Chemnitz wird Kulturhauptstadt Europas 2025!

Chemnitz - Anfangs für die Bewerbung belächelt, am Ende das Lachen nicht verloren: Chemnitz wird Kulturhauptstadt Europas 2025!

Mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas kann Chemnitz nun international sichtbar werden und sich ein Image einer bunten Kulturstadt überstülpen.
Mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas kann Chemnitz nun international sichtbar werden und sich ein Image einer bunten Kulturstadt überstülpen.  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Schluss mit den Klischees von Rechtsextremismus, Arbeitslosigkeit und Plattenbau. Wurde die Stadt Chemnitz anfangs noch für ihre Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 nicht ernst genommen, hat sie es allen Kritikern gezeigt. 

Am Mittwoch heimste sie bei der online durchgeführten Entscheidung den Sieg im Kampf um den Titel ein und hat nun die Chance, ihr Image europaweit aufzupolieren.

Als Preisgeld für die Kulturhauptstädte der Jahre 2020 und 2021 sind 1,5 Mio. Euro je Stadt vorgesehen.

Einen Tag vor dem Ende ihrer Amtszeit als Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz sagte Barbara Ludwig (58, SPD): "Ich bin überwältigt. Es ist ein großartiges Gefühl, dass wir gewonnen haben. Jetzt können wir zeigen, dass Chemnitz so viel mehr ist, als die Bilder, die 2018 um die Welt gegangen sind."

Barbara Klepsch, Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus: "Ich bin überglücklich über die Entscheidung der europäischen Jury. Damit rückt eine starke Stadt mitten in Europa noch weiter in das Herz des Kontinents. Der Zuschlag ist eine Auszeichnung für die Kulturarbeit vor Ort und eröffnet neue Möglichkeiten für das kulturelle Leben. Hier ist es mir wichtig, dass wir auch die Umgebung von Chemnitz mitdenken. Als Schauplatz der Begegnung wird die Region zu einem zentralen Besuchermagneten im Freistaat Sachsen. Ich lade alle Kulturinteressierten aus Europa und darüber hinaus 2025 nach Chemnitz ein, um zu erleben, welche Reichtümer die Stadt zu bieten hat."

Künftiger Oberbürgermeister Sven Schulze: "Das ist eine richtig gute Entscheidung, die ich als großes Geschenk für meinen Amtsantritt empfinde. Dafür bin ich sehr dankbar und freue mich auf die herausfordernden aber auch unschätzbar wertvollen Jahre, die nun vor uns liegen. Die Arbeit geht weiter."

Denn bereits die Bewerbung der drittgrößten Stadt in Sachsen hat gezeigt: Chemnitz ist weder grau noch braun, Chemnitz ist bunt. Und damit berechtigter Gewinner des Programms der Europäischen Union. 

Lautet dessen Ziel nicht umsonst: Europas Vielfalt und Zusammengehörigkeit erlebbar machen. Durchgesetzt hat sich Chemnitz gegen ihre vier deutschen Mitbewerber Magdeburg, Nürnberg, Hannover und Hildesheim. Die fünf Städte hatten es im Dezember auf die Shortlist geschafft. 

Damit waren auch die Mitbewerber Dresden, Gera und Zittau ausgeschieden.

Update, 14.12 Uhr: Kretschmer zum Chemnitz-Erfolg: Stolz auf diese großartige Stadt

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat Chemnitz nach der Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 breite Unterstützung der Landesregierung zugesichert. Diese werde ihren Beitrag dazu leisten, "dass dieses Jahr 2025 zu einem ganz besonderen wird - mit einer Ausstrahlung, mit einem Impuls für Chemnitz, für Sachsen, für Deutschland und für die gesamte Europäische Union", sagte Kretschmer am Mittwoch nach Verkündung der Entscheidung in einer Videobotschaft.

"Was für eine Arbeit, was für ein Engagement, wie viel Kreativität und wie viele kluge Ideen waren dazu notwendig", sagte Kretschmer und gratulierte den Stadt. Chemnitz habe zusammengehalten: "Sie haben die Jury damit überzeugt, dass Sie einen Ansatz gewählt haben, der über das Jetzt und Hier hinausgeht, der die Europäische Union erklären soll, der neue Verbindungen zwischen Ost- und Westeuropa schaffen soll. Wir sind alle richtig stolz auf diese großartige Stadt, auf die Menschen, die das gemacht haben."

"Ich bin mir sicher: Die Macher-Mentalität der Chemnitzer war mitentscheidend dafür, dass es am Ende geklappt hat", betonte der CDU-Politiker. "Chemnitz 2025" habe das Potenzial, ein starker Impulsgeber für viele weitere Orte in Europa zu sein: "Denn Chemnitz steht auch dafür, wie wichtig es ist, die Gefahr von Spaltungen zu überwinden und aktiv für unsere europäischen Werte und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten."

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig hat die Ernennung von Chemnitz zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 als verdiente Entscheidung bezeichnet. "Ich freue mich auf die facettenreichen Projekte, die in den kommenden Jahren mit Leben gefüllt und viele unterschiedliche Menschen in Europa verbinden werden", teilte der SPD-Politiker am Mittwoch auf Twitter mit.

