Zwei Direktoren für Hitler tätig: Wie systemnah waren die Dresdner Kunstsammlungen in der NS-Zeit?

Dresden - Neue Forschungen haben die wegen der Arbeit zweier ihrer Direktoren für den "Sonderauftrag Linz" bisher vermutete Nähe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum NS-System nicht bestätigt.

Rechts im Bild: Das weltberühmte Gemälde "Sixtinische Madonna" von Raffael, zu sehen in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.
Rechts im Bild: Das weltberühmte Gemälde "Sixtinische Madonna" von Raffael, zu sehen in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.  © Sebastian Kahnert/dpa

"Das war keine besonders braune oder systemaffine Institution", sagte Gilbert Lupfer, Leiter des Forschungsprojekts, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Dresden

"Es gab relativ wenig führende Leute in den Sammlungen, die wirklich überzeugte Nazis waren oder sich besonders für das System engagiert haben, aber auch keine Widerstandskämpfer."

Laut Lupfer bewegte sich das Verhaltensspektrum der leitenden Mitarbeiter eher zwischen willfährig und zurückhaltend bis zum vorsichtigen Unterlaufen. 

Die NS-Ideologie habe auch weder das Ausstellungsprogramm noch die Erwerbungspolitik stark geprägt. "Das war relativ sachlich, man hat - von Ausnahmen abgesehen - das bedient, was sein musste."

Dabei war Dresden eine wichtige Drehscheibe des NS-Kunstraub- und Kunsttransfersystems und die Gemäldegalerie-Direktoren Hans Posse und Hermann Voss als "Sonderbeauftragte" Adolf Hitlers Schlüsselfiguren darin. 

"Mit dem Alltag der anderen Dresdner Museen im NS-Staat hat das wenig zu tun gehabt, denn der 'Sonderauftrag' war nicht in die Museumsarbeit integriert, sondern nur über die Personen angebunden." 

Bei dem Sonderauftrag ging es darum, Kunst für ein von Hitler geplantes Museum in Linz zu beschaffen.

Ergebnisse werden als Buch und e-book veröffentlicht

Das Residenzschloss mit dem Historischen Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Das Residenzschloss mit dem Historischen Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.  © Sebastian Kahnert/dpa

Im Zuge des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über drei Jahre geförderten Projekts hat die Kunsthistorikerin Karin Müller-Kelwig Aufbau, Personalstruktur und wissenschaftliche Aktivitäten des Museumsverbundes nach Einflüssen nationalsozialistischer Ideologie und Politik, Kontinuität oder Brüchen in der Tätigkeit der Museen und in Biografien der Protagonisten untersucht. 

Die Ergebnisse werden als Buch und e-book veröffentlicht. Die Publikation enthält Lebensläufe von 90 führenden Mitarbeitern mit Verantwortung für die Dresdner Sammlungen zwischen 1933 und 1945.

"Ich glaube, es gibt nur wenige Museen in Deutschland, die ihre Geschichte in der NS-Zeit so genau und akribisch untersucht haben", sagte Lupfer. Insofern könne das Dresdner Projekt auch als Musterstudie gelten.

Titelfoto: Sebastian Kahnert/dpa

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