Riesige Schummelei? In Sachsen fehlen noch mehr Intensivbetten für Corona-Patienten als offiziell gemeldet

Dresden - In den sächsischen Corona-Brennpunkten fehlen deutlich mehr Intensivbetten für Covid-19-Patienten als offiziell gemeldet.

Intensivpfleger sind in der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden mit der Versorgung von Patienten beschäftigt.
Intensivpfleger sind in der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden mit der Versorgung von Patienten beschäftigt.  © Robert Michael/dpa

Das zeige ein Abgleich freier Behandlungskapazitäten im "Divi-Intensivregister" mit internen Bettenlisten der Krankenhäuser von fünf sächsischen Landkreisen. Diese Listen liegen dem ARD-Magazin FAKT vor.

Für diese Bettenlisten melden die Kliniken der Krankenhausleitstelle täglich die Zahl ihrer freien Betten, um Corona-Patienten behandeln zu können.

Laut einer Mitteilung des MDR lag die Gesamtzahl der freien Intensivbetten in den Landkreisen Bautzen, Dresden, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge, Görlitz und Meißen bereits in der vergangenen Woche bei nur rund 20.

Aber: Das offizielle "Divi-Intensivregister" wies mit 50 mehr als doppelt so viele Intensivbetten für die genannten Landkreise aus!

Besonders widersprüchlich seien in diesem Zusammenhang die Angaben des Zittauer Klinikums "Oberlausitzer Bergland" im besonders stark von der Pandemie betroffenen Landkreis Görlitz.

Erst in der vorigen Woche sorgte die Klinik bundesweit für Schlagzeilen: Ein Chefarzt sprach aufgrund fehlender Behandlungskapazitäten erstmals von "Triage" (TAG24 berichtete). Gemeint ist die Entscheidung, welcher Patient bei fehlenden Kapazitäten auf der Intensivstation behandelt wird und welcher nicht.

Falsche Angaben für mehr Ausgleichszahlungen?

Ein Intensivbett auf einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Mit der Herz-Lungen-Maschine, Überwachungsmonitoren für Vitalfunktionen, einem Beatmungsgerät und Infusionstechnik können schwerkranke Patienten optimal versorgt werden.
Ein Intensivbett auf einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Mit der Herz-Lungen-Maschine, Überwachungsmonitoren für Vitalfunktionen, einem Beatmungsgerät und Infusionstechnik können schwerkranke Patienten optimal versorgt werden.  © Ronald Bonss/dpa

Das Zittauer Klinikum widersprach später Berichten, wonach es zur Triage gekommen sei. Allerdings wies die interne Bettenliste zu diesem Zeitpunkt tatsächlich keine, also null, freie Betten auf.

Dem offiziellen Register meldete Zittau dagegen weiterhin verfügbare Bettenkapazitäten.

Ein Mitglied des sächsischen Corona-Krisenstabs, das anonym bleiben möchte, sagte gegenüber FAKT, dass Krankenhäuser dem Intensivregister demnach mehr Betten meldeten, als sie hätten:

"Das Divi-Intensivregister genießt ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit und der Politik. Wenn mit Bettenzahlen getrickst wird, taugt die Datenbank nichts. Sie fällt als Frühwarnsystem für entstehende Engpässe bei der Versorgung von Covid-19-Patienten aus", äußerte der Insider.

Er vermutet, dass die Kliniken deshalb offiziell mehr Corona-Intensivbetten meldeten, weil sie für die freien Ausgleichszahlungen bekamen.

Besonders auffällige Abweichungen in Görlitz und Bautzen

Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) hatte im April dieses Jahres eine Verordnung unterzeichnet, wonach Krankenhäuser ihre tagesaktuell freie Betten im "Divi-Intensivregister" melden müssen.
Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) hatte im April dieses Jahres eine Verordnung unterzeichnet, wonach Krankenhäuser ihre tagesaktuell freie Betten im "Divi-Intensivregister" melden müssen.  © Kay Nietfeld/dpa

Zwei Krankenhäuser mit besonders auffälligen Abweichungen zwischen Divi-Datenbank und der internen Bettenliste antworteten FAKT auf schriftliche Anfragen.

So erklärte das Klinikum Görlitz die abweichenden Angaben "mit krankem oder in Quarantäne befindlichem Personal, wodurch freie Betten nicht belegt werden könnten. Die Bettenliste für die Krankhausleitstelle sei tatsächlich 'praxisrelevanter und pragmatischer' als das 'Divi-Intensivregister'".

Widerspruch gegen die erhobenen Vorwürfe kam indes von der Oberlausitz-Klinik Bautzen:

"Die Realität, die wir gerade in den deutschen Krankenhäusern erleben, ist wohl etwas komplexer als die 'Divi-Datenbank' sie darstellt." Ausgleichsbeträge oder so genannte "Freihaltepauschalen" beziehe die Klinik nicht.

Doch auch der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sind die Unregelmäßigkeiten bereits aufgefallen

"Durch Rückmeldungen von Rettungsdiensten und regionalen Stichproben war in der vergangenen Woche aufgefallen, dass die Zahlen der noch verfügbaren, unmittelbar für die Versorgung von Intensivpatienten freistehenden Betten, nicht zu hundert Prozent stimmen kann", erklärten die Divi und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) schon Anfang November in einem gemeinsamen Appell.

Und weiter: "Genau das ist für eine unmissverständliche Interpretation der Daten und der sich daraus ergebenden Planung in der gesamten Republik unerlässlich."

Im Intensivregister sollen also nur Kapazitäten erfasst werden, die tatsächlich vorhanden sind. Das heißt, neben den notwendigen technischen Geräten muss auch das Personal verfügbar sein.

Titelfoto: Robert Michael/dpa

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