Nazi-Videos von 15-jährigem Kruzianer: Kreuzchor zieht die Konsequenzen

Dresden - Dummerjungen-Streich oder rechtsradikales Machwerk? Der Kreuzkantor ist vom Erstgenannten überzeugt. Gleichwohl bat der Kreuzchor am Montag Pressevertreter ins Evangelische Kreuzgymnasium an der Dornblüthstraße, um sie zu informieren über einen "Vorfall, der uns alle bewegt".

Kreuzkantor Roderich Kreile (63) während der Pressekonferenz am Montag.
Kreuzkantor Roderich Kreile (63) während der Pressekonferenz am Montag.  © Guido Glaner

In gewöhnlichen Zeiten wäre der Fall wohl intern geklärt worden. 

In Zeiten hohen gesellschaftlichen Drucks mag es klüger sein, die Unbill, die einem widerfährt, selbst zu verkünden, bevor sie von außen auf einen zurückschlägt. Nach dieser Maßgabe verfährt der Kreuzchor. 

Man wisse um die Macht der Bilder und dass man einen Skandal daraus machen könnte, sagt Kreuzkantor Roderich Kreile. 

Dies zu vermeiden sei das Ziel.

Was ist geschehen? Ein 15-jähriger Kruzianer aus der zehnten Klasse steht im Mittelpunkt der Affäre, ein Heranwachsender im Stimmbruch, deswegen zuletzt passives Mitglied im Chor. 

Nach Darstellung der Choroffiziellen hat der junge Mann Videos bearbeitet und bei YouTube eingestellt, die den Chor mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen und Gewaltfantasien beinhalten. 

Demnach habe er etwa Szenen aus der Filmdoku "Engel Bengel und Musik", die den Einmarsch der Kruzianer ins Dynamo-Stadion anlässlich des Adventskonzerts zeigten, verschnitten mit Filmschnipseln aus dem "Dritten Reich", unterlegt mit der ersten Strophe der Nationalhymne, sodass der Eindruck entstanden sei, der Chor huldigte Adolf Hitler; Szenen aus der Aufzeichnung eines Fußballspiels gegen den Leipziger Thomanerchor sind kombiniert mit Filmausschnitten der 1936er Olympiade; NS-Aufmärsche sind zu sehen; in einer anderen Sequenz werde die Kreuzkirche gesprengt; auch "körperliche Attacken" kämen in den Filmen vor.

Kruzianer soll aus dem Kreuzchor entlassen, jedoch nicht endgültig verstoßen werden

Der Kreuzchor in der Kreuzkirche. Die inzwischen gelöschten Videos des 15-jährigen Kruzianers hätten nicht mehr als 500 Aufrufe verzeichnet, heißt es.
Der Kreuzchor in der Kreuzkirche. Die inzwischen gelöschten Videos des 15-jährigen Kruzianers hätten nicht mehr als 500 Aufrufe verzeichnet, heißt es.  © Archiv

Fünf Videos zwischen fünf und neun Minuten Länge hat der 15-Jährige den Angaben nach "zusammengebastelt", nicht durchgehend so drastisch, doch wiederum auch Mitschüler herabwürdigend. 

Vor eineinhalb Jahren ist der erste Film online gegangen.

Am vorvergangenen Freitag wurde der Vorgang im Rahmen einer Sitzung mit Elternvertretern bekannt, am Montag darauf sei der Schüler im Beisein seiner Eltern einvernommen worden, erläutert der Kreuzkantor. 

Noch vor diesem Gespräch habe der Schüler die Filme von der Internet-Plattform gelöscht. 

Einen ideologischen, rechtsradikalen Hintergrund glaubt Kreile ausschließen zu können.

Dass der Junge die Tragweite seines Handelns begriffen habe, meine er aber nicht. Der Kreuzkantor spricht von einem "dummen Jungen, der noch nicht übersieht, was er ausgelöst hat". Zu entschuldigen sei es nicht.

Welche Konsequenzen drohen dem Übeltäter? Aus dem Kreuzchor wird er entlassen, jedoch nicht zwingend endgültig. Nach einer gewissen Zeit und unter Auflagen könne er sich um Wiederaufnahme bewerben, so Kreile. 

Der Kantor bemüht das Bild von der "Familie", die der Chor für alle seine Angehörigen sei. Endgültig verstoßen werden soll der unbotsame Sprössling nicht.

Eine nachhaltige Aufarbeitung wird nötig sein. Sie soll nach den Ferien erfolgen. Zu denken gibt dem Kreuzkantor, dass andere Kruzianer von den Videos wussten. Keiner von ihnen habe den Mitschüler abgehalten, "immerhin auch keiner angestachelt". 

Vielleicht ist die Aufarbeitung auch eine Aufgabe für den Geschichtsunterricht im Kreuzgymnasium. Von dort hat der auffällig gewordene Kruzianer im Übrigen keine Strafen zu erwarten. Das Prinzip der Doppelbestrafung werde vermieden, sagt Roderich Kreile. Dem könnte allenfalls der Schulträger (Kirchenbezirke Mitte und Nord) widersprechen. Der hat noch nicht reagiert.

Titelfoto: Archiv

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