Diese Freundschaft ist sprichwörtlich auf Herz und Nieren geprüft

Von Thomas Gillmeister

Chemnitz - Plötzlich Schwestern. So fühlen sich Anja Erth (42) und Tanja Boutschek (36) aus Chemnitz. Denn Anja bekam von Tanja eine Niere gespendet. Das Herzens-Geschenk rettete der Mutter einer Tochter das Leben.

Anja Erth lächelt tapfer aus ihrem Krankenbett. Noch immer muss sie viele Tabletten schlucken.
Anja Erth lächelt tapfer aus ihrem Krankenbett. Noch immer muss sie viele Tabletten schlucken.  © privat

Anja und Tanja wohnen in Chemnitz etwa fünf Kilometer auseinander. Doch seit ein paar Monaten gibt es eine unsichtbare Verbindung zwischen ihnen, die zusammenschweißt, egal wie weit sie voneinander entfernt sind.

Jeden Morgen und jeden Abend streichelt Anja die Stelle, an der die neue Niere ihren Platz hat. "Es ist mein Lieblingsnierchen", meint die Sächsin vom Typ Kumpeline.

Ihre zwei eigenen Nieren wurden zunehmend zur Gefahr. Sie funktionierten kurz vor der Transplantation nur noch zu acht Prozent! Schuld daran ist die sehr seltene Erbkrankheit Alport-Syndrom, die unweigerlich zum kompletten Nierenversagen führt. Jeder Tag wurde für die Ehefrau und Mutter zur Qual.

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Die lange Suche nach einem geeigneten Spender in der Familie verlief erfolglos. "Ich wurde zunehmend mutloser und frustrierter", erinnert sich Anja.

Ihrer Freundin beichtete sie die schier ausweglose Situation, berichtete von den unzähligen schlaflosen Nächten, von den Ängsten, den Schmerzen.

"Ich konnte nicht mehr tatenlos mit anschauen, wie meine beste Freundin leidet"

Spenderin Tanja Boutschek (links) und Empfängerin Anja Erth wagten einen Drahtseilakt - mit Erfolg!
Spenderin Tanja Boutschek (links) und Empfängerin Anja Erth wagten einen Drahtseilakt - mit Erfolg!  © Roger Petzsche/Picture Point

Seit über zehn Jahren sind die zwei Frauen ziemlich beste Freundinnen. Dann fiel in einem der vielen Kummerkasten-Gespräche plötzlich ein Vorschlag, der Anja zu Tränen rührte und ihre Lebensversicherung wurde. Tanja möchte ihr eine Niere spenden.

"Ich konnte nicht mehr tatenlos mit anschauen, wie meine beste Freundin leidet, vielleicht jahrelang auf ein passendes Spenderorgan warten muss und deshalb in Lebensgefahr gerät", erinnert sich Tanja.

Sie ließ erst einmal testen, ob sie eine Niere spenden könnte. Und das Wunder geschah: Es wäre theoretisch möglich...

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In der Praxis mussten die Freundinnen viele medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 1909 Nieren transplantiert, 450 davon stammten aus einer Lebendorganspende – meistens von Verwandten oder Lebenspartner.

Dass beispielsweise eine Freundin spendet, ist eher die Ausnahme und wird von Gutachtern besonders auf Herz und Nieren geprüft, um eventuelle Abhängigkeiten herauszufinden. Aber Anja und Tanja bestanden auch diesen hochemotionalen Gewissens-Check-up.

Anjas Nierenleistung beträgt mittlerweile 45 Prozent

Anja Erth mit Ehemann Markus, Tochter Amira und Hund Harley.
Anja Erth mit Ehemann Markus, Tochter Amira und Hund Harley.  © PICTURE POINT/Leipzig

Anfang April lagen sie im Universitätsklinikum Leipzig in einem Zimmer. "Klar waren wir aufgeregt", denkt Anja zurück. "Doch da wir uns schon als Schwestern im Geiste fühlen, versuchten wir es doch irgendwie locker anzugehen."

Kurze Zeit später erhielt sie während einer mehrstündigen Operation die rechte Niere ihrer Freundin. Das rund 150 Gramm leichte Organ wurde nur wenige Stunden zuvor bei ihr entnommen.

Im Sommer erholten sich die beiden Sächsinnen gemeinsam in einer Rehaklinik in Mecklenburg-Vorpommern von den Strapazen der Operation. Dort lernten sie viele andere Transplantierte mit ihren Schicksalen kennen. Anja und Tanja hörten zu, gaben Tipps, versprühten Optimismus. Denn sie haben immer daran geglaubt, dass alles klappt - und behielten Recht.

Anjas Nierenleistung beträgt jetzt schon wieder beachtliche 45 Prozent! Trotzdem muss die Transplantierte weiter vorsichtig sein, täglich 16 Tabletten nehmen und engmaschig zu medizinischen Kontrollen gehen. Halt und Unterstützung findet sie in ihrer kleinen Familie, zu der Ehemann Markus (35), Tochter Amira (8) sowie Mops Harley (6) und Bully Davidson (5) gehören.

Und natürlich nun auch "Schwester" Tanja. Mit ihr tauscht Anja übrigens gern Kochrezepte aus und verwöhnt sie mit leckerem sächsischen Sauerbraten. "Sie macht den besten der Welt", schwärmt Tanja, auf den sie nun wohl nie mehr verzichten muss.

Beste Freundinnen waren sie schon vor der OP. Jetzt sind Tanja und Anja sich näher als je zuvor.
Beste Freundinnen waren sie schon vor der OP. Jetzt sind Tanja und Anja sich näher als je zuvor.  © Roger Petzsche/Picture Point

Denn die Freundinnen trennt nichts mehr.

Titelfoto: Roger Petzsche/Picture Point

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