Linken-Kandidat Tim Detzner: "Chemnitz macht sich oft kleiner, als es ist"

Chemnitz - Wer wird die Stimme der Chemnitzer im Bundestag? In den kommenden Tagen stellt TAG24 alle Direktkandidaten für die Bundestagswahl vor, die für den Chemnitzer Wahlbezirk antreten und einer der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien angehören. Heute: Tim Detzner (42, Linke). Er möchte mit seiner Wahl neue Impulse setzen und für frischen Wind sorgen.

Redakteur Gabriel Schwab (r.) im Gespräch mit dem Bundestagskandidaten der Linken Tim Detzner (42).
Redakteur Gabriel Schwab (r.) im Gespräch mit dem Bundestagskandidaten der Linken Tim Detzner (42).  © Ralph Kunz

TAG24: Herr Tim Detzner, wo sehen Sie die größte Stärke von Chemnitz – wo die größte Schwäche?

Detzner: Es ist eine sehr grüne und vielfältige Stadt: Mit großstädtischem Flair in der Innenstadt und ländlichen Vorteilen in den äußeren Ortsteilen. Mich bewegt die Geschichte als Industrie- und Arbeiterstadt. Eine Kommune, die viele Transformationsprozesse durchgemacht hat und es immer wieder geschafft hat, sich neu zu erfinden.

Die größte Schwäche ist, sich selbst in positivem Licht zu sehen. Chemnitz macht sich oft kleiner, als es ist. Kaum einer in Deutschland hat auf dem Schirm, dass es sich hier um die viertgrößte Stadt im Osten handelt.

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TAG24: Für welche Chemnitzer Belange würden Sie sich im Bundestag stark machen?

Detzner: Ein wichtiger Punkt ist natürlich die Fernbahnanbindung. Hier ist mir wichtig, dass nicht nur über Chemnitz-Leipzig geredet wird, sondern auch über die Mitte-Deutschland-Verbindung, den IC von Dresden nach Düsseldorf über Chemnitz. Also auch die Anbindung an den IC-Knoten Erfurt. Die Forderung nach einer umfassenden Mobilitätswende käme Chemnitz ebenso zugute – der kostenlose ÖPNV und die Transformation von Chemnitz weg von der reinen Autostadt. Außerdem fordern wir höhere Löhne und eine solidarische Mindestrente.

Linken-Bundestagskandidat Detzner über Steuern: "Uns Linken geht es um eine gerechte Verteilung"

Tim Detzner (42) fordert deutlich höhere Ausgaben für eine Grundsicherung.
Tim Detzner (42) fordert deutlich höhere Ausgaben für eine Grundsicherung.  © Ralph Kunz

TAG24: Daneben fordern sie deutliche höhere Ausgaben für eine Grundsicherung und eine Anhebung des Mindestlohns. Auf der anderen Seite massive Senkungen bei Erbschafts-, Einkommens- und Umsatzsteuer – wie soll das alles gleichzeitig funktionieren?

Detzner: Das funktioniert ganz klar. Bei der Steuerpolitik geht es uns darum, den Steuerbauch in der Mitte abzuschmelzen – also niedrige und mittlere Einkommen deutlich zu entlasten und höhere Einkommen stärker zu belasten. Wir wollen die Erbschaftssteuer dahingehend reformieren, dass auf große Erbschaften vernünftig Steuern bezahlt werden. Wir wollen die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und eine einmalige Vermögensabgabe, um die Folgen der Coronakrise abzufedern. Das bringt durchgerechnet bis zu 90 Milliarden mehr in den Staatshaushalt.

TAG24: Wer viel hat, soll stärker zur Kasse gebeten werden?

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Detzner: Aber es geht nicht darum, sie übermäßig zur Kasse zu bitten. Uns Linken geht es um eine gerechte Verteilung. Das heißt, dass starke Schultern auch etwas mehr tragen müssen. Zurzeit zahlen Einkommensmillionäre aber anteilig deutlich weniger Steuern als Normalverdiener. Wer ein geringes Einkommen hat, wird allein durch Einkommens- und Mehrwertsteuer deutlich mehr belastet. Und es gibt auch Superreiche, die das selbst für sich fordern. Es ist ja Fakt, dass die Umverteilung von unten nach oben in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat. Das reichste Prozent in Deutschland hält 35 Prozent des gesellschaftlichen Vermögens. Mit dem Linken Steuerkonzept kann man dieses Ungleichgewicht ein Stück weit beheben und in die Bereiche Bildung, Infrastruktur, Klimawandelpolitik und Soziale Gerechtigkeit investieren.