Barbara Ludwig ist überwältigt.
Barbara Ludwig ist überwältigt.  © Bernd Rippert
Ausgelassene Stimmung in der Stadthalle beim Verkünden des Ergebnisses.
Ausgelassene Stimmung in der Stadthalle beim Verkünden des Ergebnisses.  © Uwe Meinhold

Macher-Ansatz überzeugt die internationale Jury

Mit ihrem Macher-Ansatz unter dem Stichwort Alltagskultur hat Chemnitz die europäische Auswahljury überzeugt und kann nun auch in ganz Europa nicht nur die Stadt sichtbar machen, sondern auch Leute und Orte, die man sonst nicht oder zu wenig sieht. Allein das Bid Book, die Bewerbungsmappe, machte deutlich: Hier ist etwas im Entstehen, die Stadtentwicklung ein Prozess und noch längst nicht fertig.

Knapp vier Jahre lang arbeitete das Kulturhauptstadt-Büro - angedockt an die städtische Wirtschaftsförderung - an der Bewerbung. Musste viel Kritik über sich ergehen lassen und Rückschläge ertragen. Auch hat es seine Zeit gedauert, die 250.000 Chemnitzer selbst von der Bewerbung zu überzeugen.

Mit zahlreichen Aktionen und einem rundum erneuerten Bewerbungsbuch hat es das Team jedoch geschafft, Einwohner und Jury für sich und sein Konzept zu gewinnen. Es wurde interdisziplinär und groß gedacht und unter anderem der Weg bereitet, Chemnitz zu einer internationalen Bühne für zeitgenössische Kunst und Kultur zu machen. 

Und selbst zu den eigenen Schwächen wurde sich bekannt und Pläne erarbeitet, etwa leerstehende Häuser und brachliegende Flächen mit Farbe und Leben zu füllen, neu zu erfinden. 

Schwächen nicht vertuschen - ein starkes Statement der Stadt

Ein wichtiger Schritt war zudem, die folgenschweren Ereignisse im Spätsommer 2018 in die Bewerbung zu integrieren und nicht zu vertuschen. Damals war Chemnitz tagelang im Ausnahmezustand, nachdem Daniel H. am Rande des Stadtfests von einem Asylbewerber erstochen worden war. Es folgten Demonstrationen, bei denen auch der Hitlergruß gezeigt wurde. Die Stadt stand im Rampenlicht - und am Pranger. Ein brauner Stempel, den die Stadt nur schwer wieder loswerden dürfte.

Mit dem Titelgewinn geht nun aber nicht nur ein möglicher Imagewandel einher, sondern es winkt auch ein Konjunkturprogramm für die gesamte Region mit rund 1,5 Millionen Menschen. Bis zu 80 Millionen Euro würden direkt aus EU, Bund und dem Land Sachsen nach Chemnitz fließen. Im eigentlichen Kulturhauptstadtjahr käme dann noch einmal das vier- bis sechsfache hinzu. Chemnitz hat die Chance, ihre Entwicklungspläne umzusetzen und sich als Kulturregion einen neuen Namen zu machen. Sich in die Reihe nennenswerter Städte wie Athen, Paris und Florenz einzureihen.

Für das Jahr 2025 werden zwei Millionen Gästen erwartet – damit einhergehend zusätzliche Einnahmen zwischen 150 bis zu 500 Millionen Euro. 

Das bedeutet nicht nur ein Anstieg der Umsätze in Geschäften, Cafés, Restaurants und Hotels, sondern es könnten auch neue Jobs entstehen und die Löhne steigen. 

Chemnitz gewinnt neue Stärke der Stadt

Das Karl-Marx-Monument ist eines der Wahrzeichen der Stadt Chemnitz und wird auch 2025 von vielen Touristen besucht werden.
Das Karl-Marx-Monument ist eines der Wahrzeichen der Stadt Chemnitz und wird auch 2025 von vielen Touristen besucht werden.  © Uwe Meinhold

Auch kann der Sieg dazu beitragen, junge Menschen in der Region zu halten. Profitieren können diese dann von wirtschaftlicher Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit, Kulturangeboten für viele Interessen und einer neuen Stärke der Stadt.

Die Initiative Kulturhauptstadt Europas ist ein Programm der Europäischen Union, das 1985 ins Leben gerufen wurde. Seither trugen bereits 60 Städte Europas den Titel Kulturhauptstadt Europas – Chemnitz ist nach West-Berlin (1988), Weimar (1999) und Essen zusammen mit dem Ruhrgebiet (2010) erst die vierte deutsche Stadt, welche diese Auszeichnung erhält. 

Letztere hat es geschafft, dank des Titels ihr Image erheblich aufzupolieren und sich von der Industrie- zur Kulturregion gewandelt. Neben Chemnitz als Vertreter aus Deutschland darf 2025 auch Slowenien eine der beiden Städte stellen, die sich den Titel Kulturhauptstadt Europas jeweils teilen. In diesem Jahr können sich Rijeka in Kroatien und Galway in Irland mit dem Titel schmücken.

Das Kulturhauptstadtjahr wird über das ganze Jahr mit einem vielfältigen, spartenübergreifenden und europäisch ausgerichteten Kulturprogramm gefeiert, das im Regelfall zu einem deutlichen Anstieg der Besucherzahlen aus dem In- und Ausland und großer medialer Aufmerksamkeit führt sowie zur internationalen Verständigung und zum Bewusstsein des europäischen, kulturellen Erbes beitragen kann. 

Titelfoto: Uwe Meinhold

Mehr zum Thema Chemnitz:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0