"Es wird brutal": Einzelhändler Heiko im Corona-Krisen-Gespräch mit TAG24

Frankfurt am Main - Die Corona-Krise trifft alle hart. So mussten etwa die meisten Einzelhändler ihre Läden schließen und wissen oftmals nicht, wie sie nun ihre fixen Kosten decken sollen. TAG24 sprach mit Tauchladen-Inhaber Heiko Geisen (45) aus Frankfurt über die die Existenz bedrohende Situation.

Seit 2005 ist Heiko Geschäftsführer von Aquanaut. Sein Unternehmen besteht aus einer Tauchschule, einer Tauchbasis in Diez bei Limburg und zwei Läden in Frankfurt und Darmstadt. Angeschlossen ist außerdem ein Reisebüro mit dem Schwerpunkt Tauchreisen.

Seit Tagen haben auch seine Läden geschlossen. Seine Hauptüberlegung im Moment: Wie schafft er es mit seinem Unternehmen durch die Krise, deren Ende vorerst nicht abzusehen ist?

"Die Reise-Branche wird sich extrem verändern"

Heiko Geisen deutet auf das "Closed"-Schild an seinem Laden in der Wächtersbacher Straße in Frankfurt
Heiko Geisen deutet auf das "Closed"-Schild an seinem Laden in der Wächtersbacher Straße in Frankfurt  © privat

TAG24: Wovor hast Du als Unternehmer mehr Angst: vor dem Virus an sich oder vor den wirtschaftlichen Folgen?

Heiko Geisen: Ganz klar vor den wirtschaftlichen Folgen. Ich bin in einem Alter, da sollte ich das Virus verknusen können. Die wirtschaftlichen Folgen werden aber brutal sein. Und nicht nur für unsere Branche, die es jetzt aktuell ja direkt trifft. Die Reise-Branche ist mit am stärksten betroffen und wird auch verdammt lange brauchen, um sich wieder zu erholen.

Es weiß kein Mensch, welche Länder wie von dem Virus betroffen sein werden und wann man sie wieder besuchen kann. Wir haben jetzt zum Beispiel die Planung für eine Reise nach Polynesien im September.

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Es sind jetzt von uns auch schon an den Anbieter Zahlungen geflossen. Es weiß aber niemand, ob die Reise dann überhaupt stattfinden kann. Noch ist Polynesien okay, aber keiner weiß, wie das im September aussieht. Können die Flüge stattfinden? Welche Airlines gehen noch kaputt bis dahin?

Viele Zielgebiete können im Augenblick gar nicht angeboten werden. Generell muss man jetzt einfach sagen, die Reise-Branche wird sich extrem verändern. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Es gehen genug Unternehmen kaputt: Reiseanbieter, Hotels, Clubs, die Airlines, Flughafenbetreiber, von den Reisebüros mal ganz abgesehen. Und das hat dann eben alles Folgen auch für uns.

TAG24: Der Staat bewilligt gerade finanzielle Mittel für Unternehmen, die durch die Corona-Krise in Schwierigkeiten geraten sind. Wie sieht das bei Dir aus?  

Ganz so einfach ist das nicht. Was bisher passiert ist: Die Kurzarbeitergeld-Anmeldung wurde beschleunigt. Das war auch das erste, was wir gemacht haben, denn der Laden ist ja zu.

Dann stehen wir natürlich in Kontakt mit dem Finanzamt wegen einer Stundung der Umsatzsteuer-Zahlung. Die angekündigten Darlehens-Geschichten sehen allerdings schöner aus, als sie sind. Es geht um KfW-Darlehen, die gab es bisher ja auch schon.

Der Unterschied ist nur der, dass es statt einer 60-prozentigen Absicherung durch den Staat nun eine 80-prozentige gibt, was die Haftung angeht. Die Bank muss also nur noch für 20 Prozent eintreten, will dafür aber natürlich eine Sicherheit haben, die Du dann als Darlehens-Nehmer als Gegenleistung bringen musst. Also Haus, Wohnung, Bürgschaften … 

"Jetzt startet die Saison. Die Lager sind voll"

TAG24: Wie ist denn ganz konkret deine aktuelle Situation? Musst Du zum Beispiel Miete bezahlen?

Das mit der Miete sind wir gerade am klären. Zu den weiteren Sofortmaßnahmen kommen dann noch Versicherungen, Darlehens-Tilgungen und Krankenkassen. Wir klappern also gerade alle Kostenstellen ab und versuchen, uns da irgendwie mit denen zu arrangieren.

Auch mit den Lieferanten sind wir im Gespräch, ob wir Kosten für gelieferte Waren aufteilen können. Da sind alle im Moment tatsächlich sehr solidarisch, das muss man ganz ehrlich sagen. Wir versuchen also in allen Bereichen die Kosten möglichst schnell zu senken.

Und was die Darlehen angeht: Da sind jetzt die Anträge verfügbar und wir haben auch schon die nötigen Papiere vorbereitet, darunter Liquiditäts-Pläne und eine Einschätzung, wie es weitergehen soll. Darüber musste dann aber selbst meine Bankerin lachen. Wie soll ich denn im Moment einen Business-Plan erstellen? Woran soll ich den denn bemessen?

TAG24: Welche Möglichkeiten nutzt Du denn gerade außerdem, um Geld einzunehmen?

