Dritter Tag im Halle-Prozess: Stephan Balliet hätte auch auf Kinder geschossen

Magdeburg - An den ersten beiden Verhandlungstagen drehte sich alles um den Angeklagten - am dritten Tag sollen im Halle-Prozess nun erste Zeugen zu Wort kommen.

Der angeklagte Stephan Balliet (28) muss sich am Dienstag wieder vor Gericht verantworten.
Der angeklagte Stephan Balliet (28) muss sich am Dienstag wieder vor Gericht verantworten.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Zunächst sollen am Dienstag Ermittlungsbeamte vor Gericht gehört werden, sagte Gerichtssprecher Henning Haberland. Außerdem soll ein zweites Video der Tat gesichtet werden. 

Am zweiten Prozesstag am vorigen Mittwoch hatte das Gericht bereits das Video in Augenschein genommen, das der Angeklagte bei der Tat mit einem an seinem Helm befestigten Handy aufgenommen hatte (TAG24 berichtete).

Am Dienstag soll nun ein Video gezeigt werden, das eine an der Brust des Angeklagten befestigte Kamera aufgezeichnet hat.

Der Angeklagte, der Sachsen-Anhalter Stephan Balliet, hatte zu Prozessbeginn eingeräumt, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, in der Synagoge von Halle ein Massaker anzurichten. Er gelang jedoch nicht in das Gebäude.

Daraufhin erschoss er vor der Synagoge eine zufällig vorbeikommende 40-Jährige und später einen 20-Jährigen in einem Dönerimbiss.

Das Gericht hat zunächst 18 Verhandlungstage bis Mitte Oktober angesetzt. In der 121-seitigen Anklageschrift lastet die Bundesanwaltschaft dem Angeklagten 13 Straftaten an, darunter Mord und versuchten Mord. 45 Betroffene haben sich der Klage als Nebenkläger angeschlossen, zwei von ihnen erst zu Beginn der Verhandlung. 

Im Falle einer Verurteilung drohen dem Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

UPDATE, 17.05 Uhr: Eltern des Angeklagten werden am Mittwoch vor Gericht erwartet

Nachdem zunächst der Ablauf des rechtsterroristischen Anschlags im Mittelpunkt stand, widmete sich der Prozess am dritten Tag nun den Details und Hintergründen.

Mehrere Anwälte der Nebenklage hatten am heutigen Dienstag Zweifel an der Darstellung des Angeklagten geäußert, sich ohne Wissen seines Umfelds radikalisiert zu haben. Diese hatten außerdem ehemalige Mitschüler und Bekannte, die dem Angeklagten rassistische Äußerungen zuschrieben, zitiert.

Das Gericht verlas zudem einen Brief, den die Mutter des Angeklagten vor einem Selbstmordversuch an ihre Tochter geschrieben haben soll. Darin gibt sie der Gesellschaft und dem Staat die Schuld an der Tat ihres Sohnes und äußert ähnliche antisemitische Verschwörungstheorien, wie ihr Sohn vor Gericht.

Der Angeklagte hatte stets beteuert, dass seine Familie nichts mit der Tat zu tun habe und auch nichts von seinen Plänen gewusst habe. Bei der Verlesung des Briefes starrte der Beschuldigte, der bei Befragungen sonst oft lächelt und lacht, still auf den Tisch vor sich und verschränkte die Arme.

Die Eltern des Mannes werden am Mittwoch vor Gericht erwartet, wollen dem Vernehmen nach aber nicht aussagen.

UPDATE, 14.50 Uhr: Betroffener befragt den Angeklagten selbst

Der Prozess findet nach wie vor unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt.
Der Prozess findet nach wie vor unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt.  © Christian Grube

Erstmals hat nun ein Betroffener selbst das Wort ergriffen. Der US-Amerikaner Ezra Waxman, der während des Anschlags in der Synagoge in Halle war und als Nebenkläger auftritt, stellte dem Angeklagten am Dienstag mehrere Fragen. Waxman konfrontierte den Angeklagten mit den antisemitischen Vorurteilen, die der 28-Jährige immer wieder vor Gericht ausbreitete.

