Sächsin in South Carolina zur US-Wahl: "Die Amis werden Trump ein zweites Mal wählen"

Freiberg - Antje Barthel (50) studierte in Freiberg Geologie, zog dann mit ihrem Chemnitzer Ehemann in die USA - des neuen Jobs wegen. Seit über 18 Jahren lebt sie jetzt in Columbia im US-Südstaat South Carolina, arbeitet an einer Grundschule.

Der Demokrat Joe Biden (77, l.) oder der Republikaner Donald Trump (74): Am kommenden Dienstag wählen die US-Amerikaner einen neuen oder ihren alten Präsidenten.
Der Demokrat Joe Biden (77, l.) oder der Republikaner Donald Trump (74): Am kommenden Dienstag wählen die US-Amerikaner einen neuen oder ihren alten Präsidenten.  © dpa/Andrew Harnik, imago images/Pacific Press Agency

Das Haus der Barthels steht in einem typisch amerikanischen Wohngebiet am Rande der 133.000-Einwohner-Stadt: schmucke Einfamilienhäuser in Reih und Glied, dazwischen gepflegter Rasen, mindestens zwei Autos vor jeder Garage. 

"Hier lebt die stinknormale Mittelschicht", erzählt sie. "Meine Nachbarn sind Schwarze, Weiße und Asiaten. Doch wer Republikaner und wer Demokraten wählt, wird hier nicht gezeigt." Es stehen keine Wahlplakate vor den Häusern, an den Autos kleben keine Wahlparolen.

Für Antje ist Trump ein "großer Clown" - so wie für die meisten Deutschen. Warum ihn trotzdem viele Amerikaner mit fliegenden Fahnen wählen, ist für sie längst kein Rätsel mehr. "Dem typischen Amerikaner geht es hauptsächlich darum, dass sein Geld stimmt und die Aktienwerte stetig klettern. Dann ist er zufrieden." Genau dafür hat Donald Trump (74) gesorgt. Vier Jahre lang.

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Dass er dabei das Ansehen der USA im Ausland systematisch verspielt, kümmert den Normalo-Amerikaner nicht. 

"Man schaut nicht über den Tellerrand, macht meist nicht mal Urlaub im Ausland", weiß Antje. Familie, Haus, Auto, Job. Wer diesen Vierklang virtuos spielt, hat in den Vereinigten Staaten beste Chancen, zum Präsidenten (wieder-)gewählt zu werden.

Antje glaubt, dass die Amis Trump ein zweites Mal wählen werden

Freiwillige Ehrengarde bei militärischen Bestattungen: Aufmarsch der Patriot Guard Riders - meist nationalistische Biker.
Freiwillige Ehrengarde bei militärischen Bestattungen: Aufmarsch der Patriot Guard Riders - meist nationalistische Biker.  © imago images/ZUMA Wire

Für die Barthels hat sich in den vergangenen Jahren unter Trump nichts verbessert, kaum etwas verändert. Als die "Black Lives Matter"-Bewegung auf die Straße ging, gab es auch in der City eine kleine Demo. Friedlich. "Columbia ist provinzieller, weniger politisch aufgeladen als die Millionenmetropolen des Landes." 

"Total lokal" ist das Motto. "Ich schaue inzwischen keine Fernsehnachrichten mehr - egal, von welchem Sender. Mich interessiert einfach nicht, wann und wo ein Mord in Downtown passiert ist. Und Wahlwerbung ist hier lediglich permanente Verunglimpfung des politischen Gegners. Jeder haut nur auf den anderen ein. Von Substanz oder Wahlprogramm keine Spur. Wir streamen abends lieber deutsche News bei Tagesschau oder heute.de, um zu wissen, was in der Welt passiert ist."

Antjes Tochter Anne (18) ist in den USA geboren, hat deshalb auch die amerikanische Staatsbürgerschaft und durfte dieses Jahr deshalb zum ersten Mal wählen - politisch interessiert, mit offenen Augen und einem Corona-Mundschutz. Der ist in Columbia in öffentlichen Gebäuden Pflicht. Um ihre Stimme in der Vorwahlperiode abzugeben, musste Anne 45 Minuten an einer "polling station" (Wahllokal) anstehen, doch dann nicht lange überlegen: "Für den 'Orangenen' habe ich natürlich nicht gevotet."

Sogar vor den Wahllokalen wird noch geballt Werbung für die Wahl gemacht.
Sogar vor den Wahllokalen wird noch geballt Werbung für die Wahl gemacht.  © imago images/Xinhua
Eine Wählerin füllt ihren Wahlzettel bei der vorzeitigen Stimmabgabe aus: Eine Woche vor der Wahl haben so bereits mehr als 70 Millionen US-Amerikaner abgestimmt.
Eine Wählerin füllt ihren Wahlzettel bei der vorzeitigen Stimmabgabe aus: Eine Woche vor der Wahl haben so bereits mehr als 70 Millionen US-Amerikaner abgestimmt.  © dpa/Nati Harnik
So sieht ein sogenannter Mail-In-Vorab-Stimmzettel aus: Eine Woche vor der Wahl haben damit bereits mehr als 70 Millionen US-Amerikaner abgestimmt.
So sieht ein sogenannter Mail-In-Vorab-Stimmzettel aus: Eine Woche vor der Wahl haben damit bereits mehr als 70 Millionen US-Amerikaner abgestimmt.  © imago images/AFLO
Auch in Columbia demonstrierte die "Black Lives Matter"- Bewegung im Vorfeld der Präsidentschaftsdebatte.
Auch in Columbia demonstrierte die "Black Lives Matter"- Bewegung im Vorfeld der Präsidentschaftsdebatte.  © dpa/Tony Dejak
Glückliche Erstwählerin: Anne Barthel (18) zeigt stolz ihren Wahlsticker "I voted".
Glückliche Erstwählerin: Anne Barthel (18) zeigt stolz ihren Wahlsticker "I voted".  © privat/Barthel
Konnte in der Vorwahlperiode bereits am 19. Oktober ihre Stimme abgeben: Anne Barthel (18) mit Mutti Antje (50) bei ihrer Graduierung am 1. Juni 2020.
Konnte in der Vorwahlperiode bereits am 19. Oktober ihre Stimme abgeben: Anne Barthel (18) mit Mutti Antje (50) bei ihrer Graduierung am 1. Juni 2020.  © privat/Barthel

Doch ob das reicht? Antjes persönliche Wahlprognose gibt die Stimmung in ihrer Wahlheimat und nicht das Wunschdenken der meisten Deutschen wieder: "Ich glaube, dass die Amis Trump ein zweites Mal wählen werden - mit knapper Mehrheit."

Titelfoto: imago images/Pacific Press Agency, privat/Barthel

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