Unsere Voucher-Aktion für die Zeit nach Corona läuft jetzt an und wird online gestellt. Das heißt, da kann jetzt jeder einen Gutschein kaufen und der ist dann 20 Prozent mehr wert.

Dann pushen wir das Thema Service. Wir rufen auf: Hey Leute, jetzt könnt ihr gerade nicht Tauchen gehen, deshalb schickt uns Eure Geräte zur Reparatur oder zum Check. Das können wir machen, unser Techniker arbeitet.

Und ansonsten bleibt dann noch der Versand von Waren. Ich bin ja alleine hier und kann im Prinzip tagtäglich Päckchen packen. Aber natürlich sitzt Du gerade mehr oder weniger auf dem Zeug. Das ein oder andere geht mal raus, aber lange nicht in dem Volumen, wie wir das normalerweise jetzt hätten.

Wir haben März. Da startet die Tauch-Saison. Dementsprechend sind die Lager voll. Deswegen hat jetzt auch der erste Lieferant gesagt, wenn ihr auf der Ware sitzt, schickt sie zurück. Dadurch können wir offene Posten reduzieren.

TAG24: Wie verfährst Du mit deinen drei Mitarbeitern?

Wir haben sie für die Kurzarbeit angemeldet. Der Laden hat ja zu. Ich bin der Letzte hier im Laden, halte die Stellung und versuche mich nun eben auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten, die dann hoffentlich bald kommt. Sonst arbeitet nur noch unser Techniker, der macht das aber freiberuflich.

Die Läden und Lager sind voll mit Ware. Eigentlich würde jetzt die Tauch-Saison beginnen.
Die Läden und Lager sind voll mit Ware. Eigentlich würde jetzt die Tauch-Saison beginnen.  © privat

"Meine Freunde unterstützen mich toll, da habe ich fast Pippi in die Augen gekriegt"

TAG24: Woher bekommst Du sonst noch Hilfe?

Ich muss schon sagen, dass mich meine Freunde toll unterstützen. Da habe ich fast Pippi in die Augen gekriegt. Ich hatte einfach nur mal in der Runde fallen gelassen: Die Situation ist gerade blöd. Ich könnte Umsatz gebrauchen. Wenn Ihr jemanden kennt, der Tauchzeug braucht: Ich mache jetzt gerade richtig gute Preise. Wenn ich auf der Ware sitze, dann ist auch nichts gewonnen, deshalb haue ich sie lieber raus.

Und dann kam halt gleich ein Mega-Feedback aus dem Freundeskreis und einige haben sich jetzt schon für Tauchkurse nach der Krise angemeldet und brauchen natürlich auch Equipment. Andere Freunde haben mir Kontakte vermittelt, die nun ebenfalls bei mir Ware ordern.

Und es gab einen Facebook-Post eines Freundes, der mittlerweile vielfach geteilt wurde und meine Situation sehr realistisch darstellt. Denn natürlich kämpfe ich wie viele andere Einzelhändler auch um meine Existenz. Und je nachdem, wie lange die Krise dauert, wird das einige in die Insolvenz treiben. Da brauchen wir uns nichts vormachen.

Ob das jetzt ein Tauchladen, ein Elektroladen oder ein Schuhgeschäft ist oder wie auch immer: Wir haben alle das gleiche Problem. Und bei mir kommt eben noch dazu, dass die Nachfrage einfach gerade nicht da ist. Die Leute kaufen zwar Klopapier, aber keiner denkt darüber nach, ob er nicht demnächst einen neuen Schnorchel braucht.

TAG24: Die Tauch-Saison läuft jetzt an. Gibt es für Hobby-Taucher und solche, die es werden wollen, überhaupt gerade eine Möglichkeit, ihrem Sport nachzugehen?

Wir werden unsere Kurse sofort wieder anbieten, sobald wir es dürfen. Von daher kann derjenige, der plant, einen Kurs zu besuchen und es sich leisten kann, jetzt schon wirklich günstig dafür einkaufen. Und natürlich kann man auch die Voucher für Tauchkurse einsetzen. Ansonsten haben Taucher im Moment eigentlich keine Möglichkeiten, ihr Hobby zu pflegen.

TAG24: Und nach der Krise? Also wenn wir uns in Deutschland wieder frei bewegen dürfen, heißt das ja noch lange nicht, dass man ohne Probleme wieder beliebte Tauchgebiete wie die Malediven oder Ägypten anfliegen kann. Wie willst Du darauf reagieren?

Wir werden verstärkt Tauchreisen in Deutschland anbieten. Wir haben zum Beispiel bereits zwei weitere Tour-Anfragen runter an den Bodensee geschickt. Genau das wollen wir ausbauen. Auch weil ich nicht damit rechne, dass sich die Reise-Branche in nächster Zeit erholt. Alleine schon wegen der Angst der Leute, dass so etwas wie jetzt noch einmal passiert und sie dann irgendwo festhängen.

Deshalb werden wir dann natürlich auch unsere Veranstaltungen hier vor Ort pushen - mehr Events, mehr Kurse, mehr Kurz-Trips fürs Wochenende. Wir können zwar nicht abdecken, was wir jetzt schon hier an Schaden haben. Aber wir müssen versuchen, so viel hereinzuholen, dass wir zumindest den Rest des Jahres überstehen können.

Heiko, vielen Dank für das Gespräch!

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Titelfoto: privat

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