"Stattdessen braucht es Anreize – zum Beispiel durch eine Mobilitätswende"

In der TAG24-Redaktion beantwortete Tim Detzner (42) die Fragen.
In der TAG24-Redaktion beantwortete Tim Detzner (42) die Fragen.  © Ralph Kunz

TAG24: Birgt das nicht die Gefahr, die Reichen (oder wenigstens ihre Konten) aus Deutschland zu vertreiben?

Detzner: Ich glaube nicht, dass 1,5 Millionen Millionäre ihre deutschen Privilegien aufgeben und das Land verlassen nur, weil sie stärker besteuert werden. Ich glaube auch nicht, dass die große Vermögensflucht ins Ausland einsetzen würde. In unserem Steuerkonzept haben wir übrigens die klare Richtlinie, Steueroasen trockenzulegen.

TAG24: Ein weiterer Wahlprogrammpunkt ist die Klimaneutralität – und zwar schon bis 2035. Gleichzeitig soll die Transformation sozialverträglich sein. Ist das in Anbetracht der Zeit nicht ein wenig überambitioniert?

Detzner: Das geht. Und zwar, indem man die Unternehmen, die über Jahre mit schmutziger Energie Milliarden verdient haben auch an den Folgelasten klar beteiligt. Es ist für mich ein Unding, dass Braunkohle-Tagebau-Betreiber mit der Renaturierung und Umwandlung der Tagebau nichts zu tun haben. Oder dass Atomkraftwerksbetreiber für Abbau, Endlagerung und Folgekosten keine Verantwortung tragen. Wir brauchen eine möglichst schnelle Energiewende. Aber nicht über Verbote, die den kleinen Endverbraucher letztendlich dafür zahlen lassen. Stattdessen braucht es Anreize – zum Beispiel durch eine Mobilitätswende, durch einen günstigen ÖPNV, durch eine deutlich bessere Fahrradstruktur. Pauschaler CO2-Preis und Emissionshandel sind für uns die falschen Instrumente.

"Uns geht es um eine rechtliche und öffentliche Gleichstellung"

Tim Detzner findet die NATO-Frage schwierig.
Tim Detzner findet die NATO-Frage schwierig.  © Ralph Kunz

TAG24: Der Linken wird oft vorgeworfen, sie sei nicht koalitionsfähig. Ein Argument, das ins Feld geführt wird, ist die harte Linie bei Rüstungsexporten und Friedenspolitik. Die Linken fordern etwa einen Austritt aus der NATO. Gibt es hier keinen Verhandlungsspielraum?

Detzner: Wir sind durchaus bereit, darüber zu reden. Die Beschränkung der Rüstungsexporte ist hingegen nicht verhandelbar. In zu vielen Kriegen dieser Welt sind deutsche Waffen beteiligt. Hier muss es viel stärkere Beschränkungen und Kontrollen geben. Die NATO-Frage ist schwieriger: Natürlich ist ein sofortiger Austritt utopisch. Aber wir müssen darüber reden, welche Daseins-Berechtigung hat die NATO 30 Jahre nach dem Kalten Krieg? Autoritäre Partner-Staaten wie die Türkei, die seit Jahren völkerrechtswidrige Angriffskriege in Nordsyrien und im eigenen Land führen, gilt es kritisch zu hinterfragen. Wir sind für ein kollektives Sicherheitssystem unter Einbeziehung von China und Russland.

TAG24: Ihre Partei hat auch eine klare Haltung zur Gendergerechtigkeit und der gendergerechten Sprache. Das Thema polarisiert die Gesellschaft, manche sagen gar, die Debatte spaltet die Gesellschaft.

Detzner: Ja, das erlebe ich auch oft in Gesprächen auf der Straße. Oft heißt es dann: "Solange ihr das Gendern wollt, kann ich euch nicht wählen." Uns geht es um eine rechtliche und öffentliche Gleichstellung von sexuellen und geschlechtlichen Identitäten – das ist einfach wichtig. Wir haben immer noch eine Ungleichstellung von Frauen und Männern. Die Coronakrise bedeutete hier oft eine Rückwärtsrolle. In vielen Familien war und ist es die Frau, die sich neben dem Job um Kinder und Haushalt kümmert. Frauen sind immer noch in Führungspositionen unterrepräsentiert. Gendergerechte Sprache ist hier nur ein Teilaspekt.

