Tägliche Tötungsaufrufe auf Telegram: Deshalb greift die Polizei nicht ein

Hamburg - Nach Recherchen des funk-Journalisten Jan-Henrik Wiebe werden seit Mitte November tagtäglich Tötungsaufrufe auf Telegram formuliert. Besonders Politiker, Wissenschaftler und Journalisten seien betroffen. Die Morddrohungen aus der Querdenker-Szene scheinen keine Einzelfälle zu sein.

Tötungsaufrufe aus der Querdenker-Szene scheinen keine Einzelfälle zu sein. (Symbolbild)
Tötungsaufrufe aus der Querdenker-Szene scheinen keine Einzelfälle zu sein. (Symbolbild)  © Unsplash/Christian Wiediger

Vermutlich verbergen sich hinter den hasserfüllten Gewaltaufrufen "einfach gestrickte Menschen, die nicht darüber nachdenken, was sie dort schreiben", so Wiebe. Es seien eher ältere Mitbürger, die sich der Öffentlichkeit nicht bewusst seien.

Durch die Anonymität auf Telegram - Nutzer schützen sich teilweise mit erdachten Profilen - lassen sich die Verfasser oft nur schwer ausfindig machen. Telegram selbst lässt sich nicht vollständig scannen.

Aber: "In den untersuchten Chaträumen konnten mehr als 250 Tötungsaufrufe gefunden werden", schreibt der Journalist.

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"Nach dem 16. November gab es keinen Tag mehr ohne Tötungsfantasien in den untersuchten Kanälen", so Wiebe weiter. Etwa im gleichen Zeitraum habe die Debatte um die Impfpflicht begonnen. Impfgegner scheinen sich zunehmend zu radikalisieren.

Dass es sich dabei "nur" um "Wutbürger" handelt, die sich so ein wenig "Luft" machen wollen, glaubt Politikwissenschaftler Josef Holnburger vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) nicht.

Er hält sie sogar für gefährlich. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt er: "Menschen mit einem verschwörungsideologischen Weltbild sind eher gewillt, Gewalt einzusetzen - das wissen wir aus der bisherigen Forschung dazu, und zwar schon seit einigen Jahren."

Gefährliche Hetze auf Telegram.
Gefährliche Hetze auf Telegram.  © Screenshot

Polizei hat Telegram nicht im Visier

Aufruf zum Mord auf Telegram: "Ich möchte ihn so gerne hängen sehen."
Aufruf zum Mord auf Telegram: "Ich möchte ihn so gerne hängen sehen."  © Screenshot

Fast nirgendwo sonst als auf Telegram lassen sich ungestraft Lügen, Hetze und Bedrohungen verbreiten.

Als öffentlichen Raum hat der Verfassungsschutz den Dienst bislang nicht angesehen. Die Polizei hat Telegram nicht im Visier. Ermittlungen würden erst bei Meldungen aufgenommen.

Konsequenzen gibt es für die Hassbotschaften-Verfasser kaum. Klar, es gehört zum Geschäftsmodell der App, dass Telegram "viel zulässt", was die Kommunikationsplattform für Nutzer so attraktiv macht.

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Aber nicht nur das Unvermögen der Ermittler ist schuld an der Misere. Telegram selbst lässt sich nicht in die Karten schauen, verweigere die Zusammenarbeit mit Behörden.

Nur mit Druck der Bundesregierung auf die App-Stores Google und Apple, die damit drohen können, den Dienst zu sperren, wenn dieser nicht auf Mordaufrufe reagiert, greife Telegram ein und lösche bestimmte Gruppen.

Aber eher selten. Das seien Einzelfälle, so Wiebe.

Titelfoto: Unsplash/Christian Wiediger, Screenshot

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