Friseure fühlen sich in der Coronakrise im Stich gelassen: "Wer schützt uns?"

Hamburg/Norderstedt - Der Salon Chrisbys in Norderstedt bei Hamburg ist seit Freitag geschlossen. Gaby Wulff hat sich an die Handwerkskammer, die Innung der Friseure und auch an die Pressestelle von Kanzlerin Angela Merkel gewandt. 

Gaby Wulff hat ihren Mund während des Haarewaschens der Kundin verdeckt.
Gaby Wulff hat ihren Mund während des Haarewaschens der Kundin verdeckt.  © Markus Scholz/dpa

In einem Brief fordert die selbstständige Friseurmeisterin wegen der Corona-Gefahr die unverzügliche Schließung der Betriebe und eine finanzielle Hilfe. 

"Wir sollen einen Zwei-Meter-Abstand zwischen den Kunden gewährleisten, aber wer schützt uns?", fragt die 60 Jahre alte Hamburgerin, die sogar schon mit einem Schal ums Gesicht die Kundinnen bediente.

Sie habe am Freitag eine Antwort aus dem Kanzleramt bekommen, berichtet Wulff: "Der Friseur-Besuch gehört zur Grundversorgung, heißt es darin." Und empört sich: "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der verwahrlost, weil er seinen Friseur nicht aufsuchen kann." 

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Gemeinsam mit ihren Kolleginnen hat sie beschlossen, ins wirtschaftliche Risiko zu gehen. "Ich habe null Einkommen, aber ich verlasse mich auf den Staat. Wer so vollmundig Hilfe verspricht, da muss nun auch etwas bei herauskommen."

Bisher gibt es keine rechtlichen Regelungen für den Berufsstand, der auch inmitten der Corona-Pandemie weiter werkeln soll. 

Obermeister Birger Kentzler von der Hamburger Innung hält seinen Betrieb in Bahrenfeld offen. "Ja natürlich, uns bleibt nichts anderes übrig", sagt er und rechnet vor, dass es allein in der Hansestadt mit 1430 Salons, durchschnittlich drei Mitarbeitern und fünf Kunden am Tag (in schlechten Zeiten) schon zu insgesamt 25.050 Kontakten komme.

Haare und Bärte sind mikrobiologisches Eldorado

Beim Haare schneiden kommen die Friseure den Kunden deutlich näher als es der Mindestabstand derzeit erlaubt.
Beim Haare schneiden kommen die Friseure den Kunden deutlich näher als es der Mindestabstand derzeit erlaubt.  © picture alliance/dpa

Die Botschaft von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) an die Branche möchte er lieber nicht kommentieren. 

"Ich will jetzt bei meiner Frisur keine Vorgaben machen. Aber natürlich: Erstmal sind Bärte und Haare ein mikrobiologisches Eldorado, wenn ich das mal so als ehemaliger Labormediziner sagen darf", hatte der Politiker gesagt. Dienstleister seien wichtig, wenn das tägliche Leben aufrecht erhalten werden soll.

"Friseure sind sehr eng am Kunden, wenn einer infiziert ist, steckt er ihn auch an", meint Kentzler, der auf eine einheitliche staatliche Regelung hofft. Bis keine behördliche Anweisung vorliege, gebe es auch keine staatliche finanzielle Unterstützung. "Wir könnten Kurzarbeitergeld beantragen, aber das zu begründen ist nicht ganz leicht", erzählt der Obermeister.

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Auch Geschäfte, die noch öffnen dürfen, müssten mit unter den Corona-Schutzschirm, fordert der Präsident der Handwerkskammer Hamburg, Hjalmar Stemmann: "Auch jene Betriebe, die zurzeit von der aktuellen Allgemeinverfügung ausgeklammert sind, brauchen die Gewissheit, in existenziellen Notlagen finanzielle Mittel aus dem Schutzschirm-Programm zu erhalten."

Bis dahin zählt für Britta König jeder Euro, den sie noch in ihrem Coiffeur-Salon in Hamburg-Alsterdorf einnimmt. Sie berichtet von solidarischen Stammkunden, die wegen der Ansteckungsgefahr zwar absagen, aber die Ausfallkosten überweisen wollen. "Das finde ich ganz toll." 

Ausgangssperre könnte Lösung sein

Der Blumenladen nebenan sei mit Polizeipräsenz geschlossen worden, das Fingernagelstudio allerdings noch offen. "Da sitzt man doch viel dichter dran", wundert sich die Chefin des kleinen Königskinder-Teams.

Sie schließt noch nicht, weil sie sich auch verantwortlich für ihre Angestellten fühlt und den Ausfall nicht abfedern kann. Kreativ hat sie sich ein Arbeitszeitkonto einfallen lassen: "Im Moment arbeiten meine Teilzeitkräfte nur zwei Stunden am Tag. Wenn die Krise vorbei ist, müssen sie das einfach nachholen." 

Kurzfristig hofft sie auf eine Ausgangssperre, denn dann müsse sie nicht mehr entscheiden, ob sie weiterarbeitet. Langfristig treibt sie die Angst um, dass die kleinen Geschäfte sterben werden. "Ein, zwei Monate kann man überbrücken, aber nicht ein halbes Jahr", betont König.

Titelfoto: Markus Scholz/dpa

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