Frankfurter Buchmesse: Streit um neurechte Verlage, Boykott-Hashtag auf Twitter

Frankfurt am Main - Ein Stand von Verlagen der Neuen Rechten auf der Frankfurter Buchmesse hat kurz vor der offiziellen Eröffnung der Messe zu einer Kontroverse geführt.

Ein Mann arbeitet während des Aufbaus für die Frankfurter Buchmesse 2021 – die Messe ist ab Mittwoch für das Fachpublikum geöffnet, ab Freitag für alle Besucher.
Ein Mann arbeitet während des Aufbaus für die Frankfurter Buchmesse 2021 – die Messe ist ab Mittwoch für das Fachpublikum geöffnet, ab Freitag für alle Besucher.  © Sebastian Gollnow/dpa

Die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main solidarisierte sich in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme mit der Autorin Jasmina Kuhnke (39), die ihren Auftritt auf der Buchmesse wegen des dort vertretenen Jungeuropa-Verlags abgesagt hatte. (Der Verlag hat unter anderem das Buch "Theorie der Diktatur" von Michel Onfray im Programm, die Schrift behauptet, im Zuge der Coronavirus-Pandemie würde in den Gesellschaften Europas eine neue Art der Diktatur etabliert.)

"Es ist ein Desaster für unsere offene Debattenkultur, wenn sich Betroffene von Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit von der Frankfurter Buchmesse als der größten Debattenmesse des Landes zurückziehen, weil sie sich dort nicht sicher fühlen", sagte Meron Mendel (45), der Direktor der Bildungsstätte.

"Wir müssen in Deutschland inzwischen täglich rassistische und antisemitische Übergriffe auf Menschen dokumentieren", sagte Mendel. "Anschläge wie in Halle, Hanau oder auch der Mord an Walter Lübcke machen überdeutlich, dass die giftige Ideologie der Rechten eine konkrete Gefahr für Menschenleben bedeutet. Wer ihnen auf prominenten bürgerlichen Plattformen wie der Frankfurter Buchmesse ein Podium bietet, trägt zur weiteren Normalisierung und Verbreitung von Menschenhass bei."

Frankfurt: Aktionstag gegen Hasspostings: Zehn Durchsuchungen in Hessen
Frankfurt Kriminalität Aktionstag gegen Hasspostings: Zehn Durchsuchungen in Hessen

Ähnlich äußerte sich Michael Müller, kulturpolitischer Sprecher der Linken-Fraktion im Frankfurter-Römer. "Die Frankfurter Buchmesse darf diesen Verlagen keine Bühne bieten, auch nicht in der hinterletzten Ecke", betonte er.

Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland werde "damit ganz sicher nicht beschnitten".

Buchmesse ab Mittwoch für Fachpublikum geöffnet, ab Freitag für alle Besucher

Juergen Boos (60), Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagte zu der Präsenz neurechter Verlage: "Wir müssen leider auch Meinungen oder die Präsenz von Menschen aushalten, die ich nicht unbedingt gerne hier hätte."
Juergen Boos (60), Direktor der Frankfurter Buchmesse, sagte zu der Präsenz neurechter Verlage: "Wir müssen leider auch Meinungen oder die Präsenz von Menschen aushalten, die ich nicht unbedingt gerne hier hätte."  © Sebastian Gollnow/dpa

Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut, betonte Buchmessen-Direktor Juergen Boos (60) am Dienstag. "Die Buchmesse ist der Ort, der dafür steht. Und wir müssen leider auch Meinungen oder die Präsenz von Menschen aushalten, die ich nicht unbedingt gerne hier hätte."

Die Buchmesse stehe für diesen möglichst offenen Diskurs. "Wir werden immer das ganze Spektrum hier haben, solange sich die Menschen hier zeigen wollen. Aber es muss uns nicht gefallen. Aber es muss möglich sein, weil für uns Meinungsfreiheit, the freedom to publish, das höchste Gut ist."

Schon 2017 hatte die Präsenz neurechter Verlage zu Protesten und einer Demonstration geführt.

Frankfurt: Attacke in der City von Frankfurt: Frau auf offener Straße krankenhausreif geschlagen
Frankfurt Kriminalität Attacke in der City von Frankfurt: Frau auf offener Straße krankenhausreif geschlagen

Ab Mittwoch (20. Oktober) ist die Messe für das Fachpublikum geöffnet, ab Freitag (22. Oktober) dann für alle Besucher.

Die Messe endet am Sonntag (24. Oktober) mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Tsitsi Dangarembga (62) aus Simbabwe.

Hashtag zum Boykott der Buchmesse auf Twitter

Auf Twitter rufen Nutzer wegen der Präsenz der neurechten Verlage auf der Frankfurter Buchmesse dazu auf, die Messe zu boykottieren.

Die Tweets werden mit dem Hashtag #BuchmesseBoykott gekennzeichnet.

Titelfoto: Montage: Sebastian Gollnow/dpa

Mehr zum Thema Frankfurt Kultur & Leute: