Ben Becker: "Nicht schuldig im Sinne eines Verräters"

Dresden/Berlin - Eigentlich war Ben Beckers (55) "Ich, Judas - Einer unter euch wird mich verraten!" als einmalige Solo-Performance geplant: Am 18. November 2015 feierte er damit im Berliner Dom Premiere. Doch auch fünf Jahre später gibt es wegen des unglaublichen Erfolges noch immer "Zusatztermine". Am Samstag gastiert der Schauspieler mit "Judas" in der Dresdner Martin-Luther-Kirche. TAG24 sprach vorab mit dem Künstler. 
Ben Becker steht 2020 bundesweit mit vier Stücken auf der Bühne: "Ich, Judas", "Affe", "Caligula" und "Der ewige Brunnen".
Ben Becker steht 2020 bundesweit mit vier Stücken auf der Bühne: "Ich, Judas", "Affe", "Caligula" und "Der ewige Brunnen".  © Fritz Brinckmann

TAG24: Weil wir miteinander telefonieren, ist meine erste Frage: Wo sind Sie denn gerade?

Ben Becker: Zu Hause. Ich bin ausnahmsweise mal in Berlin und auch sehr glücklich darüber, zwischendurch ein paar Austage zu haben. Momentan reise ich sehr viel und bin mit dem "Judas" unterwegs, was mich natürlich unheimlich freut.

TAG24: Mit "Judas" ging es 2015 los...

Ben Becker: Ja, erstaunlich! Das hätte keiner gedacht. Aber es bereitet mir noch immer Freude, sonst würde ich ihn absetzen.

TAG24: Wie fühlt es sich an, wenn Sie auf die Bühne gehen, nach Arbeit oder einem Ort, an dem Sie sich wohlfühlen?

Ben Becker: Bevor ich rausgehe, ist es schrecklich und da ist es richtig Arbeit. Da will ich lieber alles andere machen. Das bringen aber der Beruf und das Lampenfieber mit sich. Doch in dem Moment, wenn ich draußen auf der Bühne bin, gibt es eigentlich nichts Schöneres.

Dem Publikum Platz für eigene Gedanken lassen

Ben Becker und seine Tochter Lilith (20), die 2020 beim Dresdner SemperOpernball debütierte.
Ben Becker und seine Tochter Lilith (20), die 2020 beim Dresdner SemperOpernball debütierte.  © Andreas Arnold/dpa

TAG24: Wie kommen Sie in ein Stück rein? Tief Luft holen und los?

Ben Becker: Bevor es losgeht, bin ich sehr konzentriert. Aber nach so vielen Vorstellungen ist es so, als ob man einen Schalter umlegt. Dann ist man plötzlich da. 

Es ist auch immer wieder Arbeit: Wie weit steige ich gleich voll ein oder ziehe mich zurück. Man muss ja auch dem Publikum etwas Platz für seine eigenen Gedanken lassen. Meiner Meinung nach muss man da sehr genau arbeiten und sehr genau führen. Auch sich selbst führen mit dem, was man da auf der Bühne treibt. Das ist Arbeit, aber eine Art von Arbeit, die ich unheimlich mag. Wie gesagt, wenn das Routine wird, dann würde ich aufhören.

TAG24: Hat sich das Stück in diesem Zusammenhang verändert?

Ben Becker: Dazugekommen ist nichts, weil der Text vollständig ist. Aber es kommt durchaus vor, dass ich hier und da mal einen Satz rausnehme, um zu sehen, ob es dann mehr fließt. Oder ich entscheide, ob ich mich an einer Stelle noch mehr oder weniger verausgabe. Das sind aber ganz feine Nuancen, mit der feinsten Feile gearbeitet.

TAG24: Was fasziniert Sie an der Figur des Judas? Es gibt moderne Auslegungen, wonach er gar kein Verräter gewesen sein kann.

Ben Becker: Das Faszinierende ist erst mal die Vorgabe des Textes von Walter Jens, das war zunächst eine Auftragsarbeit für mich: Man hatte mich gebeten, ihn als Hörbuch einzulesen. Allerdings war ich der Meinung, das erreicht wahrscheinlich nur wenige Menschen. 

Weil der Text mich aber so fasziniert hat, dachte ich, den muss ich auf die Bühne bringen. Er befasst sich unter anderem auch mit Schuld. Schuld ist etwas, das nicht nur vor zweitausend Jahren vorgekommen ist, das gibt es auch heute noch. Und damit die Fragestellung: Wer hat Schuld? Auch im Privatleben. Oder: Wer fühlt sich schuldig? Und verdrängt das möglicherweise. 

Weil man das auch immer wieder auf sich selbst bezieht, können sich die Leute mit dieser Figur identifizieren und finden es spannend, sich mit diesem Stück auseinanderzusetzen. Insofern hat der "Judas" auch etwas mit uns allen zu tun. Und das macht es so spannend: Die Zerrissenheit eines Menschen, der sich fragt, inwieweit bin ich Schuld oder inwieweit wurde sie mir auferlegt. Und wie verhalte ich mich dazu im Umgang mit meiner Gesellschaft.

