Über 20.000 Mitgliedsverluste! Trifft die Corona-Krise jetzt auch Thüringens Kirchen mit voller Wucht?

Erfurt - Bereits vor Corona wurden Thüringens Kirchen von Sorgen geplagt, doch nun könnte die anhaltende Pandemie den Mitgliederschwund noch weiter verschärfen.

Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen wurden zuletzt in Thüringen viele Taufen verschoben oder sogar komplett abgesagt.
Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen wurden zuletzt in Thüringen viele Taufen verschoben oder sogar komplett abgesagt.  © Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Die Corona-Krise könnte den Mitgliederschwund der Kirchen in Thüringen zusätzlich verstärken. So seien aufgrund der Einschränkungen viele Taufen verschoben oder abgesagt worden, erklärt Christian Fuhrmann, Gemeindereferent der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM). Es bestehe die Gefahr, dass so noch weniger neue Mitglieder nachkämen. Denn wie viele der Feste nachgeholt würden, werde die Zukunft zeigen. Belastbare Zahlen werden erst im Laufe des Jahres erwartet.

Mit Mitgliederschwund haben die Kirchen schon seit Jahren zu kämpfen - zum einen durch Austritte infolge einer nachlassenden Kirchenbindung und zum anderen durch den Umstand, dass die Sterbefälle die Zahl der Neueintritte deutlich überwiegen, so Fuhrmann. Die EKM verliere jedes Jahr zwischen zwei und vier Prozent ihrer Mitglieder - allein im vergangenen Jahr waren es rund 24.000.

In der katholischen Kirche sei der Trend ähnlich, erklärt der Sprecher des Bistums Erfurt, Peter Weidemann. Seit der Jahrtausendwende seien rund 8 bis 8,5 Prozent der Bevölkerung in Thüringen katholisch gewesen.

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Seit 2006 sinke die Zahl kontinuierlich Richtung 7 Prozent. Im Dekanat Gera, das dem Bistum Dresden-Meißen angehört, ging die Zahl der Mitglieder von rund 9600 im Jahr 2015 auf 8900 im Jahr 2020 zurück. Das Bistum Fulda machte keine Angaben.

Ein Pfarrer für 20 Kirchgemeinden! Droht schon bald Personalmangel?

Der Mitgliederschwund bereitet den Kirchen Sorgen. Immer mehr Pfarrgemeinden müssen zusammengelegt werden.
Der Mitgliederschwund bereitet den Kirchen Sorgen. Immer mehr Pfarrgemeinden müssen zusammengelegt werden.  © Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Gleichzeitig sind auch die Zahlen der Priesterweihen rückläufig: Weidemann zufolge wird es 2030 im Bistum Erfurt voraussichtlich nur noch 45 aktive Priester geben. Aktuell liegt diese Zahl bei 61. Im Bistum Dresden-Meißen sank die Zahl der Priester von 110 im Jahr 2009 auf 73 im Jahr 2020. In der EKM gibt es dem Personaldezernenten Michael Lehmann zufolge aktuell noch keinen Personalmangel.

"Allerdings ist zu erwarten, dass künftig die hohen Ruhestandseintritte der kommenden Jahre nicht mehr durch die derzeitigen und zu erwartenden Absolventinnen und Absolventen des Theologiestudiums kompensiert werden können."

Die Folgen für die Gemeinden sind überall spürbar: Bei allen befragten Kirchen werden die Kirchen- und Pfarrgemeinden immer größer, weil vorher eigenständige Pfarreien zusammengelegt werden müssen. In der EKM sei in ländlichen Regionen teilweise ein Pfarrer für über 20 kleine Kirchgemeinden zuständig, erklärt Fuhrmann.

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Auch im Bistum Erfurt wurde die Zahl der Pfarreien in einer Strukturreform reduziert, erklärte Weidemann. So sei es möglich, dass zumindest in den Hauptkirchen einer Pfarrei regelmäßig der Sonntagsgottesdienst angeboten werden könne.

Hohe Arbeitsbelastung: Pfarrer gehen frühzeitig in Ruhestand!

Die Vergrößerung bedeute aber eine zusätzliche Belastung für Geistliche: "Die Arbeitsanforderungen an die Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Kirche sind erheblich, exorbitant in ihrer Menge und Vielfalt", fasst Fuhrmann zusammen. Viele Pfarrer machten auch von der frühzeitigen Versetzung in den Ruhestand Gebrauch.

Wege aus der Krise sind schwierig: In der EKM würden neue Begegnungsorte mit der Kirche gesucht, die Taufe als Zugangsbedingung auf den Prüfstand gestellt und andere "innerkirchliche Selbstverständlichkeiten" wie die Kirchensteuer hinterfragt.

Die katholische Kirche habe unter anderem ihre Präsenz bei Festen und Ausstellungen wie der Buga in Erfurt verstärkt, die sich unterschiedslos an alle Menschen richteten, so der Sprecher des Bistums Erfurt, Peter Weidemann. "Die Kirche kann es sich nicht mehr leisten, zu warten, dass die Menschen zu ihr finden. Sie selbst muss auf die Menschen zugehen."

Was die Zahl der rückläufigen Priesterweihen angeht, habe aber bisher noch kein Bistum eine Lösung gefunden. Auch hier hoffen die Kirchen auf die Unterstützung ihrer Mitglieder. "Aber eine tatsächliche Lösung, so ehrlich muss man sein, ist derzeit nicht in Sicht", stellt Weidemann fest.

Titelfoto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

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