter und schlenderten im Sommer.
Unter dem Befehlsstand verläuft der Lattenverschlag "Affenkäfig". Hier zogen sich Arbeiter schnell um, rannten im Winter und schlenderten im Sommer.  © Sven Gleisberg

Die "Alte Baumwolle"

Die "Alte Baumwolle" mausert sich bis 2030 mit 60 Millionen Euro Privat- und Steuergeld zum neuen Stadtzentrum von Flöha.
Die "Alte Baumwolle" mausert sich bis 2030 mit 60 Millionen Euro Privat- und Steuergeld zum neuen Stadtzentrum von Flöha.  © Sven Gleisberg

Wie eine Backstein-Burg thront die "Alte Baumwolle" im Zentrum von Flöha. Von 1789 bis 1994 wurde hier gebleicht, gefärbt und gesponnen. 

Nach drei erfolglosen Privat-Investor-Anläufen kaufte die Stadt das 65 000 Quadratmeter große Gelände 2001 für eine D-Mark. Seitdem wurden 30 Millionen Euro investiert - nochmal so viel soll folgen. 

In einem Neubau und Baumwoll-Lager siedelten sich Geschäfte an, in der Shed-Halle entstand eine Kita für 373 Kinder. 

"Es gelingt nicht häufig, namhafte Einzelhändler in historische Areale zu bekommen", sagt Michael Streetz vom Landesamt für Denkmalpflege. 

In den nächsten zehn Jahren werden an der Baumwollspinnerei noch etwa 100 Eigentumswohnungen entstehen. Die sind bereits verkauft.

In diesem Gebäude der Baumwollspinnerei Clauß entsteht das neue Rathaus von Flöha. Uhr und Glocke hängen schon.
In diesem Gebäude der Baumwollspinnerei Clauß entsteht das neue Rathaus von Flöha. Uhr und Glocke hängen schon.  © Sven Gleisberg

Die Kulturfabrik

Geschäftsführerin Birgit Eckert (68) sanierte ab 1996 die "Ruine" der Schönherr-Fabrik. Heute gibt es hier mehr als 100 Unternehmen und 1000 Arbeitsplätze.
Geschäftsführerin Birgit Eckert (68) sanierte ab 1996 die "Ruine" der Schönherr-Fabrik. Heute gibt es hier mehr als 100 Unternehmen und 1000 Arbeitsplätze.  © Sven Gleisberg

Die Kulturfabrik Schönherr startete um 1800 mit einer Spinnmühle und wuchs zu Webstuhl-Fabriken heran. 

"1996 waren hier nur Ruinen und Dreck. Es herrschte blankes Chaos", sagt Geschäftsführerin der Schönherr Weba GmbH, Birgit Eckert (68). Schritt für Schritt wurde aus den baufälligen Gebäuden Geschäftseinheiten für mehr als 100 Unternehmen mit rund 1000 Arbeitsplätzen gestampft. 

"Heute wären unsere damaligen Maßnahmen wegen gestiegener Bau- und Brandschutz-Bürokratie undenkbar". Seit fünf Jahren werden schwarze Zahlen geschrieben, ein Kreativhaus K40 für Künstler und IT-ler mit 6000 Quadratmetern wird gebaut. 

"Steuergelder müssen Entwicklungen anschieben. Das geht nur mit aktiven Menschen wie Frau Eckert", lobte Thomas Schmidt.

Das Viadukt

Das Chemnitzer Eisenbahn-Viadukt wird bis 2024 für rund 50 Millionen Euro komplett saniert und behält seine tragende Funktion.
Das Chemnitzer Eisenbahn-Viadukt wird bis 2024 für rund 50 Millionen Euro komplett saniert und behält seine tragende Funktion.  © Sven Gleisberg

2013 plante die Deutsche Bahn für den Bau der Sachsen-Franken-Magistrale das Chemnitzer Eisenbahnviadukt von 1908 an der Annaberger Straße abzureißen. 

Der kleine Verein "Viadukt e.V." setzte sich für eine Sanierung der 275 Meter langen Stahlfachwerk-Konstruktion ein. Bürger und Stadtrat schlossen sich der "Volksbewegung" an, das Eisenbahnbundesamt verdonnerte die Bahn 2018 zur Sanierung und Integration in die Strecke. 

Bis 2024 werden für bis zu 50 Millionen Euro Fundamente erneuert, Stahl-Tragwerk eingezogen und Betonwanne gelegt. Auch an Farbton und Geländer wird gedacht. "Es ist wie beim Zahnarzt. Von außen gut, aber vielleicht finden wir Löcher. 

Neben Eigenmitteln werden wir uns Mittel vom Bund holen", kündigt DB-Ingenieur Matthias Sieber an. Abriss und Neubau wären die Bahn wahrscheinlich günstiger gekommen.

Titelfoto: Sven Gleisberg

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