Zahlen steigen rasant an: Immer mehr Chemnitzer suchen Rat gegen sexuelle Gewalt

Chemnitz - Nicht erst, aber besonders seit Corona haben die sieben Mitarbeiterinnen von "Wildwasser", der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Chemnitz, alle Hände voll zu tun. Die Zahl der Menschen, die in Chemnitz Rat suchen, hat sich mehr als verdoppelt - gab es im Jahr 2019 noch 313 Anfragen, waren es 2021 schon 634.

Mandy Erdmann (46) berät mit dem Verein "Wildwasser" Opfer von sexueller Gewalt.
Mandy Erdmann (46) berät mit dem Verein "Wildwasser" Opfer von sexueller Gewalt.  © Maik Börner

Darunter waren 287 Opfer (2019: 201) und 135 Fachkräfte, wie etwa Ärzte (2019: 71). Besonders drastisch ist der Anstieg bei Angehörigen, die sich zum Beispiel bei Verdachtsfällen in der Familie an "Wildwasser" wenden. Kamen 2019 noch 41 in die Beratungsstelle, waren es 2021 insgesamt 212.

Sexuelle Gewalt hat viele Gesichter: "Sie kann mit einem Starren aufs Dekolleté beginnen oder mit einer Berührung. Sie kann auch bis zu massiven Gewaltformen gehen: Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Kinderpornografie", erklärt Mandy Erdmann (46) von "Wildwasser", der einzigen Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt im näheren Umfeld.

Unter den Menschen, die sich an die Beraterinnen in der Uferstraße wenden, sind Frauen und Männer, Jugendliche ab zwölf Jahren sowie Senioren. Die Hauptklientel sind Frauen zwischen 20 und 50 Jahren, die in ihrer Kindheit oder frühen Jugend zu Opfern wurden.

Merkzettel: Bei der schulischen Aufklärung wird beigebracht, klare Grenzen aufzuzeigen.
Merkzettel: Bei der schulischen Aufklärung wird beigebracht, klare Grenzen aufzuzeigen.  © Maik Börner
Eröffnung einer "Hütte der sexualisierten Gewalt" im Rahmen des Kosmos-Festivals gemeinsam mit der Chemnitzer Band "BLOND".
Eröffnung einer "Hütte der sexualisierten Gewalt" im Rahmen des Kosmos-Festivals gemeinsam mit der Chemnitzer Band "BLOND".  © Ernesto Uhlmann
Die Aktion "Mut schöpfen" vor dem Roten Turm in Chemnitz.
Die Aktion "Mut schöpfen" vor dem Roten Turm in Chemnitz.  © Sven Gleisberg

Beraterin: "Manche Wunden heilt die Zeit nicht"

Die allermeisten Straftaten, unter die auch der sexuelle Missbrauch von Kindern fällt, werden von Angehörigen begangen (Symbolbild).
Die allermeisten Straftaten, unter die auch der sexuelle Missbrauch von Kindern fällt, werden von Angehörigen begangen (Symbolbild).  © dpa/Maurizio Gambarini

So viele Gesichter die sexuelle Gewalt hat, so viele Fratzen bleiben im Leben der Opfer. Erdmann hat etliche dieser Wunden gesehen: "Manche leiden unter Depressionen, sind suizidal. Andere unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Wieder andere sehnen sich einfach nach einer normalen Sexualität oder wenigstens ein bisschen Lebensqualität", erklärt Diplom-Sozialpädagogin Erdmann.

Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist, der Öffentlichkeit das Thema sexuelle Gewalt näherzubringen. Für die Prävention besucht die 46-Jährige auch Schulen und Kitas. Dort findet die Aufklärung eher spielerisch statt. Etwa beim Lesen einer Geschichte. Und nicht selten erkennt ein Sprössling plötzlich, dass das, was mit ihnen passiert, nichts mit Normalität zu tun hat.

"Menschen, die andere missbrauchen, sind Meister der Manipulation", weiß die Expertin. Gerade kindliche Opfer seien fürs ganze Leben gezeichnet: "Manche Wunden heilt die Zeit nicht. Im Gegenteil: Sie werden größer und fangen wieder an zu bluten."

Titelfoto: dpa/Maurizio Gambarini, Maik Börner

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