Mann (92) erstickt kranke Ehefrau aus Liebe: Haft auf Bewährung!

Würzburg - Etwa ein Jahr nach der Tötung einer schwer kranken Rentnerin in Unterfranken durch ihren Mann blicken Prozessbeteiligte gespannt auf das psychiatrische Gutachten. 

Der Angeklagte wird am 10. November in den Gerichtssaal geführt.
Der Angeklagte wird am 10. November in den Gerichtssaal geführt.  © Nicolas Armer/dpa

Dieses soll wahrscheinlich an diesem Donnerstag (ab 9 Uhr) vor dem Landgericht Würzburg präsentiert werden. Zudem ist es möglich, dass Plädoyers und Urteil noch am selben Tag folgen.

Angeklagt ist ein 92-Jähriger aus Gemünden am Main (Landkreis Main-Spessart).

Der Mann hatte zu Prozessbeginn gestanden, am 3. November 2019 seine seelisch und körperlich kranke Frau im Bett mit einer Hasenfelldecke erstickt zu haben. 

Nach eigenen Worten war er mit der Pflege der 91-Jährigen überfordert und handelte aus Liebe. Nach der Tat versuchte der Rentner vergebens, sich umzubringen.

Fraglich ist, ob der Mann bei der Tat vermindert schuldfähig war.

Die Anklage vermutet, dass der Deutsche seine demente Frau aus Aussichtslosigkeit tötete, weil er mit ihr kein gemeinsames Leben in Gesundheit und Selbstbestimmung mehr führen konnte.

Womöglich war der 92-Jährige an jenem Abend schwer depressiv verstimmt.

Update, 10.05 Uhr: "Ich konnte nicht anders handeln."

Der Angeklagte (r) wird von seinem Anwalt Norman Jacob (l) am 10. November in den Gerichtssaal geführt.
Der Angeklagte (r) wird von seinem Anwalt Norman Jacob (l) am 10. November in den Gerichtssaal geführt.  © Nicolas Armer/dpa

Der Angeklagte hat vor dem Landgericht Würzburg über seine Beweggründe gesprochen.

"Im Laufe dieser Pflegezeit konnte ich meine Frau nicht mehr leiden sehen und musste sie irgendwie befreien von der Demenz und von allen Schwierigkeiten", sagte er am Donnerstag. "Ich habe die Kontrolle wahrscheinlich verloren gehabt. Ich konnte nicht anders handeln."

Er habe seine Frau, die er jahrelange bis zur eigenen Erschöpfung alleine zu Hause pflegte, erlösen wollen und deshalb mit einer Hasenfelldecke erstickt. Das Paar aus Gemünden am Main (Landkreis Main-Spessart) war fast 70 Jahre verheiratet und hatte keine Kinder.

Er bereue die Tötung der 91-Jährigen am 3. November 2019, sagte der Angeklagte. "Ich kann das jetzt nicht mehr nachvollziehen", es tue ihm leid. Er habe damals nicht gedacht, dass er sich damit strafbar mache. "Ich war da etwas unbedarft."

Update, 12.05 Uhr: 92-Jähriger war bei Tötung seiner Frau offenbar schwer depressiv

Der angeklagte 92-Jährige war bei der Tat nach Ansicht einer Psychiaterin schwer depressiv.

Am Abend des 3. November 2019 sei der Angeklagte daher vermindert schuldfähig gewesen, sagte die Gutachterin Susanne Eberlein am Donnerstag am Landgericht Würzburg. "Er hat kein Licht am Ende des Tunnels gesehen", versuchte die Expertin zu erklären, wie sich der Rentner auch in den Wochen vor der Tat gefühlt habe. "Es kommt zu einer zunehmenden Einengung des Denkens", man sehe nur noch dieses schwarze Loch und keine Zukunft mehr.

Der Vorsitzende Richter Hans Brückner sagte daraufhin, es komme eine Verurteilung wegen Totschlags im minderschweren Fall infrage. Dafür ist eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren vorgesehen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann Totschlag vor, "ohne ein Mörder zu sein".

Update, 12.20 Uhr: zwei Jahre und neun Monate Haft gefordert

Die Staatsanwaltschaft fordert für den Angeklagten zwei Jahre und neun Monate Haft.

Auch wenn der 92-Jährige mit der jahrelangen nahezu alleinigen Pflege der Schwerkranken überfordert war, habe er nicht das Recht gehabt, das Leben der 91-Jährigen zu beenden, sagte Oberstaatsanwalt Thorsten Seebach am Donnerstag vor dem Landgericht Würzburg. Das hohe Alter der Frau ändere nichts am Recht auf Leben und der Menschenwürde.

Verteidiger Norman Jacob plädierte ebenfalls für eine Freiheitsstrafe wegen Totschlags im minderschweren Fall, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Eine genaue Zahl nannte er nicht.

Das Urteil gegen den Mann soll noch am Donnerstag (14 Uhr) verkündet werden.

