Grünen-Kandidatin Karola Köpferl: "Die größte Stärke an Chemnitz ist der Platz"

Chemnitz - Wer wird die Stimme der Chemnitzer im Bundestag? In den kommenden Tagen stellt TAG24 alle Direktkandidaten für die Bundestagswahl vor, die für den Chemnitzer Wahlbezirk antreten und einer der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien angehören. Heute: Karola Köpferl (31, Grüne). Sie möchte mit seiner Wahl neue Impulse setzen und für frischen Wind sorgen.

Für Karola Köpferl (31) ist der Platz die größte Stärke in Chemnitz.
Für Karola Köpferl (31) ist der Platz die größte Stärke in Chemnitz.  © Ralph Kunz

TAG24: Frau Köpferl, wo sehen Sie die größte Stärke von Chemnitz – wo die größte Schwäche?

Köpferl: "Die größte Stärke an Chemnitz ist der Platz – in jeglicher Hinsicht. Um sich niederzulassen, Wohnraum zu finden und auch, um sich zu vernetzen (Stichwort Gründernetzwerk). Wer sich engagiert, findet in Chemnitz schnell Anschluss. Das sehe ich als große Stärke.

Die größte Schwäche der Stadt sehe ich darin, ihre Stärke zu erkennen. Das führt zum Beispiel dazu, dass zu viele Uni-Absolventen in andere Städte abwandern. Meine Generation ist in der Minderheit. Ich bin in meine Heimat zurückgekehrt, aber die meisten Gleichaltrigen tun das nicht. Hier müssen wir stärker für uns werben."

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TAG24: Ein Punkt in Ihrem Wahlprogramm ist die Inklusion und die damit verbundene Barrierefreiheit. Auch Sie sind aufgrund einer Autoimmunerkrankung betroffen. Wo sind Sie in Ihrem Alltag in Chemnitz eingeschränkt?

Köpferl: "Ein riesiges Thema ist der Toilettenmangel. Es gibt zu lange Strecken zwischen den öffentlichen WCs. Ganz allgemein ist die Barrierefreiheit ausbaufähig. Da geht es bei den Bordsteinen los: Gerade wurde am Brühl der Bereich bei der Uni-Bibliothek neugestaltet. Da werden trotz Umbau wieder Bordsteine eingesetzt, bei denen Rollstuhlfahrer nicht auf und ab kommen."

"Mehr Internet verbraucht auch mehr Strom"

Die digitale Teilhabe ist für Karola Köpferl ein Thema.
Die digitale Teilhabe ist für Karola Köpferl ein Thema.  © Ralph Kunz

TAG24: Auch im Digitalen soll niemand ausgeschlossen werden. Können Sie den Begriff "digitale Teilhabe" erklären und wie er in der Realität aussehen soll?

Köpferl: "Digitale Teilhabe ist dann gegeben, wenn Menschen unabhängig von körperlichen Einschränkungen in der Lage sind, etwa Behördengänge (Wohngeldanträge stellen, Gewerbe anmelden) zu erledigen. Komplett digital und auf Behördenseiten, die auch blinde Menschen oder Personen, mit motorischen Einschränkungen dazu befähigen.

Hierzu müssen manchmal Internetseiten oder Prozesse angepasst werden. Teilweise sind Ämter schon dazu verpflichtet. Übrigens: Gerade die Gruppe der Schwerbehinderten Menschen ist in der Regel sehr internet- beziehungsweise computeraffin."

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TAG24: Wie kommt’s?

Köpferl: "Das sind nützliche Werkzeuge. Mir haben Menschen mit Sehbehinderung beispielsweise berichtet, dass sie sich mit dem Smartphone Zugverbindungen vorlesen lassen. Entsprechende Angebote braucht es auch bei anderen Einschränkungen. Das Thema betrifft übrigens jeden – wir alle werden älter. Seit meine Oma beispielsweise den Untertitel beim MDR entdeckt hat, bleibt bei ihr viel mehr von der Sendung hängen. Und das Phänomen stelle ich auch bei mir selbst fest. (lacht)"

TAG24: Bei der Digitalisierung sehen sie auch Chancen für das Klima.

Köpferl: "Ja, aber nicht als Selbstzweck. Mehr Internet verbraucht auch mehr Strom – das will ich nicht in Abrede stellen. Aber es ist natürlich schon ein Thema. Bei den 'Erneuerbare Energien' könnten Sonnen- und Windverhältnisse viel besser berechnet und Abläufe automatisiert werden. Wann muss der Stromspeicher zugeschaltet werden? Diese Frage würde dann nicht mehr von einem Mitarbeiter in der Eins-Zentrale, sondern von einem Computer beantwortet werden."

"Auf Schulen gehören zum Beispiel einfach Solarpanele"

Für die Grünen ist die Antwort für die Stromerzeugung klar: aus erneuerbarer Energie.
Für die Grünen ist die Antwort für die Stromerzeugung klar: aus erneuerbarer Energie.  © Ralph Kunz

TAG24: Stichwort "Erneuerbare Energien": Finden Sie hier ist der Blick Ihrer Partei zu starr? Finden Sie nicht, es bräuchte mehr Offenheit gegenüber anderen Energielieferanten - zum Beispiel Wasserstoff und Synthetischen Brennstoffen?

