Was diese Frau aus Legosteinen baut, ist ein Segen für alle Rollstuhlfahrer

Hanau - Rita Ebel hilft Menschen, Barrieren zu überwinden. Die 62-jährige Hanauerin weiß als Rollstuhlfahrerin nur allzu gut, wie es ist, im Alltag immer wieder vor Hindernissen zu stehen. Deswegen baut sie ehrenamtlich für Rollstuhl- und Rollatornutzer Rampen - und zwar aus handelsüblichen Legosteinen. 

Rita Ebel baut aus Legosteinen Rollstuhl-Rampen.
Rita Ebel baut aus Legosteinen Rollstuhl-Rampen.  © Ebel/Privat/DPA

Wenn sie in mühevoller Klein- und Fleißarbeit nicht gerade selbst tätig wird, versorgt sie Interessenten mit Anleitungen zum Nachbauen.

Die Rampen ermöglichten es Gehbehinderten, kleine Stufen oder Absätze leichter zu bewältigen und in Geschäfte hinein rollen zu können, erzählt sie der Deutschen Presse-Agentur. 

Denn nach wie vor würden Rollstuhlfahrer trotz aller in der Gesellschaft propagierten Barrierefreiheit immer wieder vor Hürden stehen. Stufen von gering erscheinender Höhe könnten für große Probleme sorgen.

Inspiriert wurde Ebel vor etwas mehr als einem Jahr durch einen Bericht in einer Fachzeitschrift. Sie las dort von einer Elektro-Rollstuhlfahrerin aus Bielefeld, die solche Legorampen baut. "Was für eine geile Idee", dachte sich Ebel und nahm Kontakt zu Corinna Huber auf. Diese baut mit Kunststoffsteinen zwar nicht Brücken, aber immerhin die bunten Rampen.

Rita Ebel hat sich die Idee zum Vorbild genommen. Seither hat sie zusammen mit ihrem 63-jährigen Ehemann Wolfgang 18 Rampen fertiggestellt und stolz an Geschäftsleute übergeben. 14 davon stehen in ihrer Heimatstadt Hanau, zum Beispiel an der Schwelle zu einem Café, einem Blumenladen oder einer Versicherungsagentur, wie sie berichtet. 

Weitere Rampen gibt es in Frankfurt, Bensheim (Kreis Bergstraße), Nidderau (Main-Kinzig-Kreis) und in Apolda (Thüringen). Ihre Tochter hat der Rampen-Bauerin liebevoll den Beinamen "Lego-Oma" verliehen. Rita Ebel findet das sympathisch. Und deswegen präsentiert sie sich in sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook auch als Lego-Oma. 

Rita Ebel ist in den sozialen Medien als "Lego-Oma" unterwegs

Fotomontage: Die Hanauerin Rita Ebel (r.) ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen.
Fotomontage: Die Hanauerin Rita Ebel (r.) ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen.  © Montage: Ebel/Privat/DPA

Ihre zwölfjährige Enkeltochter Nora pflegt die Profile. Denn Ebel will die Idee bekannter machen und für die Bedürfnisse von Behinderten sensibilisieren. "Ich möchte nicht die Welt mit Legorampen versorgen und retten. Das schaffe ich auch gar nicht. Aber ich möchte Denkanstöße für eine behinderten-freundlichere Gesellschaft geben und den Impuls vermitteln, wie man selbst aktiv werden und etwas verbessern kann."

Zu diesem Zweck verschickt Ebel auf Anfrage Bauanleitungen. Mittlerweile gibt es sie in fünf Sprachen: auf deutsch, englisch, französisch, italienisch und spanisch. "Das Interesse ist riesengroß. Wir haben Anfragen aus dem In- und Ausland und bereits 190 Anleitungen verschickt."

Darin wird erklärt, was man für eine Rampe benötigt und wie sie entsteht. Zunächst einmal werden Unmengen an Legosteinen gebraucht. Die werden Ebel meist gespendet. Die Basic-Steine setzt sie Stück für Stück aufeinander und verbindet diese mit einem Silikonkleber. 

Die breiten einspurigen oder schmaleren zweispurigen Rampen werden dann mit einer rutschfesten Baugranulatplatte als Untergrund versehen. Jede Rampe ist eine Maßanfertigung. "Der Vorteil an den Legorampen ist", erklärt Ebel bei der Arbeit am heimischen Küchentisch, "dass die zusammengesteckten und verklebten Steine enorm stabil und griffig sind. Beim Bau ist man sehr flexibel und kann die Höhe der benötigten Rampe anpassen." 

Die maximale Stufenhöhe, die überbrückt werden kann, darf nicht mehr als 18 Zentimeter betragen. Und es kann bautechnisch nur eine Stufe überbrückt werden - also keine kleine Treppe. "Es handelt sich auch um kein zertifiziertes Hilfsmittel. Die Benutzung ist auf eigene Gefahr", erklärt Ebel, weil sie sich rechtlich absichern muss.

16 Kilogramm Legostein für eine zweispurige Rampe

Für eine zweispurige Rampe sind schon rund 16 Kilogramm Legosteine nötig (Symbolbild).
Für eine zweispurige Rampe sind schon rund 16 Kilogramm Legosteine nötig (Symbolbild).  © 123RF/punkbarby

Doch vor der Benutzung steht der stundenlange Entstehungsprozess. Der ist nicht nur mühselig, sondern kostet auch. Eine zweispurige und 15 Zentimeter hohe Rampe habe einen Materialwert von rund 500 Euro, rechnet Wolfgang Ebel vor. Denn alleine die Steine kosten schon einiges: Pro Kilo Steine werden bei der Auktionsplattform Ebay 20 bis 25 Euro fällig. 

Und für solch eine zweispurige Rampe sind schon rund 16 Kilogramm Legosteine nötig. Das professionell gefertigte Pendant zu den Lego-Rampen bekommt man zum Beispiel in Sanitätsgeschäften. Dort sind Rampen aus Aluminium erhältlich. Doch die bunten, individuell gestalteten Rampen von Rita Ebel haben den Vorteil: Sie sind echte Hingucker. 

"Manch einer sieht sie als kleine Kunstwerke mit praktischem Gebrauchswert an", erfuhr Ebel bei einem Gespräch mit einem Architekten. Es gebe aber auch Hindernisse. "Ordnungsämter könnten die Rampen als Stolperfallen betrachten und einschreiten", weiß Ebel. "In Hanau wird die Idee aber glücklicherweise von der Stadt unterstützt."

"Wir schauen in Hanau immer zuerst, was wir gemeinsam ein Stück besser machen können, bevor wir auf theoretische Bedenken schauen", versichert Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD). "Die farbenfrohen Rampen bewähren sich und schaffen durch die auffällige Gestaltung zusätzlich ein Bewusstsein für die Alltagsprobleme von Menschen mit Behinderungen."

Da die Rampen bunt sind, geben sie auch sehbehinderten Orientierung beim Gang in Geschäfte, betont Ebel. "Und Mütter und Väter kommen mit ihren Kinderwagen auch besser rein. Insgesamt stößt die Idee mit den Legorampen auf große Begeisterung", bilanziert sie. Ivonne Güder hat von Rita Ebel eine Rampe für ihren Blumenladen erhalten. 

"Das ist sehr positiv. Auch Rollatoren und Kinderwagen kommen besser ins Geschäft. Und die Menschen ohne Behinderung machen sich auch mehr Gedanken über das Thema Barrierefreiheit."

Titelfoto: Ebel/Privat/DPA

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