Frank Richter über Corona-Demonstrationen: "Wenn nur der Frust eint, hilft das niemandem"

Dresden - Theologe, Bürgerrechtler, parteiloser Politiker: Seit 2019 ist Frank Richter (60) Abgeordneter im Sächsischen Landtag, gehört der SPD-Fraktion an. Im TAG24-Interview spricht der 60-Jährige über die aktuelle Lage in Deutschland.

Frank Richter ist Abgeordneter im Sächsischen Landtag. Im TAG24-Interview spricht er über die Lage in Deutschland.
Frank Richter ist Abgeordneter im Sächsischen Landtag. Im TAG24-Interview spricht er über die Lage in Deutschland.  © Eric Münch

TAG24: Herr Richter, wie schätzen Sie die Anti-Corona-Demonstrationen ein? Ist das der Beginn einer neuen Protestbewegung wie damals bei Pegida?

Frank Richter: Viele Tausende haben gegen die Regeln zur Corona-Bekämpfung demonstriert, ein paar hundert wollten den Reichstag stürmen. Auch wenn ich nicht ihrer Meinung bin: Die Demonstranten haben nichts Verbotenes getan. 

Mit Gewalt ins Parlament eindringen, das ist was anderes. Auch gab es wohl Symbole und Fahnen, die strafbar sind. Da waren Demokratiefeinde und wohl auch Neonazis am Werk. Die wollten "geile" Fotos machen, diese schnell verbreiten und uns alle in helle Aufregung versetzen. 

Die Masche ist nun wirklich nicht neu. Neu waren die Gewalt und der Angriff auf Polizisten.

TAG24: Radikalisieren sich jetzt Teile der Gesellschaft oder sind sie längst radikalisiert?

Richter: Das Wort "Radikalisieren" kommt vom Wort "Radix" - auf Deutsch "Wurzel". Deshalb meint Radikalisieren zunächst mal nur, dass jemand "an die Wurzel geht", sich also nicht mit Oberflächlichkeit abgibt.  Man kann auch radikal ehrlich, radikal hilfsbereit, radikal gerecht oder radikal barmherzig sein. Leider sind zu viele in unserer Gesellschaft radikal egoistisch, eitel oder verlogen. Wer das ändern will, fängt man am besten bei sich selbst an.

TAG24: Was denken Sie, wo hat der tiefe Hass in Teilen der Bevölkerung seine Wurzeln?

Richter: Es gibt viele Gründe. Hass kommt aus Wut. Und Wut kommt aus Ungerechtigkeit und Lüge, gegen die man sich nicht wehren kann. Und wenn das oft passiert und lange dauert, entlädt sich das Ganze in sinnloser Gewalt. 

Soweit darf es nicht kommen. Denn dann gibt es nur noch Verlierer. Man sollte vorher miteinander reden, sich beraten lassen oder mit anderen zusammenschließen, um etwas Vernünftiges zu tun - zum Beispiel gegen die Ungerechtigkeit, die es auch in Deutschland gibt. Leider schaffen viele Menschen das nicht. Sie bleiben für sich, versinken im Frust oder im Alkohol und werden verführbar – zum Beispiel von Neonazis.

TAG24: Wird aus Ihrer Sicht die Protestbewegung größer?

Richter: Das könnte passieren. Es haben sich viele Probleme angestaut, übrigens auch deshalb, weil viele in der Corona-Zeit einsam werden und sich übergangen fühlen. Das muss aber nicht passieren. Wir Menschen sind nicht machtlos, solange wir einen Kopf zum Denken und Hände zum Arbeiten haben. Entscheidend ist, dass man sich nicht hängen lässt.

TAG24: Bei den Demonstrationen marschieren Corona-Gegner aus Ostdeutschland neben westdeutschen Esoterikern, ostdeutsche Neonazis neben westdeutschen Impfgegnern. Eint der Frust gegen die Demokratie Ost und West?

Richter: Das kann man so sagen. Frust gibt es im Osten und im Westen. Wenn es aber nur der Frust ist, der eint, dann hilft das niemandem. Gut ist, wenn man gemeinsam eine gute Idee entwickelt und praktisch umsetzt. 