Köpferl: "Energie synthetischer Natur muss auch erst erzeugt werden. Bei der Frage, wie ich Strom herstelle, ist die Antwort 'Erneuerbare' für uns klar. Ich denke mir das immer wieder beim Spazieren auf dem Sonnenberg oder auch Kaßberg : Auf den Süd- und Westdächern fehlen viel zu viele Solaranlagen."

TAG24: Würden Sie solche verpflichtend machen?

Köpferl: "Bei Neubauten schon – gerade bei öffentlichen. Auf Schulen gehören zum Beispiel einfach Solarpanele auf das Dach drauf. Private Eingriffe sind hingegen immer heikel. Ich muss zunächst Akzeptanz schaffen. Und oft tritt dann der bekannte Effekt ein à la: 'Wenn der Nachbar das hat, muss ich das auch haben.'

Ich bin übrigens überhaupt nicht dafür (gerade in Chemnitz), jedes Auto eins zu eins durch ein E-Auto zu ersetzen. Das wäre auch nicht sozialgerecht. Stattdessen brauchen wir eine Mobilitätswende: mehr Fußwege, mehr Rad, mehr ÖPNV."

"Energiegeld ist hier ein riesiges Thema"

Redakteur Gabriel Schwab (r.) im Gespräch mit der Bundestagskandidatin der Grünen Karola Köpferl (31).
Redakteur Gabriel Schwab (r.) im Gespräch mit der Bundestagskandidatin der Grünen Karola Köpferl (31).  © Ralph Kunz

TAG24: Auch die CO2-Bepreisung soll dem Klima zugutekommen. Die Forderung der Grünen ist hier mit 60 Euro pro Tonne bis 2023 deutlich höher als die der anderen Parteien. Praktisch würde das bedeuten, dass der Liter Benzin 16 Cent mehr kosten würde. Müsste man hier nicht ein bisschen aufs Bremspedal drücken?

Köpferl: "Ich würde den CO2-Preis sogar höher ansetzen. Letzten Endens geht es hier um das wichtigste Thema der Wahl: Schaffen wir es, den Klimawandel abzumildern? Stoppen können wir ihn nämlich vermutlich nicht mehr. Der CO2-Preis ist ein Weg dorthin. Die Frage ist nur: Wie verteile ich die Last? Energiegeld ist hier ein riesiges Thema: Also das Geld pro Kopf an Bürger zurückzuzahlen."

TAG24: Wie genau sieht die Rückführung an den Bürger aus? Wer klimafreundlich handelt, bekommt das Geld anteilig wieder zurück?

Köpferl: "Genau. Wir wissen ja, dass Menschen mit größeren Wohnungen und größeren Autos mehr CO2 allein durch den Lebensstil verursachen. Die können trotzdem weiter Fliegen und weiter Autofahren. Natürlich werden bestimmte Dinge teurer durch den CO2-Preis. Aber wer wenig CO2 verursacht, der bekommt am Ende etwas zurück. Zum Beispiel durch das Energiegeld, das fair pro Kopf ausgezahlt wird."

"In der Pflege arbeiten überwiegend Frauen"

Eine Alternative zum Auto stellt der ÖPNV dar.
Eine Alternative zum Auto stellt der ÖPNV dar.  © Uwe Meinhold

TAG24: Dennoch gibt es die Kritik, dass das Konzept verheerende Folgen für das untere soziale Milieu habe. Sie wissen als jemand, der sich selbst aus diesem Milieu nach oben gekämpft hat, dass diese Menschen nicht immer einer energetisch sanierten Wohnung leben oder schnell mal ihren Diesel durch ein E-Auto ersetzen können…

Köpferl: "Natürlich fährt man gerade im ländlichen Raum Auto. Und ja, meine Mama ist jahrelang Diesel gefahren, weil sie sich keinen anderen Wagen leisten konnte. Wir Kinder hätten aber im Dorf auch enorm davon profitiert, wenn statt dem Auto öfter ein Bus gefahren wäre.

Die soziale Komponente wäre hier kein günstiger Dieselpreis, sondern zu sagen: Kinder unter 18 Jahren fahren kostenlos Bus. Ich erinnere mich noch daran, was für sinnlose Anträge wir stellen mussten, um als Hartz-IV-Kinder kostenlos Bus fahren zu können – und das galt nur die Strecke zwischen Schule und Zuhause. Kinder profitieren nicht von einem günstigeren Dieselpreis, sondern von einer überlebensfähigen Welt."

TAG24: Ein weiteres Thema, das Ihnen und Ihrer Partei wichtig ist, ist die Pflege – ein Bereich, aus dem sie selbst kommen. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert bis 2035 ganze 500.000 Fehlstellen für Fachkräfte. Dennoch wollen die Grünen eine 35-Stunden-Woche für Pfleger und nicht weiter auf Heime, sondern auf die ambulante Pflege im eigenen Zuhause setzen…

Köpferl: "Das kann deswegen funktionieren, da wir damit den Beruf attraktiver machen. Es braucht viele Ansätze, um diesem Problem zu begegnen. Einer ist die 35-Stunden-Woche. Die ist deutlich familienfreundlicher. Und machen wir uns nichts vor: In der Pflege arbeiten überwiegend Frauen. Zur ambulanten Pflege: Die Menschen wünschen sich, in den eigenen vier Wänden alt zu werden."

