Chemnitz: Diese "Geister-Ausstellung" bekam niemand zu Gesicht

Chemnitz - Ein lebensgroßes Rhinozeros in einer Haut aus Altkleidern, in Bau-Stoffe gehüllte Schaufensterpuppen, erotische Szenen auf Tierfellen und Strandtüchern. Ein Wandteppich, dessen Motiv sich mittels Handy-App in den Raum hinein erweitert. Die Ausstellung "Musterung" in den Kunstsammlungen ist spektakulär, überraschend, farbenprächtig und gnadenlos modern - sie hätte das Zeug zum Publikumsmagneten und zum Achtungszeichen nach dem finalen Votum für Chemnitz als Kulturhauptstadt.

Die Textilkunst der Ausstellung "Musterung" in den Städtischen Kunstsammlungen wird ohne Besucher bleiben.
Die Textilkunst der Ausstellung "Musterung" in den Städtischen Kunstsammlungen wird ohne Besucher bleiben.  © Kristin Schmidt

Doch die Schau zeitgenössischer Textilkunst eröffnete im November ohne Publikum und wird Ende Februar ungesehen wieder abgebaut werden.

Kuratorin Sabine Maria Schmidt hat TAG24 mit auf einen Rundgang durch die Geisterausstellung genommen: "Ich wollte den Chemnitzern eine schöne, sinnliche Ausstellung präsentieren - gerade in einem Jahr, das für viele getrübt war."

Jeweils zwei bis drei Werke von zwanzig internationalen Künstlern spiegeln Zeitgeist, Popkultur, Politik.

Kyungah Ham (54) aus Südkorea entwarf Motive am Computer, die auf geheimen Wegen nach Nordkorea gelangten, dort in feinster Handarbeit mit hauchdünnen Fäden gestickt und wieder außer Landes geschmuggelt wurden.

Die filigranen Fadenobjekte der Kölner Künstlerin Erika Hock (39) sind sogar extra für Chemnitz entstanden: "Das war ein spontaner Entschluss der Künstlerin, nachdem sie unser Ausstellungskonzept kannte", so Schmidt.

Mit der Frage "Was sehe ich?" spielt die in Berlin lebende Künstlerin Heidi Specker (58). Ihr Katzen-Porträt entpuppt sich auf den zweiten Blick als Frau mit grünen Haaren.

Kuratorin Sabine Maria Schmidt hat das "Dead Game Clothing-Rhino" von Roland Stratmann nach Chemnitz geholt.
Kuratorin Sabine Maria Schmidt hat das "Dead Game Clothing-Rhino" von Roland Stratmann nach Chemnitz geholt.  © Kristin Schmidt
Hunderte Meter farbiger Fäden sind in mehreren Lagen zu Bildobjekten geschichtet. Auch der Schein der Lampen ist so eingehüllt.
Hunderte Meter farbiger Fäden sind in mehreren Lagen zu Bildobjekten geschichtet. Auch der Schein der Lampen ist so eingehüllt.  © Kristin Schmidt
Bei der Fotografie "Katze" sollte der Betrachter genau hinschauen, bevor er entscheidet, was er zu sehen glaubt.
Bei der Fotografie "Katze" sollte der Betrachter genau hinschauen, bevor er entscheidet, was er zu sehen glaubt.  © Kristin Schmidt

"Dass die Ausstellung nie eröffnen wird, ist bitter. Doch wir haben nach Wegen gesucht, sie so breit wie möglich zu präsentieren", sagt die Kuratorin, die nun in kurzen Videoclips online durch die Ausstellung führt. Unter blog.kunstsammlungen.online sind auch Fotos der Ausstellung, der Künstler und Einblicke hinter die Kulissen zu finden.

Titelfoto: Kristin Schmidt

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