Einmalige Schau mit Unikaten in Dresden: Ernst Barlach im Albertinum

Dresden – Sie ist zurück. Nach 83 Jahren steht Ernst Barlachs "Frierendes Mädchen" wieder im Dresdner Albertinum, allerdings nur für fünf Monate. 

Die Holzskulptur "Verhüllte Bettlerin" (Mi.) von Ernst Barlach steht in der Ausstellung "Ernst Barlach zum 150. Geburtstag. Eine Retrospektive" vor der Holzskulptur "Moses" (re.) von Barlach.
Die Holzskulptur "Verhüllte Bettlerin" (Mi.) von Ernst Barlach steht in der Ausstellung "Ernst Barlach zum 150. Geburtstag. Eine Retrospektive" vor der Holzskulptur "Moses" (re.) von Barlach.  © Sebastian Kahnert/dpa

Das 1917 entstandene und 1937 von den Nazis als "entartet" aus der Skulpturensammlung beschlagnahmte Kunstwerk gehört zu 25 Holzskulpturen, dem Herzstück einer einzigartigen und umfangreichen Retrospektive. 

Damit feiern die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) und das Ernst-Barlach-Haus Hamburg – Stiftung Hermann F. Reemtsma Hamburg ab Samstag (8. August) den 150. Geburtstag des bedeutenden Bildhauers der Klassischen Moderne.

Die Ausstellung (bis 10. Januar 2021) zeichnet Barlachs Entwicklung "vom verfolgten Künstler im Nationalsozialismus zur staatlichen Identifikationsfigur in der DDR und zur geschätzten Künstlerpersönlichkeit im Westen nach 1945 nach", wie SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann im Vorwort des knapp 500-seitigen Katalogs schreibt. 

Im Mittelpunkt stehen die "Hölzer", denen Barlach seine Bedeutung als Bildhauer verdankt. Der chronologische Rundgang durch Leben und Werk zeigt Barlach aber auch als multimedial arbeitenden Künstler.

Leihgaben des Barlach-Hauses

Das Ölgemälde "Robert Diez" von Carl Bantzer hängt in der Ausstellung "Ernst Barlach zum 150. Geburtstag. Eine Retrospektive" hinter der Gipsbüste „Bildnis Josephine Löser“ von Ernst Barlach.
Das Ölgemälde "Robert Diez" von Carl Bantzer hängt in der Ausstellung "Ernst Barlach zum 150. Geburtstag. Eine Retrospektive" hinter der Gipsbüste „Bildnis Josephine Löser“ von Ernst Barlach.  © Sebastian Kahnert/dpa

Die "Hölzer" sind allesamt Unikate und Leihgaben des Barlach-Hauses. "Damit ist seit Jahrzehnten erstmals eine solche Anzahl überhaupt wieder in einer Präsentation vereint", sagt dessen Leiter Karste Müller. Das gebe es "so wohl nur einmal pro Generation zu sehen".

Beginnend mit einem "Brutus" nach Michelangelo, wie er dem jungen Barlach an der Hamburger Kunstgewerbeschule zur Anschauung diente, werden die Dresdner Studienzeit 1891 bis 1894 bei Bildhauer Robert Diez (1844 bis 1922), Barlachs Verfemung in der Nazi-Zeit, Rezeption und Anerkennung in beiden deutschen Staaten nach 1945 ebenso wie Zeichnungen, Drucke, Illustrationen und literarischen Werke beleuchtet.

Der 1870 in Wedel bei Hamburg geborene Künstler, der 1938 in Rostock starb, hinterließ mit über 10.000 Skizzen, 2800 Zeichnungen, mehr als 600 plastischen Arbeiten sowie acht Dramen und einer umfangreichen Prosa ein opulentes Oeuvre.

