Lübcke-Witwe mit emotionalem Appell an Stefan Ernst

Frankfurt am Main - Im Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke will das Oberlandesgericht Frankfurt am Main an diesem Montag die Frau des Getöteten befragen. 

Die Witwe von Walter Lübcke, Irmgard Braun-Lübcke, im August 2020 im Saal des Frankfurter OLG.
Die Witwe von Walter Lübcke, Irmgard Braun-Lübcke, im August 2020 im Saal des Frankfurter OLG.  © Grimm/Getty Images Europe/Pool/dpa

Die Zeugin ist für 10Uhr geladen. Sie tritt in dem Verfahren gemeinsam mit ihren beiden Söhnen als Nebenklägerin auf. Dem Hauptangeklagten Stephan Ernst wird vorgeworfen, den CDU-Politiker im Juni vergangenen Jahres auf der Terrasse seines Hauses aus rechtsextremistischen Motiven erschossen zu haben. 

Ob der Zeitplan des Gerichts eingehalten werden kann, hängt noch vom Ergebnis eines Corona-Tests ab, dem sich einer der Richter unterziehen musste.

Deshalb war der Prozess am Donnerstagmittag unterbrochen und auf Montag vertagt worden. 

Ein Mitglied des Staatsschutzsenats des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main habe vergangenes Wochenende Kontakt zu einer Person gehabt, die inzwischen Krankheitssymptome zeige und positiv auf das Coronavirus getestet worden sei, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel. 

Sachverständiger wird vernommen

Der Kontakt habe unter Einhaltung der Abstandsregeln an frischer Luft stattgefunden. Deshalb hatte sich der Senatsvorsitzende optimistisch gezeigt, dass am Montag weiter verhandelt werden könne.

In dem Verfahren steht zudem weiter die Frage im Raum, inwieweit der wegen Beihilfe mitangeklagte Markus H. in die Tat eingebunden war. Hinweise dazu erhoffen sich die Richter unter anderem von einem Sachverständigen, der dessen Computer ausgewertet hat. 

Vernommen werden sollen zudem ein Sachverständiger für Waffen und ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung Kassel.

Update, 10.51 Uhr: Nebenklage will Handakte des Ex-Verteidigers beschlagnahmen lassen

Im Prozess um den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ging es am Montag einmal mehr um mögliches Erkenntnisse des früheren Verteidigers des Hauptangeklagten Stephan Ernst. Dieser hatte die Aufhebung des Haftbefehls für den wegen Beihilfe angeklagten Markus H. in einer Email an den Sprecher der Familie Lübcke als Fehlentscheidung bezeichnet. 

Der Anwalt der als Nebenkläger auftretenden Familie beantragte am Montag zu Beginn der Verhandlung vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt die Beschlagnahme der Handakte des früheren Anwalts, um Passagen auszuwerten, zu denen Ernst seinen Ex-Verteidiger Frank Hannig von der Schweigepflicht entbunden hatte. Sowohl die Bundesanwaltschaft als auch Ernsts Verteidiger unterstützten den Antrag.

Markus H. war im Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen worden, da das Gericht angesichts der verschiedenen Aussagen von Ernst über eine angebliche Anwesenheit von H. am Tatort Zweifel an der Richtigkeit der Schilderungen erkennen ließ. Polizisten, die den Tatort untersucht hatten, hatten weder DNA-Spuren noch sonstige Hinweise auf eine Anwesenheit von H. beweisen konnten. 

In dem Prozess ist er weiterhin wegen Beihilfe angeklagt. Er soll Ernst politisch beeinflusst haben. Die Anklage geht von einem rechtsextremistischen Motiv des Mordes an Lübcke aus.

Update, 12.41 Uhr: Lübcke-Witwe "will die volle Wahrheit"

Irmgard Braun-Lübcke, Ehefrau des ermordeten Walter Lübcke, betritt mit ihren Söhnen Jan-Hendrik (M) und Christoph Lübcke den Gerichtssaal.
Irmgard Braun-Lübcke, Ehefrau des ermordeten Walter Lübcke, betritt mit ihren Söhnen Jan-Hendrik (M) und Christoph Lübcke den Gerichtssaal.  © Ronald Wittek/epa/Pool/dpa

Mit einem emotionalen Appell und unter Tränen hat die Witwe des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke den mutmaßlichen Täter aufgefordert, die noch verbleibenden Fragen der Hinterbliebenen zu beantworten. 

"Ich will die volle Wahrheit", betonte Irmgard Braun-Lübcke am Ende ihrer Zeugenaussage vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt. Dies könne der Familie "vielleicht helfen, alles etwas besser zu verarbeiten. «Wir brauchen das, das ist ganz wichtig", sagte sie.

Der wegen des Mordes an dem CDU-Politiker angeklagte Stephan Ernst, der zunächst jeden Blickkontakt vermieden hatte, wischte sich wiederholt die Augen. "Es tut mir leid, es tut mir unendlich leid", sagte er mit brechender Stimme und sah der ehemaligen Lehrerin dabei ins Gesicht.

Der 47 Jahre alte Deutsche wird in dem Prozess beschuldigt, Lübcke aus rechtsextremistischen Motiven im Juni 2019 auf der Terrasse von dessen Wohnhaus erschossen zu haben. Außerdem ist sein ehemaliger Arbeitskollege Markus H. wegen Beihilfe angeklagt. 

Er soll Ernst politisch beeinflusst haben. Dass H., der im Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, sich in dem Verfahren "nicht mit einer Silbe äußert", sei sehr verletzend, sagte Braun-Lübcke.

Titelfoto: Grimm/Getty Images Europe/Pool/dpa

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