Missbrauch von Kindern in katholischer Gemeinde: Bischof entschuldigt sich für dunkles Kapitel

Heidenau - Die katholische St.-Georg-Gemeinde in Heidenau (Sächsische Schweiz) stellt sich dem dunklen Kapitel sexueller Missbrauch von Kindern in ihrer Geschichte.

Auf dem Südfriedhof befindet sich das Grab von Pfarrer Herbst Jungnitsch - der als Haupttäter des sexuellen Missbrauchs gilt.
Auf dem Südfriedhof befindet sich das Grab von Pfarrer Herbst Jungnitsch - der als Haupttäter des sexuellen Missbrauchs gilt.  © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Bei einer öffentlichen Versammlung am Donnerstagabend wurde der erste Schritt zur Aufarbeitung gemacht.

"Ich bitte als Vertreter der Institution um Entschuldigung für das, was Ihnen und anderen hier und in unserem Bistum geschehen ist", sagte Bischof Heinrich Timmerevers am Schluss der dreistündigen Veranstaltung. "Das ist etwas so Grausames, was ich mir habe nie vorstellen können."

Der Justitiar des Bistums, Stephan von Spies, machte die rund 50 Anwesenden mit den Fakten nach Aktenlage bekannt.

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Vier Betroffene berichteten 2010 dem Bischof von wiederholter und zum Teil schwerster sexueller Gewalt zwischen 1964 und 1968. Mindestens sechs weitere Männer zwischen 20 und 70 Jahren sollen beteiligt gewesen sein, auch aus familiärem Umfeld.

Die Namen der als Zuschauer, Fotografen und Aufpasser Benannten wurden dem Bistum durch Dritte bekannt, aber auch deren Ehefrauen müssten Kenntnis gehabt haben.

Haupttäter war Pfarrer Herbert Jungnitsch (1898-1971), die Opfer Mädchen zwischen vier und acht Jahren, Tatorte waren Räume der Pfarrei und der Pfarrerswohnung - Wohn- sowie ein Dachzimmer mit Bett -, die Sakristei, die Empore hinter der Orgel oder ein Boden über dem Pfarrraum.

"Die Verwendung religiöser Symbole und liturgischer Geräte gab den Taten einen seriösen Anstrich." Und es soll auch vor Gruppen von Kindern passiert sein.

Hauptäter in Heidenau war ein Pfarrer, Opfer zwischen vier und acht Jahren

Die Römisch-Katholische Kirche St. Georg der gleichnamigen Gemeinde.
Die Römisch-Katholische Kirche St. Georg der gleichnamigen Gemeinde.  © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Generalvikar Andreas Kutschke sprach von "Verbrechen".

Das Leid der Betroffenen könne nicht ungeschehen gemacht werden, die Anerkennung des Geschehenen sei der erste Schritt zur Aufarbeitung. "Wer etwas beitragen kann zur Erhellung, möge sich ein Herz fassen und sich melden", sagte er. "Kirche darf keinen Raum für Missbrauch und Täter mehr bieten."

Das Thema Aufarbeitung stehe im Bistum noch weitgehend am Anfang, "wir sind da Lernende" und Heidenau eine Art Pilotprojekt.

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Dabei seien die Perspektive Betroffener und das Überwinden der Sprachlosigkeit zentral. "Die Gefahr blinder Flecken ist viel zu groß."

Die Causa Jungnitsch, Pfarrer von 1948 bis 1971, treibt die Heidenauer Gemeinde seit einem Jahr um. Für das Ordinariat ist es ein "beispielloser Fall" seit 1945.

Sie habe den "Onkel Pfarrer", der sie taufte und dann erstmals mit drei Jahren anfasste, wie Vater und Mutter geliebt, erzählte Christina Meinel als Vertreterin der Betroffenen. "Was passiert, wenn diese Liebe und das Vertrauen benutzt werden?" Verdrängen mache Überleben möglich, die seelischen Folgen aber seien lebenslang.

Es brauche einen einhelligen Prozess in der Gemeinde und den Familien, um damit leben zu lernen und dafür zu sorgen, dass es nicht wieder geschieht. Sie forderte damalige Mittäter auf, dazu zu stehen. "Es ist eine Chance und hilft beiden Seiten ungemein." Es gehe um Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und auch einen Täter-Opfer-Ausgleich.

Titelfoto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

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