Ministerin erklärt Opern-Reform: "Semperoper soll sich stärker mit Sachsens Regionen verbinden"

Dresden - Die Sächsische Staatsoper soll auf anderen Wegen in die Zukunft gehen als bisher, wozu es an der Spitze neuen Personals bedürfe, was bedeutet: Die Verträge von Intendant Peter Theiler (64) und Chefdirigent Christian Thielemann (62) sollen nur kurz oder gar nicht verlängert werden, 2024 soll die Leitungsebene neu besetzt werden. Dies ist Teil des Aktionsplans "Semper2030", den Kulturministerin Barbara Klepsch (55, CDU) am Montag verkündete. TAG24 sprach mit ihr.

Kulturministerin Barbara Klepsch (55, CDU).
Kulturministerin Barbara Klepsch (55, CDU).  © Eric Münch

Ob der Plan in der Agonie der Corona-Zeit entstanden ist oder schon vorher, fragen wir. Es sei ein Wachsen über einen längeren Zeitraum gewesen, so die Ministerin, doch hatte sich die Aktivität hinsichtlich eines neuen Konzepts in der Corona-Zeit verstärkt.

Als mangelndes Zutrauen oder gar Misstrauen in den augenblicklichen Intendanten und den augenblicklichen Chefdirigenten will sie den Schnitt nicht verstanden wissen, "doch fordert eine neue inhaltliche Ausrichtung eben auch neues Personal", so Klepsch. Eine Findungskommission sucht bereits.

Welche Anforderungen werden an die neue Leitung gestellt?

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"Wir brauchen eine klare Strategie", sagt die Ministerin. Dazu gehöre ein dramaturgisches Konzept, das die Moderne ebenso pflege wie die Klassik und Lösungen anbiete für den digitalen Raum.

Darüber hinaus wünscht sich die Ministerin eine stärkere Verankerung in Sachsen. Klepsch: "Die Semperoper soll künftig stärker in die Gesellschaft hineinwirken und sich mit Sachsens Regionen verbinden."

Barbara Klepsch: "Semperoper darf nicht an Strahlkraft einbüßen"

Beethoven-Konzert mit Christian Thielemann (62) und der Staatskapelle im Juli 2020.
Beethoven-Konzert mit Christian Thielemann (62) und der Staatskapelle im Juli 2020.  © Markenfotografie

Klingt da eine Absage an Internationalität heraus, Elitenkritik oder gar ein neuer Provinzialismus? Nein, sagt die Ministerin: "Wir müssen auch weiterhin darauf setzen, dass Touristen ins Haus kommen."

Regionales und Internationales ins richtige Verhältnis setzen, Klassik und Moderne austarieren, Angebotsformate entwickeln, die an ein neues, junges Zielpublikum gerichtet sind, das sei die Herausforderung an die neue Leitung.

Kein geringer Anspruch, zumal die Ministerin eine weitere klare Erwartung äußert: "Die Semperoper darf an Strahlkraft nicht einbüßen." Und soll auch weiterhin wirtschaftlich effektiv arbeiten. Mit einem Kostendeckungsgrad von um die 40 Prozent ist die Semperoper eines der erfolgreichsten Häuser im deutschsprachigen Raum.

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Welcher Leitungstypus wäre geeignet, das Haus künftig zu führen - ein klassischer Intendant oder doch gleich ein Multimediamanager? In dieser Frage bevorzugt die Ministerin die konservative Variante. Sie denke eher an eine klassische Intendanz, so

Klepsch: "Jemand, der Erfahrung hat in der Leitung eines Mehrspartenhauses."

Wo steht die Staatskapelle?

Intendant Peter Theiler (64).
Intendant Peter Theiler (64).  © Robert Michael / DPA

Ein bestimmender Faktor für die Opernreform wird die Staatskapelle sein, ein stolzes Orchester, das alles dafür tut, seine Eigenständigkeit als Konzertorchester neben dem Opernbetrieb aufrechtzuerhalten.

Ob die Staatskapelle sich für eine weitere Zusammenarbeit mit Chefdirigent Thielemann nach dessen Vertragsende 2024 ausgesprochen hätte, muss nach der Entscheidung der Staatsregierung, seinen Vertrag nicht zu verlängern, offen bleiben.

Doch spricht manches dafür, insofern die Zusammenarbeit entgegen aller anfänglichen Unkenrufe, Thielemann sei zu sehr Diva für ein langfristiges Projekt, letztlich gut und für beide Seiten gedeihlich funktioniert.

Eine Verlängerung seines Vertrages würde unter vorherigen Umständen im Bereich des sehr Wahrscheinlichen liegen.

So kann man sich vorstellen, dass das Orchester zunächst einmal wenig Gefallen findet an der Maßnahme der Kulturministerin, auch aus einem noch prinzipielleren Grund, bedeutet doch die hoheitliche Entscheidung gegen Thielemann den Eingriff in die tradierte Praxis, das Orchester selbst darüber entscheiden zu lassen, wer sein Chefdirigent ist.

Sie habe mit dem Orchester ein "konstruktives" Gespräch geführt, sagt die Ministerin. Darin hätte der Orchestervorstand darum gebeten, in die Intendantensuche einbezogen zu werden. Sie habe das zugesagt, so Klepsch. Auch sei die nun anstehende Suche nach einem neuen Chefdirigenten oder einer Chefdirigentin Sache der Staatskapelle.

Ob das Orchester damit zufrieden ist, lässt sich im Moment nicht sagen. Zu einem Statement waren am Dienstag weder der Orchestervorstand noch Orchesterdirektor Adrian Jones noch Christian Thielemann bereit.

Barbara Klepsch will Neues gestalten

Ihm, dem Chefdirigenten, dürfte die neue Opernpolitik schwerlich behagen, da sie für ihn nach dem Verlust der künstlerischen Leitung der Osterfestspiele Salzburg und der Position des Musikdirektors bei den Wagner-Gastspielen in Bayreuth das Wegbrechen einer weiteren, wichtigeren Führungsposition bedeutet.

Allein Intendant Peter Theiler veröffentlichte am Dienstag eine Erklärung. Die Entscheidung des Ministeriums, die Weichen für die Semperoper unter dem Motto Zukunftsperspektive "Semper2030" neu stellen zu wollen, könne er nachvollziehen, heißt es da.

Das Angebot, seinen Vertrag "über das ursprünglich vorgesehene Vertragsende nach der Spielzeit 2022/23 ein weiteres Jahr fortzuführen", nehme er an: "Nun bietet mir die Vertragsverlängerung die Gelegenheit, die künstlerische Ausrichtung noch drei weitere Jahre einschließlich der Spielzeit 2023/24 zu gestalten." Dies schließe selbstverständlich auch die konstruktive Unterstützung für Herrn Thielemanns kommende Projekte im Haus mit ein.

Barbara Klepsch hat weitreichendere Entscheidungen für die Sächsische Staatsoper getroffen, als ihre Vorgängerinnen und Vorgänger im Amt es getan und vielleicht auch gewagt hätten. Eine Politikerin, die Neues gestalten will. Doch ist jede derartige Unternehmung eben dies: ein Wagnis. Erst im Rückblick wird sich zeigen, ob die Entscheidung eine gute war.

Titelfoto: Eric Münch

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