Weil ein Zahlungsabwickler pleite ist: Jede zehnte Apotheke in Sachsen in Not

Dresden - In der Corona-Not leisten Apotheken wertvolle Dienste. Doch nun sind viele unverschuldet selbst in Not geraten. Wegen der Pleite eines Zahlungsabwicklers stecken plötzlich bundesweit 3 500 Apotheken in finanziellen Schwierigkeiten, darunter 100 im Freistaat.
Geriet wie viele ihrer Kollegen unverschuldet in Not: Diplom-Pharmazeutin Sylvia Trautmann (55), Inhaberin der Apotheke Bühlau.
Geriet wie viele ihrer Kollegen unverschuldet in Not: Diplom-Pharmazeutin Sylvia Trautmann (55), Inhaberin der Apotheke Bühlau.  © Norbert Neumann

Sachsenweit ist jede zehnte Apotheke betroffen! So wie auch die Apotheke Bühlau in Dresden. Seit 1998 leitet sie Sylvia Trautmann (55), beschäftigt zehn Mitarbeiter. 

"Wir sind schockiert und schwer getroffen", sagt die Inhaberin. Denn ihr fehlt der komplette Umsatz des Monats August. Ein sechsstelliger Betrag, der dringend für die Bezahlung der laufenden Betriebskosten wie Miete und Gehälter benötigt wird.

Schuld daran ist die Insolvenz des Apotheken-Abrechners AvP in Düsseldorf. Der wickelte das Zahlungsgeschäft der Krankenkassen mit den Apotheken ab. 

Die zahlen die Medikamente zunächst selbst im Voraus, reichen die Kunden-Rezepte dann an AvP weiter. Der übernimmt die Abrechnung mit den Kassen, leitet das Geld an die Apotheken weiter. 

Doch für August tat AvP das nicht. Nachdem sich die zuständigen Finanzaufseher (Bafin) einschalteten, wurde Insolvenz angemeldet. 

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bankrotts, also einer betrügerischen Insolvenz, bei der Vermögenswerte beiseite geschafft wurden. Der AvP-Schaden soll sich auf mehrere Hundert Millionen Euro belaufen.

Apotheker müssen mit Privatvermögen für ein Finanz-Verbrechen haften

"Um Betrieb und Liquidität aufrechtzuerhalten, musste ich Kredite mit hohen Zinsen aufnehmen. Es kann nicht sein, dass wir Apotheker mit unserem Privatvermögen für ein Finanz-Verbrechen haften müssen. Zumal uns gesetzlich vorgeschrieben ist, unsere Rezeptabrechnung über einen Dienstleister abzuwickeln", sagt Trautmann. 

"Wir werden hoffentlich überleben. Doch vielen Kollegen droht die Insolvenz, Tausende Arbeitsplätze sind gefährdet."

Der Chef des Sächsischen Apothekerverbandes, Thomas Dittrich (56): "Um Schließungen zu verhindern, sehen wir hier auch die Politik in der Verantwortung und befinden uns aktuell in Gesprächen, um eine unkomplizierte und kurzfristige Unterstützung für die Apotheken zu erwirken." 

Wichtig sei, so Trautmann, dass es staatliche Hilfsgelder gebe. "Kredite nützen uns wenig, da bleiben wir auf dem Schaden sitzen." Dem Sozialministerium lag Dienstag noch kein konkretes Hilfegesuch vor. Die Pharmazeuten haben jetzt auch eine e-Petition im Bundestag eingereicht. 

Titelfoto: Norbert Neumann

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