Obdachloser beleidigt Rabbi antisemitisch: Jetzt spricht der Geistliche

Offenbach - Nach einer neuerlichen Attacke gegen den Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz hat die Orthodoxe Rabbinerkonferenz dem Geistlichen ihre Solidarität bekundet und die Zivilcourage von Zeugen des Vorfalls am Neujahrstag gelobt.

Die antisemitischen Beleidigungen am Neujahrstag waren nicht die ersten verbalen Attacken auf den Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz (r.).
Die antisemitischen Beleidigungen am Neujahrstag waren nicht die ersten verbalen Attacken auf den Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz (r.).  © DPA/Claus Kopert

"Jeder Angriff auf jüdisches Leben, ob verbal, tätlich oder tödlich ist immer ein Schock für die hier in Deutschland lebenden Juden", sagte der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel vom Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

"Was uns trotz dieses traurigen Anlasses freut: Bürgerinnen und Bürger Offenbachs haben Zivilcourage gezeigt und den Angreifer lautstark in seine Schranken verwiesen."

Der Offenbacher Rabbiner war mit seinen Kindern am Abend des Neujahrstages auf dem Heimweg von der Synagoge gewesen, als er von einem 46 Jahre alten Mann mit antisemitischen Parolen beleidigt wurde.

Mehrere Zeugen verständigten die Polizei, die den Mann vorläufig festnahm, wie TAG24 berichtete.

Gegen den alkoholisierten Mann wurde nach Angaben eines Polizeisprechers ein Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingeleitet.

Gurewitz war in der Vergangenheit bereits mehrfach antisemitisch beleidigt und angegriffen worden. Ein Polizeisprecher sagte, ein Gespräch mit dem Geistlichen sei geplant. Dabei gehe es wohl nicht nur um seine Zeugenaussage, sondern auch um Sicherheitsfragen.

Gurewitz selbst nannte den Zwischenfall in einem Facebook-Post eine "traumatische" Erfahrung. Überwältigend sei die Reaktion der Nachbarn und Anwohner gewesen:

Rabbiner Mendel Gurewitz aus Offenbach lobt die Zivilcourage seiner Mitmenschen

Die Polizei nahm den 46 Jahre alten Wohnungslosen im Anschluss an die verbale Attacke gegen Rabbi Gurewitz fest (Symbolfoto).
Die Polizei nahm den 46 Jahre alten Wohnungslosen im Anschluss an die verbale Attacke gegen Rabbi Gurewitz fest (Symbolfoto).  © 123rf/foottoo

"Von jedem Fenster aus griffen Leute ein, schrien auf den Aggressor ein, verteidigten uns, verständigten die Polizei. Einige verließen ihre Häuser und verfolgten ihn zu Fuß oder mit dem Auto. (...) Es war eine plötzliche Explosion von Liebe und Unterstützung."

"Die Tat in Offenbach zeigt, dass Jüdinnen und Juden ihren Glauben in der Öffentlichkeit nicht ohne Sorge um die eigene Unversehrtheit offen zeigen können", sagte der Hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme.

Das sei 76 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz "ein schlimmes Zeugnis über den Zustand unserer Gesellschaft in unserem Land, wie insgesamt in Europa".

Die Menschen in Offenbach hätten aber gezeigt, "dass sie sich schützend vor ihre jüdischen Nachbarn stellen und Judenhass nicht einfach geschehen lassen.

Dies ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass jede und jeder einzelne etwas gegen Antisemitismus tun kann." Die Reaktion der Offenbacher Bürger mache Mut, so Becker. "Das ist ein wichtiges Signal nicht nur für Rabbiner Gurewitz, sondern für alle Jüdinnen und Juden hierzulande", sagte Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, über das Verhalten der Offenbacher Nachbarn.

"Ich wünsche mir, dass in Zukunft solche Reaktionen keine Ausnahme mehr bilden, sondern der Regelfall werden." Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf reagierte betroffen auf den Vorfall. "An antisemitische Einstellungen und derartige Vorfälle dürfen wir uns nicht gewöhnen", betonte er.

Polizei plant Gespräch mit Rabbi Mendel Gurewitz

Nachdem es in den vergangenen Jahren eine Zunahme antisemitischer und rechtsextremer Angriffe und Hassnachrichten im Internet verzeichnet worden war, war im vergangenen Jahr eine "digitale Eskalation" bemerkbar, sagte ein Sprecher der Europäischen Rabbinerkonferenz.

Im Zusammenhang mit Corona-Demonstrationen sei es zu kruden Verschwörungstheorien und antisemitischen Parolen gekommen. "Das hat bei den Juden hier in Deutschland, in Europa und weltweit Spuren hinterlassen."

Titelfoto: DPA/Claus Kopert

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