Bildhafte Gebärdensprache: Sie dolmetscht Dresdens Stadtrat für Gehörlose

Dresden - Ihr Job gehört zu den mental anstrengendsten der Welt. Ständig muss sie ihre Arbeit unterbrechen, um Körper und Geist aufzufrischen. Claudia Hempel (45) ist Gebärdensprachdolmetscherin.

Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Hempel (45) übersetzt die Reden der Politiker für Gehörlose.
Gebärdensprachdolmetscherin Claudia Hempel (45) übersetzt die Reden der Politiker für Gehörlose.  © Norbert Neumann

Sie übersetzt in Schulen und Gefängnissen - und nach der Corona-Pause bald auch wieder im Dresdner Stadtrat.

Die Pirnaerin wuchs mit Gesten und Mimik auf. "Gebärdensprache ist meine Muttersprache. Ich bin damit groß geworden. Meine Eltern sind gehörlos", sagt sie.

Nach dem Abitur erwarb sie ein staatliches Zertifikat, übersetzte an der Uni für gehörlose Studenten. Auch in Umschulungen für Sachsen, die nach der Wende ihren Job verloren hatten.

"Das Dolmetschen mittels Händen, Gesicht und Körper wurde zu meiner Berufung", sagt Claudia Hempel. Gebärdensprache drückt bildhaft aus, worum es im Wesentlichen geht. Gesprochene Verben wie bringen, geben oder reichen übersetzt sie mit der gleichen Geste, indem sie ihre Hand vom Bauch wegführt.

Sie dolmetscht im Unterricht an Schulen, in denen auch gehörlose Kinder lernen. In Videoschalten übersetzt sie Telefonate der Gehörlosen. Sie kann verschiedene Typen und Emotionen darstellen.

"Ist ein Redner wütend, werden meine Gebärden zackiger, schneller", erklärt sie. Bei Fragen hebt sie die Augenbraue. Ruhige Gesten und entspannte Gesichtszüge drücken einen harmonischen Sprecher aus. "Diese Feinheiten zu übersetzen ist die große Kunst, erfordert jahrelange Berufserfahrung."

Diesen Anspruch hat sie auch bei ihrer Arbeit im Stadtrat. Seit 2016 werden Sitzungen auch für Gehörlose übersetzt. Claudia Hempel gebärdet dabei neben dem Sprecherpult, übersetzt alle Redner. "Alle zehn bis 15 Minuten wechsle ich mich mit einer Kollegin ab, erhole mich. Zuhören, Sinn erfassen und zeitversetzt gebärden ist sehr anstrengend."

Hempel bei einer Stadtrat-Sitzung im März vor den Corona-Einschränkungen.
Hempel bei einer Stadtrat-Sitzung im März vor den Corona-Einschränkungen.  © Norbert Neumann

Das Rathaus besetzt etwa die Hälfte der Sitzungen im Jahr mit Dolmetschern. Meist, wenn für Gehörlose interessante Themen anstünden, so ein Stadtsprecher. "Es wäre schön, das für alle Sitzungen anzubieten, um niemanden auszugrenzen. Das ist für mich Inklusion", sagt Claudia Hempel. Im Freistaat leben 4660 Gehörlose, 789 in Dresden.

Titelfoto: Norbert Neumann

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