"Von uns geht keine Gefahr aus": Dresdner Stimmen zum Kultur-Lockdown

Dresden - Man hatte es kommen sehen, und doch ist die Wucht der Entscheidung heftig: Im Zuge der Pandemiebekämpfung müssen neben der Gastronomie auch die Kultureinrichtungen - erneut - harte Einschnitte verkraften.

"Sehr, sehr bitter": Tom Pauls (61) muss sein Theater zum zweiten Mal in diesem Jahr schließen.
"Sehr, sehr bitter": Tom Pauls (61) muss sein Theater zum zweiten Mal in diesem Jahr schließen.  © Thomas Türpe

Bis zum Sonntag werden Dresdens Bühnen ihr Programm spielen, am Montag müssen sie schließen. Wie wohl auch die Museen, so die gestrige Entscheidung der Kulturminister der Länder. Wut, Verständnis, Zerknirschung: Das Spektrum der Stimmen ist breit gefächert.

Definitiv wütend ist Tom Pauls (61), Betreiber des Tom-Pauls-Theaters in Pirna. Ungewohnt ernst zeigt ihn ein Video auf der Theater-Homepage, in dem Pauls am 28. Oktober vor seinem Publikum von der erneuten coronabedingten Schließung spricht: "Dass ich das zum zweiten Mal in diesem Jahr erleben muss, ist sehr, sehr bitter." 

Auf Nachfrage lässt Pauls seinen Gefühlen freien Lauf: "Da gehe ich durch die Decke!", wettert er. Hält er die angekündigten Maßnahmen für angemessen? Pauls: "Ausgeschlossen, das steht in keinem Verhältnis." Schließlich habe man alle Auflagen erfüllt. "Von uns geht keine Gefahr aus", sagt er.

Der Plan der Regierung, Einnahmeausfälle in Höhe von 75 Prozent des Vorjahres-Novembers zu ersetzten, sieht Pauls skeptisch: 

"Ich kann das fast nicht glauben." Helfen würde es sicherlich. Der Schauspieler: "Ich hoffe, dass es funktioniert. Dann sage ich auch nüscht mehr."

Joachim Klement: "Man muss aufpassen, dass es nicht zu einem kulturellen Kahlschlag kommt"

Joachim Klement (59), Intendant des Staatsschauspiels.
Joachim Klement (59), Intendant des Staatsschauspiels.  © Petra Hornig

Verhaltener äußert sich Olaf Becker, Leiter des Boulevardtheaters. Findet er denn die Schließung angemessen? Becker: "Ich erlaube mir nicht, das zu beantworten." 

Auch er sieht die in Aussicht gestellte Einnahmeerstattung mit Vorsicht. Er sagt: "Ähnliches gab es ja schon beim ersten Lockdown. Jetzt ist das wieder so eine Botschaft." Begrüßen würde er das. Der Theaterleiter: "Man muss nur sehen, welche Bedingungen diesmal daran geknüpft sind."

Verständnis für die Schließung äußert Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels. Aber er warnt: "Man muss aufpassen, dass es nicht zu einem kulturellen Kahlschlag kommt." Dabei habe er, der ein Haus mit sicherer Finanzierung leitet, gerade die Soloselbständigen und privaten Bühnen im Auge. 

Da die Lage dramatisch sei und es um Menschenleben gehe, verstehe Klement dennoch die Maßnahmen: 

"Ich bin sehr daran interessiert, in diesem Leben zu bleiben. Und wenn 75 Prozent der Infektionen nicht nachverfolgt werden können, dann ist das unhaltbar."

Sven Weser (54), Betreiber des Programmkinos Ost.
Sven Weser (54), Betreiber des Programmkinos Ost.  © Petra Hornig

Dresdner Philharmonie verzichtet auf Festwoche zum 150. Geburtstag

Petra Nikolov (55), kulturpolitische Sprecherin der Dresdner CDU.
Petra Nikolov (55), kulturpolitische Sprecherin der Dresdner CDU.  © Steffen Füssel

Als "fatalistisch" bezeichnet sich Sven Weser, Betreiber des Programmkinos Ost. Er sagt: "Wir machen zu, aber ob das verhältnismäßig ist, zweifele ich zumindest an." Für grundsätzlich falsch hält er die Maßnahmen indes nicht. Es sei aber ein schlechtes Signal für die Kinobranche.

Selbst Petra Nikolov, kulturpolitische Sprecherin der Dresdner CDU, will die Maßnahmen nicht vehement verteidigen: "Mich schmerzt das schon, das alles wieder auf Null geht." Für manche sei das Vorgehen gewiss unfair, aber man müsse jetzt die breite Masse schützen. 

Nikolov: "Wenn alle vernünftig sind, bekommen die Kulturschaffenden, die sich alle Mühe gegeben haben und jetzt die Leidtragenden sind, wieder eine Chance, starten zu können."

Mit großem Bedauern verzichtet nun die Dresdner Philharmonie auf ihre für Ende November geplante Festwoche zum 150. Geburtstag des Orchesters, dafür zieht die Staatskapelle ihr zweites Sonderkonzert im Kulturpalast auf diesen Sonntag vor. 

Chefdirigent Christian Thielemann: "Ab Montag werden wir selbstverständlich die weiteren Maßnahmen verantwortungsbewusst und solidarisch mittragen."

Titelfoto: Thomas Türpe/Petra Hornig/Steffen Füssel

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