"Die Zeichen des Marktes stehen auf schnellen Konsum"

"Die Pflege ist ein Beruf, der unheimlich erfüllend sein kann", findet Karola Köpferl.
"Die Pflege ist ein Beruf, der unheimlich erfüllend sein kann", findet Karola Köpferl.  © Ralph Kunz

TAG24: …Absolut, das geht uns allen so. Die Frage ist nur: Ist dieser Wunsch mit dem Plan der Grünen realisierbar?

Köpferl: "Die Pflege ist ein Beruf, der unheimlich erfüllend sein kann und Spaß machen kann. Aber diese Menschen können nicht nur von Applaus leben. Wenn die Konditionen stimmen, fangen mehr Menschen eine Ausbildung an oder bleiben in ihrem Beruf. Im dritten Ausbildungsjahr Samstagabends allein auf der Station… solche Szenarien können zu Abbrüchen führen.

Die Lohnfrage spielt hier mit Sicherheit eine weitere, wichtige Rolle. Auch die Zuwanderung von Fachkräften ist ein Lösungsansatz, der aber kritisch zu sehen ist und dosiert umgesetzt werden muss: Auch in den Gesundheitssystemen anderer Länder gibt es Pflege-Mängel."

TAG24: Eine interessante Forderung von Ihnen ist das "Recht auf Repair" – vor allem bei Smartphones oder etwa Laptops. Für Unternehmen würde das bedeuten: "Pflicht zum Repair". Nach dem Gleichheitsgrundsatz müsste dann auch der Kuli-Hersteller eine Reparaturwerkstatt vorhalten, wenn Verbrauchern die Schreibspitze bricht.

Köpferl: "Hier ist die Frage, wie man das umsetzt. Aber um bei den Elektrogeräten zu bleiben: Die Zeichen des Marktes stehen auf schnellen Konsum. Und wenn etwas kaputtgeht, wird es schon aus Asien wieder geliefert werden. Diese Rohstoffe sind endlich und werden unter Bedingungen aus der Erde geholt, die wir nicht ignorieren können. Aus unternehmerischer Sicht sind wir beim Thema 'Recycling' schon auf einem guten Weg."

"Das Thema Umwelt war für mich schon früh präsent"

Als Kind im Dorf aufgewachsen, nun auf dem Chemnitzer Sonnenberg zu Hause.
Als Kind im Dorf aufgewachsen, nun auf dem Chemnitzer Sonnenberg zu Hause.  © Uwe Meinhold

TAG24: Bei Ihrer Vorstellungsrede zur Listenaufstellung der Grünen haben Sie auch einen Halbsatz für Ihre Kritiker fallen lassen und auf eine Vergangenheit mit der CDU angespielt. Sie sagten: "Und ja, mit 21 bin ich auch einmal am Wahlstand der CDU gestanden und habe Zuckerwatte gedreht."

Köpferl: "Ich komme aus einem eher unparteiischen Haushalt. Für mich hat sich das als Studentin geändert, da wollte ich einmal Politik schnuppern. Ich kannte jemanden bei der CDU und dachte, ich schaue mir das mal an. Ich bin dann zu allen möglichen (und unmöglichen) Veranstaltungen gegangen. Ich fand damals Vieles erschreckend: Homophobie, Blindsein für rechtsextreme Bewegungen… Irgendwann bin ich wieder ausgetreten – es hat nicht gepasst."

TAG24: Ihre Verbundenheit zu Klima und Umwelt hat sich erst bei den Grünen entwickelt?

Köpferl: "Ich bin als Kind im Dorf aufgewachsen und viel in der Natur gewesen. Wenn ich durch den Bach marschiert bin, habe ich mich schon damals wahnsinnig geärgert, wie verschmutzt er war. Damals hatte noch nicht jeder Haushalt einen Anschluss an die Kanalisation. Was ich sagen will: Das Thema Umwelt war für mich schon früh präsent. Politisch wurde es für mich aber mit den extremen Dürresommern."

"Weil ich die Themen Wirtschaft und Klima zusammenbringen will"

Karola Köpferl möchte im Bundestag die Interessen der Frauen vertreten.
Karola Köpferl möchte im Bundestag die Interessen der Frauen vertreten.  © Ralph Kunz

TAG24: Letzte Frage, Frau Köpferl: Warum sollten Sie die Chemnitzer am 26. September wählen?

Köpferl: "Weil ich die Interessen von Frauen, insbesondere auch jungen und unternehmerischen, vertrete. Weil ich die Themen Wirtschaft und Klima zusammenbringen will: Also eine Politik fahren will, die unseren Planeten schützt und nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht und attraktiv macht. Damit unser Wohlstand für morgen gesichert ist."

Titelfoto: Ralph Kunz

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