Update, 15.23 Uhr: Haft auf Bewährung

Jahrelang kümmerte sich der 95-Jährige um seine Ehefrau.
Jahrelang kümmerte sich der 95-Jährige um seine Ehefrau.  © Nicolas Armer/dpa

Darf man einen schwer kranken Menschen von seinem Leid erlösen und ihn töten, um ihm einen letzten Dienst zu erweisen? Nein, urteilt das Landgericht Würzburg am Donnerstag am Ende eines sehr emotionalen Prozesses. Zwei Jahre Haft, ausgesetzt zur Bewährung, so lautet die noch nicht rechtskräftige Entscheidung der Kammer für einen 92-Jährigen.

Eine Frau ist tot, ihr Ehemann hat sie erstickt - doch der Fall ist keine typische Kriminalgeschichte. Vielmehr wirft er ein Schlaglicht auf die Pflegesituation in Deutschland und die missliche Lage der Angehörigen Kranker, die sich manchmal bis zur Erschöpfung für ihre Lieben aufopfern.

Der vor dem Schwurgericht angeklagte Mann ist 92 Jahre alt. Jahrelange umsorgt er in Gemünden am Main (Landkreis Main-Spessart) fast alleine seine kranke Frau. Sie sind knapp 70 Jahre verheiratet, haben keine Kinder. Die 91-Jährige ist dement, hat Wahnvorstellungen, erkennt ihren Mann oft nicht. Dazu kommen starke Schmerzen durch Arthrose, ihren Stuhl kann sie nicht halten. "Ich konnte es auch nicht mehr ertragen, meine Frau leiden zu sehen", sagt der Rentner. Heute bereue er ihre Tötung jedoch.

"Der Angeklagte hat sich über Wochen, Jahre liebevoll gekümmert um seine Frau", sagt Oberstaatsanwalt Thorsten Seebach. "Dem kann man schon Respekt zollen. Der Angeklagte hat sehr, sehr viel geleistet."

Der Jurist ist sichtlich bemüht, die richtigen Worte zu finden und vor allem einen angemessenen Strafantrag für einen Mann zu stellen, den viele Zeugen als zupackend, fürsorglich und aufopfernd beschreiben. "Wir haben einen ungewöhnlichen Fall vor der Kammer", sagt Seebach. Doch auch die besondere Situation des Paares - sie krank, er ausgelaugt, beide wollen eigentlich gemeinsam sterben - gebe dem 92-Jährigen nicht das Recht, jemanden zu töten.

"Es gibt ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, das Bundesverfassungsgericht hat es vor kurzem ausdrücklich anerkannt", sagt Justizminister Georg Eisenreich (CSU) der "Bild"-Zeitung. "Das heißt aber: Der Sterbewillige muss die Entscheidung selbst treffen."

Der Rentner wusste nicht mehr weiter.
Der Rentner wusste nicht mehr weiter.  © Nicolas Armer/dpa

Auch Verteidiger Norman Jacob sieht das so. "Es ist tatsächlich schwierig", sagt er. Hier stelle sich die Frage nach Sinn und Zweck einer Strafe besonders. "Jede Freiheitsstrafe würde für meinen Mandanten lebenslänglich bedeuten."

An dieser Familiengeschichte werde das Dilemma der Sterbehilfe besonders deutlich. "Er war akut belastet", erzählt Jacob über seinen Mandanten, der am 3. November 2019 nach eigenen Worten nicht mehr weiterwusste und seine Frau mit einer Decke erstickte.

Zu dieser Zeit sei der 92-Jährige schwer depressiv und vermindert schuldfähig gewesen, erklärt Psychiaterin Susanne Eberlein dem Gericht. "Er hat Tag und Nacht für sie da sein müssen." Ihre Inkontinenz habe ihm massiv zugesetzt. "Er hat kein Licht am Ende des Tunnels gesehen." Die bevorstehende Kurzzeitpflege seiner Frau habe ihn verunsichert, beiden wollten nie in ein Heim. Weil der Mann keine lebenswerte Zukunft mehr für seine Frau und sich erwartet habe, habe er sie getötet. Ein anschließender Suizidversuch misslang.

"In der Regel sind es Alte, die Alte pflegen. Dabei werden die drei Millionen Pflegebedürftigen daheim und ihre Angehörigen oft alleingelassen", kritisiert der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. "Manche lehnen jedoch auch Hilfe ab."

Oberstaatsanwalt Seebach hält dem Angeklagten vor, dass seine schwindende Lebenskraft auch selbstverschuldet gewesen sei, weil er keine Hilfe annehmen wollte, wie es vielleicht erforderlich gewesen wäre. "So darf das eben nicht enden", auch wenn der Rentner "aus Fürsorge und Liebe und aus guten Motiven heraus gehandelt" habe.

Seebach ringt mit sich, plädiert schließlich auf zwei Jahre und neun Monate Haft wegen Totschlags in einem minderschweren Fall. Verteidiger Jacob sieht Totschlag ebenfalls gegeben, will eine Freiheitsstrafe aber ausgesetzt zur Bewährung sehen.

Die Kammer findet einen Mittelweg. "Rechtlich war das Verhalten des Angeklagten als Totschlag zu werten", sagt der Vorsitzende Richter Hans Brückner. Doch "zulasten konnte die Kammer im Hinblick auf das Verhalten des Angeklagten keine Gesichtspunkte erkennen". Das Urteil sollte aber nicht als Freibrief für Nachahmungstäter verstanden werden. "Es ist sicher ein außergewöhnlicher Fall."

Titelfoto: Nicolas Armer/dpa

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