"Es gibt großes Interesse, Barlach ist ein Thema, das hier ganz stark interessiert", sagt Albertinum-Direktorin Hilke Wagner. Sein Werk sei im Westen "Klischee des protestantischen Andachtsobjekts oder kommerziell verwertet als kleinformatige Edition in inflationärer Auflage in Bronze gegossen als Briefbeschwerer zum entschärften Dekor" geworden. 

Im Osten Deutschlands dagegen sei die Bindung an sein Werk in breiter Öffentlichkeit ungebrochen und "erstaunlich emotional".

Vielschichtigkeit des Künstlers

Die Gipsbüste "Brutus" nach Michelangelo.
Die Gipsbüste "Brutus" nach Michelangelo.  © Sebastian Kahnert/dpa

"Barlach selbst betrachtete sich zuallererst als Holzbildhauer – ein Faktum, das durch eine Vielzahl von Bronzeplastiken verdeckt wird, die überwiegend erst nach dem Tod des Künstlers gegossen wurden", sagt Müller. 

Seine "Hölzer" aber zeigten den "gewaltigen Unterschied an Prägnanz und Präsenz". Das Barlach Haus besitzt mit 30 Holzskulpturen ein Drittel dieser Werke des Künstlers.

Die Retrospektive biete auch die Chance, die Vielschichtigkeit des Bildhauers, Zeichners, Druckgrafikers und Dramatikers neu kennenzulernen oder wiederzuentdecken, sagt Müller. 

"Den Namen Barlach kennen viele, doch das sehr komplexe Werk des Künstlers ist in weiten Teilen unbekannt geworden." 

So sind etwa Vorzeichnungen und Studien zu seinen dreidimensionalen Arbeiten wie "Vries der Lauschenden", einem weiteren Hauptwerk und Highlight der Schau, zu sehen. 

Viele Blätter kommen aus dem Dresdner Kupferstich-Kabinett, aber auch aus Hamburg sowie der Ernst Barlach Stiftung in Güstrow, einem weiteren Kooperationspartner.

Dresden war akademisches Sprungbrett

Die Holzskulpturen "Mutter und Kind“ und "Der Zweifler" (re.) von Ernst Barlach.
Die Holzskulpturen "Mutter und Kind“ und "Der Zweifler" (re.) von Ernst Barlach.  © Sebastian Kahnert/dpa

"Dresden war das akademische Sprungbrett, das Barlach erst das nötige handwerkliche Rüstzeug inklusive Kenntnis der europäischen Skulpturengeschichte und Förderung der zeichnerischen Neugier gab, um sich letztlich für eine nicht-akademische Kunst zu entscheiden", sagt Müller. 

Das Durchlaufen der "klassischen Ausbildung" schärfte auch den Blick für den eigenen Weg, den er um 1906 fand. "Während und nach seiner Russlandreise entwickelte der immerhin schon 36-Jährige dann eine eigene Formensprache."

"Russland gab mir seine Gestalten", schrieb Barlach dort - und schnitzte Bettler, Arme, Blinde, Ausgestoßene und Marginalisierte. 

Die posthumen Reproduktionen hätten damit nichts zu tun, sagt Albertinum-Chefin Wagner. "Das ist zwiespältig, einerseits bietet es eine absolute Zugänglichkeit für die Menschen, auf der anderen Seite sind es Arbeiten, die als Holzskulpturen im Original ganz anders wirken."

Rund 100 solcher "Hölzer" hat Barlach geschaffen, etwa 80 davon sind erhalten, wobei der Verbleib einiger nach Angaben von Nielsen unbekannt ist. Dabei hat er mit verschiedenem Holz experimentiert, von Kiefer bis Mahagoni. 

Auf den ersten Blick wirken "Singender Mann", "Rächer", "Berserker" oder "Asket" wie Bronzen, wegen des Überzugs. Der blieb, wie Müller sagt, auch den Experten nach bisheriger Analysen "rätselhaft".

Titelfoto: Sebastian Kahnert/dpa

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