Waxman wollte wissen, wie diese Klischees auf ihn persönlich zutreffen würden. Der Angeklagte Stephan Balliet antwortete, es handele sich eher um generelle, gesellschaftliche Eigenschaften von Juden. Waxman unterbrach den Angeklagten: "Ich frage Sie aber nicht generell, ich frage Sie über mich."

Außerdem fragte der Amerikaner, ob der Angeklagte seine Anschlagspläne auch umgesetzt hätte, wenn er Kinder oder eine Freundin gehabt hätte. Es wäre unwahrscheinlicher gewesen, antwortete der Angeklagte.

Nach der Befragung verlas die Anwältin Waxmans eine Erklärung, in der die antisemitischen, rassistischen und sexistischen Äußerungen des Angeklagten scharf kritisiert werden.

UPDATE, 13.10 Uhr: Nebenkläger bezweifeln Unwissenheit des Täterumfelds

Mehrere Anwälte der Nebenklage bezweifeln, dass sich der Angeklagte, wie er behauptet, allein und ohne Wissen seines Umfelds radikalisiert hat. 

Eine Anwältin zitierte etwa antisemitische Aussagen der Mutter des Angeklagten. In den Ausführungen nimmt die Mutter ihren Sohn außerdem in Schutz. Die zitierten Aussagen deuteten darauf hin, dass die Mutter den gleichen rassistischen Verschwörungstheorien glaubt wie der Angeklagte. Stephan Balliet sagte daraufhin, seine Mutter hätte besagte Aussagen unter dem Einfluss von Alkohol und Tabletten getätigt.

Dieselbe Anwältin verlas ein Zitat der Schwester des Angeklagten. Diese sagte demnach, dass der Angeklagte Ausländer und besonders Juden hasse. Andere Anwälte zitierten ehemalige Mitschüler und Bekannte, die dem Angeklagten ebenfalls rassistische Äußerungen zuschrieben. 

Bisher hatte der Angeklagte stets angegeben, seine Überzeugungen für sich behalten zu haben, unter anderem weil man seiner Meinung nach in Deutschland nicht frei darüber sprechen könne.

UPDATE, 12 Uhr: Der Angeklagte stellt sich den ersten Fragen

Stephan Balliet (28) am dritten Prozesstag.
Stephan Balliet (28) am dritten Prozesstag.  © Christian Grube

Auch am dritten Prozesstag zeigt sich der Angeklagte Stephan Balliet entspannt und scherzt immer wieder mit seinem Rechtsanwalt Rutkowski.

Unter anderem musste er sich der Frage stellen, ob er in der Synagoge denn auch auf Kinder geschossen hätte. "Damit meine Kinder das später nicht machen müssen, also ja", lautete seine kalte Antwort. 

Hätte Stephan Balliet die Menschen aus der Synagoge bewegen können, hätte er sie erschossen.

Den Livestream seiner Tat hatte er nach eigener Aussage gestartet, um die Zuschauer zu unterhalten. 

Sich selbst würde er nicht als Nazi oder Faschisten bezeichnen - stattdessen aber als einen Antisemiten.

Polizisten stehen vor dem Landgericht Magdeburg.
Polizisten stehen vor dem Landgericht Magdeburg.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

UPDATE, 10.38 Uhr: Deutlich geringeres Medieninteresse als zum Auftakt

Mit deutlich geringerem Medieninteresse als zum Auftakt vor einer Woche ist der Prozess zum rechtsterroristischen Anschlag von Halle fortgesetzt worden. Rund ein Drittel der für Medienvertreter reservierten Plätze blieben am Dienstag in Magdeburg zu Verhandlungsbeginn leer. 

An den ersten beiden Prozesstagen war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. 

Titelfoto: Christian Grube

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