Ist das Coronavirus ein Heilsbringer für die Menschlichkeit?

Frankfurt am Main - Viele Menschen sind wegen der Covid-19-Pandemie plötzlich in Kurzarbeit oder fürchten um ihren Job. Elke Herfert und ihre Kolleginnen haben derzeit hingegen alle Hände voll zu tun: Die Mitarbeiterin der Ehrenamtsagentur der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Frankfurt organisiert in diesen Tagen das "Corona Call Center". 

Elke Herfert, Leiterin des Corona Call Centers der Ehrenamtsagentur der AWO Frankfurt, vermittelt Stellen für ehrenamtliches Engagement.
Elke Herfert, Leiterin des Corona Call Centers der Ehrenamtsagentur der AWO Frankfurt, vermittelt Stellen für ehrenamtliches Engagement.  © dpa/Frank Rumpenhorst

Hier werden Freiwillige für ehrenamtliche Aufgaben registriert und mit Menschen und Einrichtungen zusammengebracht, die Hilfe brauchen. "Das Matching läuft über die Postleitzahl", erzählt Herfert. In der Datenbank findet sie Angaben von Freiwilligen, die im gleichen Stadtteil wohnen - wie zum Beispiel Menschen, die nun Hilfe beim Einkaufen benötigen.

So habe die Ehrenamtsagentur von der Stadt Frankfurt eine Liste von Personen erhalten, die bisher über einen vom Jobcenter organisierten Einkaufsservice versorgt wurden. Derzeit allerdings kann er seinen Dienst nicht anbieten. Das Call Center versucht nun, Freiwillige zu organisieren - natürlich unter Einhaltung von Abstandsregeln.

Die Angebote der Freiwilligen kommen aus allen Alters- und Berufsgruppen, sagt Herfert. "Zum Teil haben sie Zeit, weil sie Kurzarbeit machen müssen, im Ruhestand oder Studenten sind." Es gebe aber auch Berufstätige - sei es Freiberufler oder Leute, die sich auch nach Feierabend oder am Samstagmorgen Zeit für ehrenamtliches Engagement nehmen.

Doch es sind bei weitem nicht nur Wohlfahrtsverbände, Kirchengemeinden und ähnliche Gruppen, die jetzt Unterstützungsangebote organisieren. Drei Medizinstudentinnen etwa wollten mit einem Angebot von Freiwilligen vor allem Angehörige der Risikogruppen im Alltag entlasten.

Großer Ansturm aufs Ehrenamt: Wartelisten für Helfende sind lang

Nachbarschaftshilfe und Solidarität liegen in der Corona-Krise voll im Trend.
Nachbarschaftshilfe und Solidarität liegen in der Corona-Krise voll im Trend.  © dpa/Christin Klose

"Innerhalb von 24 Stunden haben sich 350 Helfer auf unseren Aufruf gemeldet" erzählt Emily Layer, eine der Initiatorinnen von "Frankfurt gegen Corona". Mittlerweile ist die Zahl auf fast 400 gestiegen und das Interesse so groß, dass vorerst keine weiteren Freiwilligen mehr aufgenommen werden können. "Wir haben Wartelisten von etwa 200 Leuten", berichtet Layer.

Doch vorrangig solle jetzt die Zielgruppe erreicht werden, die auf Hilfe beim Einkaufen oder für den Kauf von Medikamenten angewiesen ist. Denn gerade alte Menschen wissen nicht unbedingt von Aufrufen, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. 

"Wir hatten da schon Fälle, dass sich Enkel aus Hamburg oder Heidelberg gemeldet haben, um Hilfe für ihre Großeltern in Frankfurt zu organisieren." Auch wenn der Schwerpunkt auf Angehörigen der Risikogruppen liegt, gebe es aber auch Hilfsaktionen für andere Menschen, versichert die Medizinstudentin. 

So im Fall einer Familie mit vier Kindern - die Mutter war bereits in häuslicher Quarantäne, dann brach sich der Vater das Knie. "In solchen Fällen helfen wir natürlich auch." Auch im Corona-Call-Center übersteigt die Zahl der Angebote die der Hilferufe. Häufig geht es um Einkäufe und ähnliche Unterstützung. 

Es habe sich auch eine Flüchtlingseinrichtung gemeldet, die jemanden sucht, der die Kinder bei den Hausaufgaben betreut. Einen passenden Freiwilligen hätte Herfert sogar - "Aber ich würde ihn ungern in die Einrichtung schicken. Da muss man sehen, ob man das regeln kann über Skype, damit er das von zu Hause aus machen kann, um beide Seiten so gut wie möglich zu schützen."

Freude für Bewohner von Altenheimen: "Briefe gegen Einsamkeit"

Viele Supermärkte zeigen sich ebenfalls solidarisch und richten Extra-Öffnungszeiten für Senioren und Menschen mit Unterstützungsbedarf ein.
Viele Supermärkte zeigen sich ebenfalls solidarisch und richten Extra-Öffnungszeiten für Senioren und Menschen mit Unterstützungsbedarf ein.  © dpa/Sebastian Gollnow

Eines merken Herfert und ihre Kolleginnen immer wieder in diesen Tagen gerade im Gespräch mit älteren Menschen: Es ist viel Redebedarf vorhanden, auch bei denen, die sich nicht übermäßig ängstigen. "Die Menschen sind schon sehr isoliert in diesen Tagen", sagt Herfert. "Es findet ja nichts mehr statt."

Ob Seniorennachmittage oder Kaffeefahrten - alles ist gestrichen worden. Da dauere dann auch ein Telefongespräch, in dem die Vermittlung eines freiwilligen Einkaufshelfers vorgeschlagen werde, selten unter 20 Minuten.

Neben der rein "praktischen" Hilfe vermittelt die Ehrenamtsagentur daher auch Möglichkeiten, anderen Menschen einfach eine Freude zu machen. So habe eine Altenhilfeeinrichtung, in der derzeit keine Besucher erlaubt sind, nach Ehrenamtlichen gesucht, die beispielsweise "Briefe gegen Einsamkeit" schreiben und so in einen Dialog mit den Heimbewohnern treten. 

Auch kleine Geschenke könnten für Ostern gebastelt und in einem Container abgeliefert werden. "Toll ist auch,wenn jemand ein Instrument spielt und bei schönem Wetter im Garten einer Einrichtung Musik macht", sagt Herfert. "Es gibt viele Möglichkeiten, sich solidarisch zu zeigen oder einfach nur in irgendeiner Form Freude zu bereiten." 

Begeistert ist Herfert von der Welle der Hilfsbereitschaft, die sie durch ihre Arbeit erlebt. "So schlimm diese Pandemie ist – aber es bringt auch eine Rückbesinnung. Und es ist unglaublich, wenn man spürt: Die Menschen sind gar nicht so schlecht. Viele sind bereit, zu helfen und zu unterstützen." 

Sie hoffe, dass einiges davon anhält, wenn irgendwann einmal wieder Normalität herrscht.

Titelfoto: dpa/Christin Klose

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