Abschied vom Wolkenfoyer: Frankfurts "kulturelles Herz" wird abgerissen

Frankfurt am Main - Für die einen ist es eine marode Kiste mit Blechbüchsen, für die anderen das Symbol einer offenen Gesellschaft. Die einen beklagen die anrückende Abrissbirne, die anderen sehnen den Neubau herbei. Klar ist: Das gläserne Doppelgebäude am Willy-Brandt-Platz in Frankfurt, das seit den 1960er Jahren Schauspiel und Oper beherbergt, ist Geschichte, auch wenn noch nicht entschieden ist, wann wo welche Neubauten an ihre Stelle treten.

Das Foyer von Schauspiel (l) und Oper prägt das Gesicht des Willy-Brandt-Platzes in Frankfurt.
Das Foyer von Schauspiel (l) und Oper prägt das Gesicht des Willy-Brandt-Platzes in Frankfurt.  © DPA/Arne Dedert

Das Herz vieler Frankfurter hängt an diesem Gebäude - auch das der beiden Intendanten.

"Für viele Opernfreunde bedeutet ein Abriss einen fast physischen Schmerz", glaubt Intendant Bernd Loebe, der als gebürtiger Frankfurter hier seine ersten Opern sah.

Er erinnert sich an "grandiose Künstler, unvergessliche Inszenierungen", nahm aber auch Kritik "an dieser Zigarrenkiste wahr und an den Blechbüchsen im Foyer-Himmel".

Das alte Haus behalten will er aber nicht. "In jedem Ende verbirgt sich ein Anfang und wir sollten auch mit Vorfreude den Entscheidungen begegnen. Vielleicht entsteht etwas Fantastisches?"

Schauspiel-Intendant Anselm Weber sieht in der Theater-Doppelanlage "zweifelsohne eine große historische Besonderheit: In ihrer Architektur repräsentiert sie das Sinnbild unseres modernen Demokratie-Verständnisses der 60er Jahre."

Weber hofft, dass auch der Neubau, egal wo er entsteht, "genauso sinnführend" ist: "Wichtige Stichworte sind dabei Ökologie, Nachhaltigkeit und Inklusion."

"Es fällt sicherlich vielen schwer, sich von diesem Gebäude zu trennen", sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig

Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig.
Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig.  © dpa/Boris Rössler

"Es fällt sicherlich vielen schwer, sich von diesem Gebäude zu trennen", sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), als sie im Januar den Bericht der Stabsstelle vorstellte, der den Grabstein auf das derzeitige Gebäude setzte: Eine Sanierung käme selbst in der sparsamsten Version teuerer, als neu zu bauen, so das zentrale Ergebnis.

"Das kulturelle Herz der Stadt schlägt am Willy-Brandt-Platz", sagte Hartwig. Dennoch könne sie eine Sanierung nicht empfehlen - das sei wirtschaftlich nicht vertretbar. Am 31. Januar beschloss die Stadtverordnetenversammlung den Abriss.

Kritik an der Entscheidung kam eher von außerhalb. Unter dem Titel "Hört endlich auf mit dem Abrisswahn!" warb die "Süddeutsche Zeitung" für den Erhalt des Gebäudes.

"Jetzt schwingt sie wieder, die Frankfurter Abrissbirne. Kaum eine Stadt dürfte bei lästig gewordenen Gebäuden so häufig den Abbruch ordern wie die Metropole am Main. (...) Aber man kann viele Gründe dagegen nennen." Die Städtischen Bühnen seien "einer der letzten offenen Orte im durchkapitalisierten Zentrum der Bankenstadt".

Die "Frankfurter Rundschau" konterte, die Fassade werde "überschätzt (oder verklärt)", gesteht aber zu: "Am damaligen Theaterplatz, dem heutigen Willy-Brandt-Platz, wurde die Aufbruchstimmung der Nachkriegsdemokratie mit breiten Fensterfronten und gläsernem Hochfoyer jedem Bürger und jeder Bürgerin vor Augen gestellt."

Oper und Schauspielhaus stünden bis heute für Aufbruch und Demokratie, "auch wenn es mit der Transparenz der Glasfront wahrhaftig nicht ganz so weit her ist".

"Da ist nicht viel, was wirklich schützenswert ist", sagt auch der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal. So schön die Glasfront mit den schwebenden goldenen Wolken dahinter auch sei - den drei anderen Gebäudeseiten trauert er nicht nach und auch das Erdgeschoss "kommuniziert nicht", wie er sagt. Innen sei das Gebäude marode und "nicht zu retten", ein Neubau die richtige Entscheidung.

Was passiert, wenn das Gebäude abgerissen ist? Darüber sind sich die Parteien im Römer uneins.
Was passiert, wenn das Gebäude abgerissen ist? Darüber sind sich die Parteien im Römer uneins.  © DPA/Arne Dedert

Den Abriss sieht Cachola Schmal als Chance, den Platz aufzuwerten. Er schlägt vor, den Eingang auf die rechte Gebäudeseite zu verlegen, Richtung Hauptbahnhof.

"Der Theaterneubau sollte sich der vergrößerten Grünanlage zuwenden und zum Beispiel mit einem Café eine Verbindung zwischen Innen und Außen herstellen." Der Willy-Brandt-Platz könnte zur ehemaligen Europäischen Zentralbank hin den Verkehr bündeln, die Seite zum Grünen hin hätte mehr Aufenthalts-Qualität.

Bisher ist allerdings nur der Abriss des bisherigen Gebäudes beschlossen - über den oder die Neubauten sind die Parteien im Römer uneins.

SPD und Grüne wollen zumindest eine der beiden Bühnen auf dem Willy-Brandt-Platz neu errichten, die andere soll anderswo in der Innenstadt entstehen. Die CDU würde lieber beide Sparten gemeinsam neu bauen und hat dafür ein Grundstück am Osthafen vorgeschlagen. Mitte April will die Stabsstelle mögliche Baugrundstücke in der Innenstadt vorschlagen.

"Der Bevölkerung wäre es lieber, wenn beide Bühnen in der Innenstadt blieben", glaubt Cachola Schmal. Das Grundstück am Willy-Brandt-Platz zu Geld zu machen, "wäre das falsche Symbol".

Dass die Frankfurter am derzeitigen Bau besonders hängen, sieht er nicht. "Was die Menschen lieben, ist die Skulptur", sagt er.

Und die könne man ja auch ausbauen, einlagern und in einen Neubau integrieren. Wobei es bis zum Baubeginn noch Jahre dauern dürfte. Cachola Schmal hofft, dass noch vor der Kommunalwahl im März 2021 eine Entscheidung fällt.

Titelfoto: DPA/Arne Dedert

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