"Man kann versuchen, einer Rolle gerecht zu werden"

Mann mit herrlichem Bass in der Stimme.
Mann mit herrlichem Bass in der Stimme.  © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dp

TAG24: Wie ist denn Ihre Sichtweise, ist Judas der Verräter oder ist das mehr eine Auslegung von Luther?

Ben Becker: Ich glaube, dass das eine Lutherauslegung war. Es ist immer einfach, etwas schnell abzuhandeln oder abzuwickeln, als sich näher damit auseinanderzusetzen und die Kompliziertheit der Dinge anzuerkennen und dann diesem Weg zu folgen.

Um bei Walter Jens zu bleiben, die Frage bleibt natürlich offen. Es heißt aber auch "Die Verteidigungsrede". Und da ich mich damit auseinandersetze beziehungsweise dieser Figur versuche, gerecht zu werden - man schlüpft ja nicht in eine Rolle, man kann versuchen, ihr gerecht zu werden -, bin ich schon der Meinung, dass er nicht schuldig ist im Sinne eines Verräters. Das heißt nicht, dass es keine Schuld gibt. Denn wenn es die nicht gäbe, wäre der Mann innerlich nicht so zerrissen.

TAG24: Im Laufe dieses Jahres sind sie mit vier Stücken unterwegs. Wie merken Sie sich so viel Text?

Ben Becker: Manchmal habe ich Hilfe, da arbeite ich durchaus auch mit Teleprompter. Das hat ja auch Performancecharakter, der Prompter als künstlerisches Hilfsmittel. Ich mache da gar keinen Hehl draus. Aber ich benutze ihn nicht ausschließlich, sonst wäre es ja eine reine Lesung, bei der es egal ist, ob ich vom Blatt Papier oder vom Fernseher ablese. 

Also ich gebe mir durchaus diese Hilfestellung, auch, um mich kurz selbst zu kontrollieren. Das funkioniert aber nur, solange ich alleine auf der Bühne stehe und das recht geschickt mache. Leider hat der Fernseher auf manche Leute so eine Anziehungskraft, dass sie lieber mitlesen, als mir zuzuhören. Dafür kann ich nichts, das ist mir dann egal.

Wenn ich mit mehreren Leuten auf der Bühne stehe, wie bei "Caligula", dann kann ich mir das nicht rausnehmen. Nun bin ich aber noch nicht so alt und habe auch keinen Knopf im Ohr. Was soll ich sagen, es ist reine Fleißarbeit. Namen und Telefonnummern kann ich mir schwer merken, aber Bücher habe ich einige im Kopf. Mein Gedächtnis ist darauf trainiert.

"Ich bin unheimlich gerne in Dresden"

Ben Becker bei der Premiere seines neuesten Stücks "Affe" am 18. Februar in Berlin.
Ben Becker bei der Premiere seines neuesten Stücks "Affe" am 18. Februar in Berlin.  © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

TAG24: Sie haben sehr kurzfristig Ihre Teilnahme am Dresdner SemperOpernball in diesem Jahr abgesagt. Tat Ihnen das nicht leid, weil Ihre Tochter Debütantin war?

Ben Becker: Das ist mir sehr schwergefallen. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Man kann nicht auf der einen Seite an einer solch umstrittenen Veranstaltung mitmachen und eine Woche später im Berliner Admiralspalast Friedrich Engels verlesen. Das war nicht machbar. 

Für meine Tochter tat mir das unheimlich leid, aber man muss Prioritäten setzen. Ich teile sonst wirklich viel mit ihr, nahezu alles, aber da musste der Papa sich leider verabschieden. Sie hat das verstanden, aber sie ist ja nun auch keine 12 mehr. 

Natürlich war ich traurig und hätte gerne gesehen, wie die Dame debütiert. Aber das andere überwiegt. Also habe ich für mich entschieden: nein. Leider. Denn ich bin ja unheimlich gerne in Dresden.

TAG24: Sie kennen Dresden?

Ben Becker: Ich kenne Dresden ganz gut. Ich mag die Stadt auch sehr gerne. Meine Frau kommt ja aus Dresden. Aber abgesehen davon bin ich oft dort. Ich war auch sehr früh in Dresden und habe zum Beispiel den Wiederaufbau der Frauenkirche sehr wohl miterlebt. 

Das erste Mal, als ich in Dresden war, kurz nach dem Mauerfall, haben wir dort einen "Polizeiruf" gedreht. Da lagen noch haufenweise Steine rum. Manchmal kommt es mir vor wie vorgestern. Das war ja ein wahnsinniger Akt, der da von menschlicher Seite gestemmt wurde. Aber abgesehen von der Frauenkirche ist Dresden einfach eine Elbstadt und im Sommer wunderschön. Ich bin gerne da.

Ben Becker gastiert mit "Ich, Judas" am 14. März um 20 Uhr in der Dresdner Martin-Luther-Kirche. Tickets gibt es zum Preis ab 35 Euro an allen bekannten VVK-Stellen der Region, außerdem online unter adticket.de oder eventim.de. Alle weiteren bundesweiten Termine erfahrt Ihr >>> hier.

Titelfoto: Fritz Brinckmann

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