WM-Fieber? Fehlanzeige! Händler bleiben auf Fan-Artikeln sitzen

Dresden - Am heutigen Mittwoch gilt's für unser Fußballteam in Katar: Ab 14 Uhr spielt Deutschland gegen Japan. Doch hierzulande ist vom sonst üblichen WM-Fieber nichts zu spüren. Das merken auch die Einzelhändler, deren Fan-Artikel in den Regalen liegen bleiben. Gastronomen hoffen noch auf eine Wende.

Wreesmann-Verkäuferin Sylvia Kraft (45) mit WM-Fanartikeln, die wegen der schwachen Nachfrage jetzt stark rabattiert werden.
Wreesmann-Verkäuferin Sylvia Kraft (45) mit WM-Fanartikeln, die wegen der schwachen Nachfrage jetzt stark rabattiert werden.  © Holm Helis

Fahnen, Trikots, Klatschpappen: Wie bei großen Fußballturnieren üblich, haben auch Dresdens Händler ihr Sortiment wieder mit Fan-Utensilien, Klamotten und Co. aufgerüstet.

Doch die Kunden lassen die Waren in Schwarz-Rot-Gold in diesem Jahr liegen. "Sie sind noch sehr zurückhaltend. Das WM-Fieber ist noch nicht übergesprungen", sagt "Aktionshaus Wreesmann"-Vertriebsleiter Uwe Heyne.

Das Discounter-Kaufhaus reagierte bereits auf die enttäuschende Nachfrage, lockt etwa in der Filiale in Pieschen mit Rabatten von bis zu 50 Prozent.

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"Wir gehen davon aus, dass die Fußball-Weltmeisterschaft auf vergleichbar geringeres Interesse stößt als frühere Großturniere", sagt REWE-Sprecherin Kristina Schütz.

Das liege neben der aktuellen Situation mit Ukraine-Krieg, Preissteigerungen, erneuter Corona-Welle auch daran, dass die WM in eine Zeit falle, in der Handel und Kunden sich auf Weihnachten vorbereiten.

REWE beendete am Dienstag nach der FIFA-Entscheidung zur Sanktionierung der "One-Love"-Kapitänsbinde (wollte auch Torhüter Manuel Neuer tragen) zudem die Kooperation mit dem DFB, verschenkt die WM-Sammelalben nun.

Das Strand-Bistro mit beheiztem Innenbereich bietet Platz für 60 Zuschauer.
Das Strand-Bistro mit beheiztem Innenbereich bietet Platz für 60 Zuschauer.  © Holm Helis
Bei ihm könnt Ihr schauen: "Camps Bay"-Gastronom Nico Krüger (36) lädt zum Fußballgucken ein.
Bei ihm könnt Ihr schauen: "Camps Bay"-Gastronom Nico Krüger (36) lädt zum Fußballgucken ein.  © Holm Helis

Die großen "Public-Viewing"-Zeiten wie etwa zur WM 2018 sind für Dresdens Gastronomen vorbei.

Einige Lokale laden aber ein zum "Fußball gucken".

So schaltet etwa das "Camps Bay" an der Wasserskianlage Leuben zwei TV-Bildschirme im überdachten und beheizten Innenbereich ein, überträgt alle Spiele ab 14 Uhr.

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"Ich rechne jetzt zwar nicht mit einem Ansturm, aber die WM hat gerade erst begonnen und die Leute können ja noch in Stimmung kommen", sagt Geschäftsführer Nico Krüger (36).

Ein Boykott schade nicht der FIFA, sondern den lokalen Gastronomen.

Auch andere Restaurants wie der Schillergarten übertragen ab dem Nachmittag die Spiele im Außenbereich.

Auf dem weihnachtlichen Augustusmarkt an der Hauptstraße wird ab Mittwochabend nahe der Dreikönigskirche ein TV aufgebaut.

Susi's Sportsbar hingegen hat zu, renoviert den Laden und öffnet erst nach der WM wieder.

Kommentar zur frostigen WM-Stimmung

Auf viele Utensilien wie Fahnen, Trikots oder Luftschlangen winken Preisnachlässe bis 50 Prozent.
Auf viele Utensilien wie Fahnen, Trikots oder Luftschlangen winken Preisnachlässe bis 50 Prozent.  © Holm Helis

Stell dir vor, es ist Fußball-WM und keiner geht hin! Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber mich interessiert das Turnier der Turniere in diesem Jahr so gut wie gar nicht. Sogar die sonst obligatorischen Tippspiel-Anfragen aus Bekannten- und Kollegenkreis blieben größtenteils aus.

Und das liegt nicht nur an der "falschen" Jahreszeit. Klar, das Public-Viewing-Vergnügen im Winter ist ohnehin begrenzt. In Gedanken bin ich eher beim nahenden Weihnachtsfest als im fernen "Fußballfest" in Katar. Von der Ukraine will ich gar nicht reden.

Aber die WM ist für mich schon eine Witzveranstaltung, seit die FIFA sie in die Wüste geschickt hat. Nach all den Querelen um tote Gastarbeiter und den diskriminierenden Äußerungen gegen Frauen und Homosexuelle hat sich das zuletzt aber gewandelt.

Jetzt fällt es mir schwer, die WM einfach als lächerlich abzutun. Jetzt kommt man, so finde ich, an Kritik kaum noch vorbei. Und das nicht mal Spieler eine Binde tragen oder andere Zeichen für Menschenrechte setzen dürfen, macht alles nur noch schlimmer.

Sollte man jetzt auf sein ohnehin geplantes Bier in der Kneipe verzichten, weil dort WM-Spiele laufen? Ganz sicher nicht, denn das nützt niemandem etwas. Am Ende schadet es sogar unseren Gastronomen.

Ich denke, andere Akteure haben da mehr Macht und Möglichkeiten. Die Reaktion von REWE zeigt, dass sich etwas tut - gut! Und das liegt letztlich auch daran, dass die WM eben zu Recht so viel Kritik hervorruft. Auch beim "kleinen Mann auf der Straße" - egal, ob der seinen Fernseher einschaltet oder nicht.

Titelfoto: Holm Helis

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