"Unser Anliegen war, auf den systematischen, ganz gezielten Zuzug von bundesweiten Neonazi-Größen hinzuweisen"

Mehrere Hundert Demonstranten zogen im Mai durch Chemnitz.
Mehrere Hundert Demonstranten zogen im Mai durch Chemnitz.  © Haertelpress

TAG24: Das ist ja genau die Kritik: Die Sprache ist nur ein Teilaspekt – diesem wird in der öffentlichen Wahrnehmung aber ein großer Raum eingeräumt…

Detzner: Hier ist die Frage, wie das Thema öffentlich aufgenommen wird. Solche Dinge werden oft größer gemacht, als sie sind. Es bleibt ein Teilaspekt, der zu mehr Gerechtigkeit führen wird. Es ist auf jeden Fall nicht so, dass die parteiinternen Debatten um Geschlechtergerechtigkeit von der Gendersprache überschattet werden.

TAG24: Kommen wir zum Chemnitzer Lokalgeschehen. Sie waren Anmelder einer Demonstration von "Chemnitz Nazifrei". Insgesamt 300 Demonstranten sind durch die Straßen gezogen. Der ursprüngliche Plan war, vor den Haustüren bekannter Rechtsextremisten Kundgebungen abzuhalten. Hatten Sie nicht Angst, dass Sie mit dieser Provokation in ein Wespennest stechen?

Detzner: Das Kernanliegen war nicht, Rechtsextremisten in ihrem privaten Wohnbereich auf die Pelle zu rücken oder sie gar zu bedrohen. Unser Anliegen war, auf den systematischen, ganz gezielten Zuzug von bundesweiten Neonazi-Größen hinzuweisen. Wir wollten zeigen, dass Chemnitz nicht das ruhige Hinterland für sie ist. Und zwar exakt drei Jahre nach den Ausschreitungen im Sommer 2018, also der größten rechtsextremen Demonstration, die Chemnitz jemals erlebt hat.

"Es waren im Übrigen nie Kundgebungen direkt vor den Häusern geplant"

Michael Leutert (v.l.n.r.), Frank Müller-Rosentritt, Frank Heinrich und Detlev Müller setzten sich im Bundestag für eine bessere Bahnanbindung ein.
Michael Leutert (v.l.n.r.), Frank Müller-Rosentritt, Frank Heinrich und Detlev Müller setzten sich im Bundestag für eine bessere Bahnanbindung ein.  © privat

TAG24: Das Problem der Rechtsextremisten schwelt schon länger…

Detzner: Ja, hier beobachten wir eine Kontinuität seit über 25 Jahren. NSU-Unterstützer, das Netzwerk "Blood & Honour", "PC-Records" als einer der europaweit bedeutendsten Labels für rechtsextreme Musik. Chemnitz war schon Mitte der 90er Hotspot illegaler Nazikonzerte. Die Strukturen reichen von der Musikszene über extrem rechte Parteien bis hin zu einer regen, freien Kameradschaftsszene – darauf wollten wir mit der Demo hinweisen. Es waren im Übrigen nie Kundgebungen direkt vor den Häusern geplant.

TAG24: Würden Sie in den Bundestag gewählt, träten Sie die Nachfolge von Michael Leutert an. Dieser hat Anfang des Jahres überraschend sein Mandat niedergelegt. Aber nicht nur das: Er rechnete auch mit seiner Partei ab, sprach von „großen Problemen“. War das ein Imageschaden für die Linken?

Detzner: Nein. Und es war tatsächlich kein plötzlicher Rücktritt. Michael Leutert hatte schon 2019 angekündigt, nicht mehr zu kandidieren. Er hatte die Stadt 16 Jahre in Berlin vertreten, dann kam das Jobangebot als Büroleiter des UN-Entwicklungsprogramms. Das war für ihn eine logische Weiterentwicklung seiner politischen Tätigkeit im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Das mag im Jahr der Bundestagswahl für die Öffentlichkeit komisch wirken, ist in der Tat aber ganz normal.

Detzner: "Weil ich denke, dass ich frischen Wind in den Bundestag bringen kann"

Tim Detzner (42) will sich für eine bessere Umverteilung einsetzen.
Tim Detzner (42) will sich für eine bessere Umverteilung einsetzen.  © Ralph Kunz

TAG24: Letzte Frage, Herr Detzner: Warum sollten Sie die Chemnitzer am 26. September wählen?

Detzner: Weil ich ihre Anliegen und Stimmen direkt transportieren will. Weil ich denke, dass ich frischen Wind in den Bundestag bringen kann, meinen eigenen politischen Ansatz habe, der sagt: Ich möchte hier Leute unterstützen und befähigen, sich selbst zu organisieren im Rahmen ihrer Themen und Interessen. Und sie sollten mich wählen, wenn sie die Umverteilung von Reichtum von unten nach oben stoppen wollen, bessere Löhne, ein zukunftsfähigeres Rentensystem haben wollen und mehr soziale Gerechtigkeit. Für all das braucht es eine starke Stimme in Berlin.

Titelfoto: Ralph Kunz

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