Mit Kreativität gegen die Krise: Apotheker helfen im Ausnahmezustand

Hamburg - "Wir sind ausverkauft". Es sind Worte, die besonders schwer wiegen, als Doris Lüdke sie ausspricht. Denn die 58-Jährige steht nicht etwa in einem Supermarkt, in dem Kunden für fehlendes Klopapier oder Handseife sensibilisiert werden müssen.

Doris Lüdke steht in ihrer Apotheke.
Doris Lüdke steht in ihrer Apotheke.  © Georg Wendt/dpa

Doris Lüdke leitet die Oberdörffers-Apotheke, die älteste Apotheke in der Hansestadt. Und in Zeiten des Coronavirus muss sie um die Versorgung ihrer Kunden so hart kämpfen wie nie zuvor.

Die ältere Dame, die sich gerade im Verkaufsraum der Traditionsapotheke nach Atemmasken erkundigt, ist nur eine von vielen, die an diesem Tag mit leeren Händen nach Hause geschickt werden. 

"Wir haben schon Ende Januar das aufgekauft, was die Großhändler an Mengen hergegeben haben", sagt Lüdke. Der Bestand habe jedoch nicht lange gehalten. 

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Später hätten sie und ihr Team dann versucht, Restbestände an Mundschutz und Desinfektionsmittel im Internet zu bestellen - mit mäßigem Erfolg.

Zwar stellt Lüdke wie viele andere Apotheker in dieser Zeit auch eigenes Desinfektionsmittel her. Um Ressourcen zu schonen, beschränke sie die Ausgabe jedoch zurzeit noch auf Risiko- und Bedarfskunden wie Diabetiker, Chemotherapie-Patienten, Arztpraxen oder Pflegekräfte.

Doch nicht nur Atemmasken und Desinfektionsmittel, auch diverse Standardarzneimittel wie etwa Paracetamol seien nur noch begrenzt verfügbar, selbst als Zäpfchen oder Saft, wie sie in der Regel für die Behandlung von Kindern und Säuglingen benötigt werden. 

"Kleinkinder mit Fieber sind dadurch jetzt besonders gefährdet", sagt Rogia Walizadah (27), die in der Apotheke als Pharmazeutisch-technische Assistentin arbeitet.

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Apotheken kämpfen seit Jahren mit Engpässen bei Medikamenten

Sie betreibt Hamburgs älteste Apotheke, die sich an der Hoheluftchaussee befindet.
Sie betreibt Hamburgs älteste Apotheke, die sich an der Hoheluftchaussee befindet.  © Georg Wendt/dpa

Betrübt zieht die junge Frau dabei eine der Schubladen auf, in der die letzten drei Flaschen Paracetamolsaft für Notfälle gelagert werden. Auch Mittel zur Blutdrucksenkung, Antidepressiva oder Schilddrüsenmedikation, die in einem Regal wie kostbare Raritäten aufgereiht stehen, sind immer schwerer zu bekommen. 

Das sei jedoch nicht erst seit Beginn der Corona-Krise der Fall, sondern schon lange vorher ein bekanntes Problem gewesen.

Diese Einschätzung teilt auch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. "Tatsächlich haben Apotheken in Deutschland schon seit mehr als drei Jahren mit starken Engpässen bei Arzneimitteln zu kämpfen, darunter auch bei den 'Kassenschlagern'", sagt Pressesprecher Reiner Kern. 

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Grund dafür seien unter anderem die strengen Rabattverträge mit Pharmaunternehmen, welche die Apotheker im Verkauf stark regulieren würden.

"Wir setzen mit dieser Krise also auf eine Situation auf, die schon vorher alles andere als optimal war", erklärt der Experte. 

Die Vertragsregeln seien erst Ende März außer Kraft gesetzt worden, um den Apotheken in der Krisenzeit mehr Spielraum zu gewähren. Trotzdem ist es den Apothekern nach wie vor nicht gestattet, von verschriebenen Packungsgröße abzuweichen.

Von solchen Missständen will sich Doris Lüdke nicht entmutigen lassen. Ihren Mut schöpft sie vor allem aus den Erfahrungen ihrer Vergangenheit. "Ich habe schon in der DDR als Apothekerin gearbeitet, ich bin Engpässe also gewohnt", sagt sie lachend. 

Diese Zeit habe sie gelernt, dass man in Zeiten der Not flexibel sein muss, um zu überstehen. Dafür sei es notwendig gewesen, dass ihre Mitarbeiter alle an einem Strang ziehen und mit viel Kreativität nach Alternativlösungen suchen.

Eltern nähen Schutzmasken

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Rogia Walizadah (links) und Sahar Jamschidi trägt Doris Lüdke einen Mundschutz während der Arbeit.
Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Rogia Walizadah (links) und Sahar Jamschidi trägt Doris Lüdke einen Mundschutz während der Arbeit.  © Georg Wendt/dpa

Seitdem tragen ihre Mitarbeiter Brillen mit Kunststoffgläsern, um die Bindehaut zu schützen. Zusätzlichen Schutz bieten Plexiglasscheiben an den Bedienplätzen. Statt Desinfektionsmittel werden alkoholische Tupfer angeboten, mit denen im Notfall die Handflächen gereinigt werden können. 

Und die Mütter ihrer beiden Mitarbeiterinnen nähen Schutzmasken, die dann verkauft werden können. "Es gibt natürlich auch hier eine Warteliste, aber die Kunden freuen sich sehr über das Angebot", sagt sie.

Vor allem in der Krisenzeit will Lüdke so zeigen, dass der Apothekerberuf weit über den Verkauf von Medikamenten hinausgeht. "Apotheker zu sein bedeutet in erster Linie, für die Menschen da zu sein, ihre Probleme zu verstehen, sie zu beraten und Lösungen zu finden", sagt sie. 

Schließlich seien Apotheken die erste Anlaufstelle, wenn Arztpraxen nicht besetzt sind oder medizinische Hotlines nicht erreicht werden können.

Diese "Lotsenfunktion" nutze sie zurzeit vor allem, um ihre älteren Kunden auf die Gefahren des Virus aufmerksam zu machen. "Wir beobachten leider, dass viele ältere Menschen immer noch sehr viel draußen unterwegs sind, auch ohne triftigen Grund", sagt sie. "Viele haben den Ernst der Lage wohl noch nicht erkannt". 

Bei jeder Gelegenheit versuche sie daher, den Menschen die Notwendigkeit der "Heimquarantäne" in Erinnerung zu rufen.

So auch bei einem ihrer Stammkunden, der wenig später zaghaft die Apotheke betritt - und sich wie so viele vor ihm auch nach Atemschutzmasken erkundigen möchte. Auf die Absage reagiert er mit Humor. "Schade! Ich wollte eigentlich heute noch eine Bank überfallen", ruft er lachend, ehe er den Verkaufsraum verlässt.

Titelfoto: Georg Wendt/dpa

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