Sie sind Studenten an der Bergakademie: Freiberger Afghanen bangen um Familien

Freiberg - Mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan änderte sich auch das Leben von afghanischen Studenten in Freiberg (Mittelsachsen). Wir haben drei von ihnen getroffen.

Sabawoon Afzali (27) in traditioneller Kleidung und Kopfbedeckung, mit der die afghanischen Studenten auch zum Freitagsgebet in die Chemnitzer Moschee gehen.
Sabawoon Afzali (27) in traditioneller Kleidung und Kopfbedeckung, mit der die afghanischen Studenten auch zum Freitagsgebet in die Chemnitzer Moschee gehen.  © Holm Helis

"Derzeit sind zehn Studierende aus Afghanistan an der TU Bergakademie Freiberg immatrikuliert", sagt TU-Sprecherin Luisa Rischer. Einer davon ist Ahmad Tariq (32).

"Was 20 Jahre aufgebaut wurde, war über Nacht zerstört", sagt der Bergbaustudent verzweifelt. Er videotelefoniert regelmäßig mit seiner hilflosen Familie in Dschalalabad östlich von Kabul, kann aber aus der Ferne nicht helfen. "Plötzlich kommt wieder mein Albtraum hoch. Ich werde nie vergessen, wie ich als Kind miterleben musste, wie mein Vater von einem Taliban geschlagen wurde. Sein Vergehen: Der Bart war zu kurz."

Die Studenten wissen alle noch aus ihrer Kindheit, was Taliban-Herrschaft bedeutet. "Fernsehen und Musik waren verboten. Frauen durften nur mit Burka auf die Straße. Männer mussten lange Bärte tragen", sagt Tariq. Die Sittenwächter der Scharia-Polizei seien schon wieder aktiv.

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Sohrab Rustami (30) wollte nach seinem Masterstudium Grundwassermanagement eigentlich in sechs Monaten zurück in die Heimat: "Doch ich werde nicht in eine Diktatur der Taliban gehen." Rustami chattet täglich mit seiner Verlobten: "Die Lage ist aussichtslos. Keine Frau geht mehr unverschleiert auf die Straße. Wir hatten nur eine Burka im Haus. Eine Frau musste erst neue auf dem Markt kaufen." Die Studenten können ihren Familien auch kein Geld schicken: "Die Banken sind geschlossen. Die Inflation kletterte auf 40 Prozent."

Sabawoon Afzali (27) ist erst seit 15. Juli in Freiberg, wollte zwei Jahre Nachhaltigen Bergbau studieren. "Ich habe Angst um meine Familie. Mein Bruder arbeitete als Logistiker für die NATO. Er wollte aus Kabul fliehen, hatte aber keine Chance am überfüllten Flughafen. Jetzt ist er zum Ziel der Taliban geworden." Afzalis Vater wurden 2018 bei der Explosion einer Autobombe beide Beine abgerissen. "Jetzt gilt wieder, wer nicht mitmacht, wird gekillt", ist sich Afzali sicher.

Trinken Tee, gewürzt mit Original-Safran aus der Heimat: Die Bergbau-Studenten Ahmad Tariq (32, l.), Sabawoon Afzali (27) und Sohrab Rustami (30, r.) im Wohnheim des Studentenwerks Freiberg in der Winklerstraße.
Trinken Tee, gewürzt mit Original-Safran aus der Heimat: Die Bergbau-Studenten Ahmad Tariq (32, l.), Sabawoon Afzali (27) und Sohrab Rustami (30, r.) im Wohnheim des Studentenwerks Freiberg in der Winklerstraße.  © Holm Helis
Terror liegt in den Genen der Taliban-Herrschaft: Bei einem Autobomben-Anschlag wurde 2018 Afzalis Vater schwer verwundet.
Terror liegt in den Genen der Taliban-Herrschaft: Bei einem Autobomben-Anschlag wurde 2018 Afzalis Vater schwer verwundet.  © dpa/AP/Khwaja Tawfiq Sediqi

Wer kann den Afghanen Hoffnung geben? Einem Kommilitonen erging es genau umgekehrt: Er reiste kurz vor der Machtübernahme zu seiner Familie nach Afghanistan, kann jetzt nicht mehr nach Deutschland zurückkommen. Rustami: "Die Lage ist hoffnungslos, aber wir danken den Deutschen für ihre Solidarität."

Titelfoto: Holm Helis

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