Außerdem: Ganz ohne Frust geht es in der Demokratie nicht, weil keiner seine eigene Meinung einfach durchsetzen kann. Gott sei Dank leben wir in einer Demokratie. Oder wollen Sie etwa zurück in die Diktatur?

Interview mit Bürgerrechtler Frank Richter: "Jeden einzelnen Menschen ernst nehmen"

Theologe, Bürgerrechtler, parteiloser Politiker: Seit 2019 ist Frank Richter (60) Abgeordneter im Sächsischen Landtag, gehört der SPD-Fraktion an.
Theologe, Bürgerrechtler, parteiloser Politiker: Seit 2019 ist Frank Richter (60) Abgeordneter im Sächsischen Landtag, gehört der SPD-Fraktion an.  © Eric Münch

TAG24: Wie sollte man aus Ihrer Sicht den Demonstranten der Protestbewegung begegnen?

Richter: Natürlich muss man jeden einzelnen Menschen ernst nehmen. Unser Grundgesetz sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das gilt für alle. Das heißt aber nicht, dass man bei jeder einzelnen Demonstration immer gleich eine Staatskrise ausrufen muss. 

Dann täte man ja genau das, was die Feinde der Demokratie wollen. Sie wollen Chaos stiften. Wenn sich die Gelegenheit bietet, sollte man mit jedem reden. Aber nur, wenn er bereit ist, zuzuhören und sich an Tatsachen zu halten. 

Denn mal ganz offen: Bei manchen Demos laufen auch einige "Durchgeknallte" mit.

TAG24Und was ist, wenn man mit den Demonstranten partout nicht mehr ins Gespräch kommen kann?

Richter: Ich kenne kaum einen Menschen, mit dem man überhaupt nicht reden kann. Natürlich hat es keinen Zweck, wenn ich am Montagabend auf den Dresdner Neumarkt gehe und mit einem Pegida-Mann über Rechtsextremismus diskutiere. 

Am Montagabend will er demonstrieren. Wenn ich denselben Mann am Dienstagabend zufällig in der Kneipe beim Bier treffe und mit ihm übers Wetter, über Fußball oder darüber rede, wie es seinen Kindern und Enkeln so geht, dann kann ich ganz gut mit ihm reden. Genau da liegt der Hase im Pfeffer: Wir haben zu wenige "Stammtische", wo man von Mensch zu Mensch redet. 

Viele sitzen allein vor der Glotze, surfen im Netz, lassen sich auffüllen mit Schwachsinn und verlieren das gute Gefühl für sich selbst und die anderen.

TAG24: Wo sind inzwischen die Zwischentöne und Differenzierungen in Diskussionen abgeblieben?

Richter: Ein Riesenproblem! Vielen sind die Zwischentöne zu schwierig, sie wollen es einfach. Viele kennen nur Daumen hoch oder Daumen runter, schwarz oder weiß, gut oder böse, ja oder nein. 

Die Welt ist aber nicht so einfach. Ich habe gute Erfahrungen gemacht, wenn man den Gesprächspartner erzählen lässt, ohne ihn zu unterbrechen und zu beurteilen, wenn man ihm mit ehrlichem Interesse zuhört. Im Erzählfluss ergeben sich die Zwischentöne wie von selbst. Wer sich erst mal alles von der Seele reden konnte, ist eher bereit, auch eine andere Sichtweise zuzulassen. Und dann kann man auch diskutieren. Und muss man auch!

TAG24: Wo würden Sie konsequent rote Linien ziehen - und welche?

Richter: Es gibt in Deutschland ganz klare rote Linien. Wenn jemand gegen andere Menschen, Völker oder Kulturen hetzt, wo jemand rassistisch wird oder Nazipropaganda betreibt, dann ist das Gespräch beendet. Dann ist er ein Fall für den Staatsanwalt. Ich persönlich steige aus, wenn Witze auf Kosten von Schwächeren, zum Beispiel von Menschen mit Behinderungen gemacht werden oder die Intimsphäre in den Dreck gezogen wird. Die Würde des Menschen ist etwas Heiliges.

Titelfoto: Eric Münch

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