Politik-Experte erklärt: Darum war nur die Hälfte der Chemnitzer zur OB-Wahl

Chemnitz - Sind die Chemnitzer wahlfaul? Nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte gab am vergangenen Sonntag zur Oberbürgermeisterwahl in Chemnitz seine Stimme ab. Ein Chemnitzer Politik-Experte erklärt warum.

Politikwissenschaftler Jun.-Prof. Dr. Tom Mannewitz von der TU Chemnitz weiß, warum nur etwa jeder zweite Chemnitzer zur Oberbürgermeisterwahl seine Stimme abgegeben hat (Archivbild).
Politikwissenschaftler Jun.-Prof. Dr. Tom Mannewitz von der TU Chemnitz weiß, warum nur etwa jeder zweite Chemnitzer zur Oberbürgermeisterwahl seine Stimme abgegeben hat (Archivbild).  © Sven Gleisberg

"Einfach ausgedrückt kann man sagen: Für die meisten Bürger ist eine Oberbürgermeisterwahl nicht so wichtig wie beispielsweise eine Bundestagswahl", weiß Politikwissenschaftler Prof. Mannewitz von der TU Chemnitz

Der Grund: Auf bundespolitischer Ebene können größere Entscheidungen getroffen werden. Die Macht der Kommunalpolitiker ist dagegen eingeschränkt. 

"Den Menschen ist es einfach wichtiger, dass zum Beispiel das Kindergeld um 20 Euro steigt, als dass in der Stadt ein neues Institut eröffnet wird", erklärt Mannewitz. Das gleiche Phänomen sei auch bei Europa- oder Kommunalwahlen zu beobachten. 

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Ein weiterer Grund für die niedrige Wahlbeteiligung sei die ohnehin in Ostdeutschland herrschende Politikverdrossenheit. 

Allerdings, so Prof. Mannewitz, könnte die Wahlbeteiligung zum zweiten Wahlgang steigen. Dieser findet am 11. Oktober statt - fünf Kandidaten werden wohl weiter um den Stadtchef-Sessel kämpfen (TAG24 berichtete).

TAG24 sprach mit Nichtwählern: "Hatte die Wahl vergessen"

Nur knapp die Hälfte der Chemnitzer gaben zur OB-Wahl ihre Stimme ab (Archivbild).
Nur knapp die Hälfte der Chemnitzer gaben zur OB-Wahl ihre Stimme ab (Archivbild).  © Silas Stein/dpa

Lediglich 49,7 Prozent der Chemnitzer Wahlberechtigten gaben zum ersten OB-Wahlgang ihre Stimme ab. Zwar sind das deutlich mehr als zur OB-Wahl 2013 (31,75 Prozent), jedoch nimmt nur jeder zweite Chemnitzer sein Recht, seine Aufgabe und seine Pflicht zur politischen Mitgestaltung wahr.

TAG24 hat sie gefunden: die Nichtwähler. Und mit ihnen gesprochen.

Moritz* (22) hatte vergessen die Wahlunterlagen aus seiner alten WG abzuholen. "Ich bin da noch gemeldet, habe aber keinen Schlüssel mehr. Aus diesem Grund bin ich nicht an meine Wahlunterlagen gekommen. Eigentlich wäre ich aber gerne wählen gegangen", sagt der 22-jährige Krankenpfleger.

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Vanessa* (25), arbeitet ebenfalls in der Pflege, zog vor wenigen Jahren nach Chemnitz: "Ich geh prinzipiell nicht wählen, weil sich ohnehin nichts ändert. Und auf eine Stimme mehr oder weniger kommt es auch nicht an." Man müsse die Leute "locken", meint die 25-Jährige: "Wenn es irgendwas kostenlos geben würde, dann würden auch mehr wählen gehen." 

Christoph* (30): "Eigentlich bin ich ein sehr ehrgeiziger Wähler. Doch bei der diesjährigen OB-Wahl habe ich nicht teilgenommen - weil ich zugezogen bin und mich nicht mit Chemnitz verbunden fühle." Grundsätzlich spricht sich der gelernte Industriemechaniker aber für Wahlen aus.

Sabine* (20) macht eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin in Chemnitz. "Ich war an dem Wahltag wandern, war nicht in Chemnitz und hatte die Wahl vergessen", sagt die 20-Jährige.

*Namen geändert

Titelfoto: Sven Gleisberg/Silas Stein/dpa

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