Ziemlich beste Freunde: Physiotherapeut betreut Wachkomapatient seit zehn Jahren

Bad Muskau - Sie kennen und vertrauen sich seit über zehn Jahren: Mark Schultz-Günther (44) und Erik (33), der Physiotherapeut und der Wachkomapatient im Kursana Domizil Bad Muskau. Er kann nicht reden. Und doch verstehen sie sich, sind ziemlich beste Freunde in einer ziemlich schwierigen Situation.
Mark geht sehr einfühlsam mit Patienten wie Erik um. Dabei nimmt er sich die Ruhe, die beide für die Behandlung brauchen.
Mark geht sehr einfühlsam mit Patienten wie Erik um. Dabei nimmt er sich die Ruhe, die beide für die Behandlung brauchen.  © Fotofalter/Kerstin Dölitzsch

Wie genau Eriks Wachkoma-Welt aussieht, kann der Physiotherapeut nur erahnen. Vorsichtig richtet er Erik im Pflegebett auf. Während die kräftigen Hände des Körper-Experten vorsichtig Muskeln lockern, um so den Kreislauf in Schwung zu bringen, beobachten seine Augen genau den Gemütszustand seines Schützlings. 

Er signalisiert mit Reflexen, mit einem wohligen Nicken, dass die Physiotherapie ihm guttut. Mark spürt, dass sein Patient beispielsweise tiefer einatmet und entspannter ist - Ziel erreicht. Zeit ist dabei zweitrangig. "Das schätze ich so bei meiner Arbeit auf der Wachkomastation", erzählt Mark. "Fernab von Routine und vom Terminstress kann ich mich dem Patienten widmen und intensiv auf ihn eingehen."

Dunkel erinnert sich der Sachse noch an seinen Start ins Berufsleben als Maurer. Er arbeitet gern praktisch. Doch die Unsicherheiten, der Termindruck und die Konjunkturabhängigkeit auf dem Bau machten Mark zu schaffen. 

Die Chemie stimmt

Nähe ist wichtig. Allerdings entstand dieses Foto vor Inkrafttreten der Corona-Abstandsregeln.
Nähe ist wichtig. Allerdings entstand dieses Foto vor Inkrafttreten der Corona-Abstandsregeln.  © Fotofalter/Kerstin Dölitzsch

Deshalb entschloss er sich, Mitte der 2000er-Jahre zum Physiotherapeuten umzuschulen. "Ich arbeite immer noch mit meinen Händen. Doch nun direkt am Menschen. Das ist besser für die Seele", meint er bestimmt.

Große Worte sind nicht so das Ding vom Mann mit dem Herz-Kraftwerk. Er ruht in sich selbst. Als sechsfacher (!) Familienvater hat er gelernt, besonnen und strukturiert den Überblick zu behalten. Das kommt ihm auch auf der Wachkomastation zugute.

Dort kümmert er sich liebevoll um seine zirka zehn Patienten. So wie um Erik. Der junge Mann, der durch einen Autounfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und seitdem im Wachkoma liegt, zählte zu seinen ersten Anvertrauten.

Altersmäßig liegen nur rund zehn Jahre zwischen den beiden. Wohl auch deshalb stimmt die Chemie zwischen ihnen. "Wenn ich locker drauf bin, überträgt sich das sofort auf Erik", weiß der sensible Mitarbeiter.

Die Arbeit mit dem Menschen erfüllt mich viel mehr als die mit dem Mörtel

Die Muskeln des Patienten sind erschlafft, müssen deshalb massiert werden.
Die Muskeln des Patienten sind erschlafft, müssen deshalb massiert werden.  © Fotofalter/Kerstin Dölitzsch

Er versucht, die Alltagsprobleme draußen vor der Tür zu lassen, wenn er das Zimmer des Patienten betritt. Das vertrauensvolle Du kommt leicht über die Lippen. 

Er spricht mit Erik, ist beim Massieren aber auch mal minutenlang still. Er konzentriert sich auf den Körper, findet Schwachstellen und versucht, sie zu beseitigen.

Aber auch eine Runde Rumalbern gehört mit zur Achterbahnfahrt der Gefühle, die Physiotherapeut und Patient gemeinsam regelmäßig erleben. 

„Sie berührt mich nach zehn Jahren noch immer“, verrät Mark und setzt alles daran, sie so lange wie möglich dauern zu lassen. „Dabei geht es nicht um immer schneller, höher, weiter“, betont er.

Denn ihm ist bewusst, dass er nur über das Fördern von Emotionen und das Setzen von Reizen Erik überhaupt erreichen kann. Und wenn dann ein Lächeln über sein Gesicht huscht, merkt Mark besonders, wie sehr der „Junge“ ihn braucht. 

Privat ist Physiotherapeut Mark Schultz-Günther Familienvater mit Leib und Seele.
Privat ist Physiotherapeut Mark Schultz-Günther Familienvater mit Leib und Seele.  © Fotofalter/Kerstin Dölitzsch

"Die Arbeit mit dem Menschen erfüllt mich viel mehr als die mit dem Mörtel", zieht der Vater von zwei Mädchen und vier Jungs den Vergleich.

Die Mörtelkelle nimmt er nur noch nach Feierabend in die Hand. Dann baut er für seine Großfamilie eine alte Fleischerei um und aus.

Titelfoto: Fotofalter/Kerstin Dölitzsch

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