Bürgerinitiative kämpft bei Wind und Wetter: Die Autozähler von der "Königsbrücker"

Dresden - Egal, ob beißender Frost oder irre Hitze: Seit 2013 steht Martin Schulte-Wissermann (49, Piraten) jeden Freitag mit seiner Bürgerinitiative (BI) "Königsbrücker muss leben!" eine Stunde lang an der immer selben Stelle der Königsbrücker Straße und zählt den Verkehr. Dahinter steht ein klarer Plan, der nun aufgehen könnte.

Seit 2001 kämpft die Bürgerinitiative gegen den Ausbau der "Königsbrücker".
Seit 2001 kämpft die Bürgerinitiative gegen den Ausbau der "Königsbrücker".  © Nor­bert Neu­mann

Freitag, 17 Uhr, gibt es für Stadtrat Schulte-Wissermann in Dresden einen fixen Termin. "Wenn ich nicht krank bin oder eine Ratssitzung stattfindet, zähle ich den Verkehr. Schaffe ich es nicht, zählen andere Mitglieder der Bürgerinitiative, aber eigentlich bin ich immer dort."

Schulte-Wissermann will so nachweisen, dass der Verkehr auf der Königsbrücker Straße so deutlich gesunken ist, dass eine Sanierung im Bestand, anders als vom Stadtrat beschlossen, die einzig denkbare Variante ist.

Ein Einsatz, der bemerkt wurde. 

"Die Schauburg hilft uns. Viele Jahre durften wir im Gebäude einen Ampelkeller als Lager nutzen", so BI-Sprecher Schulte-Wissermann. Doch im Lauf der Jahre wurde die Schauburg saniert. 

Der früher für die Steuerung der Kreuzung notwendige Keller ist mittlerweile ein Kinosaal.

Dennoch hilft das Kino weiter aus. "Es gibt ein wichtiges Ritual. Im Sommer genehmigten wir uns nach der Zählung einen Sekt, im Winter einen Glühwein. Doch bei minus 20 Grad streiken Gaskocher. 

Wir durften uns dann in den Vorraum der Schauburg hocken", schmunzelt Schulte-Wissermann. Das unglaubliche Engagement hat ein klares Ziel. Die Daten zeigen einen Rückgang der Kfz-Zahlen von 15.000 Autos pro Tag auf nun unter 10.000.

Die aktuell beschlossene Sanierungsvariante ging jedoch von 15.000 Autos oder mehr aus. "Die Stadt muss dringend offiziell zählen, das wird uns bestätigen. Danach gibt es keine Alternative zur Bestandssanierung. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es im nächsten Jahr eine Ratsmehrheit für einen neuen Beschluss gibt."

Bei Wind und Wet­ter, bei Re­gen und Schnee: Mar­tin Schul­te-Wis­ser­mann (49, Pi­ra­ten) zählt an der Kö­nigs­brü­cker Stra­ße Au­tos.
Bei Wind und Wet­ter, bei Re­gen und Schnee: Mar­tin Schul­te-Wis­ser­mann (49, Pi­ra­ten) zählt an der Kö­nigs­brü­cker Stra­ße Au­tos.  © privat
Sämtliche Werte hat die Bürgerinitiative in diese Grafik übertragen. Der rote Punkt zeigt den offiziellen Messwert der Stadt.
Sämtliche Werte hat die Bürgerinitiative in diese Grafik übertragen. Der rote Punkt zeigt den offiziellen Messwert der Stadt.  © Grafik: Bürgerinitiative "Königsbrücker muss leben!"

Vierteljahrhundert-Baustelle in Dresden: Seit 25 Jahren wird hier geplant

Die Variante 8.7 wurde 2016 im Rat beschlossen, aber nie gebaut.
Die Variante 8.7 wurde 2016 im Rat beschlossen, aber nie gebaut.  © Grafik: Stadt Dresden

Seit 25 Jahren tüftelt die Stadt an der Sanierung der Königsbrücker Straße. Mehr als vier Millionen Euro gaben Rathaus und Verkehrsbetriebe bisher für Planungen und Variantenuntersuchungen aus. 

Während 1997 noch mit einem Baustart 1999 gerechnet wurde, wagt mittlerweile niemand mehr eine Prognose.

Die Konflikte der vergangenen zehn Jahre drehen sich in erster Linie um den Plan aus 2011. Damals beschlossen CDU, FDP, Bürgerfraktion und NPD-Lager, die Königsbrücker Straße vierspurig auszubauen. 

Fünf Jahre lang wurde entsprechend geprüft, bevor Rot-Grün-Rot diese Pläne 2016 zugunsten eines schmaleren Ausbaus kippte. Doch auch diese Variante ist vielen noch zu breit. Tausende Bürgereingaben verzögern die Planungen, die mindestens zwei weitere Jahren dauern werden.

Übrigens: Trotz Tausender Akten mit Planungsdetails weiß niemand, wann die Straße letztmals ordentlich saniert wurde. Unterlagen darüber finden sich in keinem Archiv.

Titelfoto: privat

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