Riesiger Mafia-Drogen-Prozess wird wegen Coronavirus vertagt

Düsseldorf - Es ist der Beginn eines Mafia-Mammutprozesses: 14 Männer sollen für die 'Ndrangheta mit Drogen gehandelt haben. Aus Sicherheitsgründen findet das Verfahren in Düsseldorf statt.

Einige der Angeklagten unterhalten sich vor Prozessbeginn von der besonders gesicherten Anklagebank aus durch eine Glasscheibe hindurch mit ihren Anwälten.
Einige der Angeklagten unterhalten sich vor Prozessbeginn von der besonders gesicherten Anklagebank aus durch eine Glasscheibe hindurch mit ihren Anwälten.  © Roland Weihrauch/dpa

Drogen aus Südamerika, die kalabrische Mafia und eine riesige Menge an Ermittlungsakten: Im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf beginnt am Montag (9.15 Uhr) ein komplexer Mammutprozess

Angeklagt wurden 14 Männer, fünf von ihnen sind der Staatsanwaltschaft Duisburg zufolge Mitglieder der 'Ndrangheta, die als mächtigste Mafiaorganisation weltweit gilt und den internationalen Kokainhandel kontrolliert.

649 Seiten umfasst die Anklageschrift, die Staatsanwaltschaft hatte dem Gericht 57 Umzugskartons mit Akten und mehrere Terabyte Daten vorgelegt. 

40 Anwälte verteidigen die Beschuldigten. "Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Verfahren", sagte eine Sprecherin des zuständigen Duisburger Landgerichts, das den Prozess auch aus Sicherheitsgründen in die Landeshauptstadt verlegt hatte.

Unter anderem sollen die 14 Angeklagten (31 bis 57 Jahre) von Januar 2014 bis Dezember 2018 mit rund 680 Kilogramm Kokain gehandelt haben. Dabei sollen mehr als 400 Kilogramm tatsächlich transportiert worden sein, über weitere 280 Kilo seien "konkrete Verhandlungen" geführt worden.

Update, 11.25 Uhr: Prozess wegen Corona-Quarantäne unterbrochen

Der Auftakt des großen Mafia-Prozesses im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf ist wegen der Corona-Quarantäne eines der Beschuldigten unterbrochen worden. Er soll erst am Freitag fortgesetzt werden. Das beschloss die Kammer am Montag. 

Zur Anklageverlesung kam es nicht. Der Prozess solle mit allen Verfahrensbeteiligten stattfinden, so die Kammer. Die Mutter des betroffenen Angeklagten sei erkrankt und positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Kammer sei vom Anwalt des Beschuldigten in der Nacht zum Montag unterrichtet worden, dass dieser am Samstag seine Mutter besucht habe, als noch nicht klar gewesen sei, dass sie infiziert ist.

Update, 10.57 Uhr: Verteidiger spricht von "vager Beweislage"

Vor Beginn des großen Mafia-Prozesses im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf mit 14 Angeklagten hat einer der Verteidiger den Vorwurf der 'Ndrangheta-Mitgliedschaft kritisiert. Mit Blick auf seinen Mandanten, einen Duisburger, sei es eine "sehr vage Beweislage, was diesen Vorwurf betrifft", sagte Anwalt Wolf Bonn am Montag.

Der Vorwurf der Mitgliedschaft in der 'Ndrangheta fuße auf Angaben eines Kronzeugen aus Italien, so Anwalt Bonn. Dieser sei "eine unglaubwürdige Person". Italienische Behörden hätten ihm mittlerweile "die Treue versagt". Die Staatsanwaltschaft habe sich in dem Punkt "vergaloppiert".

Internationale Razzia brachte die Ermittler auf die Spur

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mafia-Mitglieder findet in Düsseldorf statt.
Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mafia-Mitglieder findet in Düsseldorf statt.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Das Verfahren geht auf eine großangelegte internationale Razzia zurück, die einen Schwerpunkt im Rheinland hatte. 

Unter dem Decknamen "Pollino" waren Ermittler Anfang Dezember 2018 in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien gegen Mitglieder 'Ndrangheta vorgegangen. 

Man habe das organisierte Verbrechen schwer getroffen, hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) damals gesagt. 

Von den 14 nun angeklagten Männern stellten die Ermittler auch Vermögen im Wert von mehr als fünf Millionen Euro sicher.

Die 'Ndrangheta hat in Deutschland ein festes Standbein, wobei sie besonders auch in NRW aktiv ist. Clans der Organisation waren etwa für die Mafia-Morde von Duisburg verantwortlich, bei denen 2007 sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Rauschgifthandel in 16 der jetzt angeklagten Fälle durch ‘Ndrangheta-Mitglieder finanziert und organisiert wurde. Dabei sei es in Einzelfällen um Mengen von einem bis zu 220 Kilogramm gegangen.

Der Ankaufspreis habe bei bis zu 36.000 Euro pro Kilo Kokain gelegen. Eingekauft wurde laut Staatsanwaltschaft in Südamerika, der Vertrieb erfolgte in Europa. Restaurants und Eiscafés sollen als logistische Stützpunkte fungiert haben, so die Anklage.

Die 14 Beschuldigten sind italienische, türkische, niederländische, marokkanische, deutsche und portugiesische Staatsangehörige, die größtenteils aus NRW kommen. Gleich vier stammen aus Wesseling bei Bonn, die anderen aus Duisburg, Düsseldorf, Köln, Mönchengladbach, Grevenbroich, Neuss und Solingen. Einer ist in Belgien gemeldet, einer in Italien. Acht der Männer - darunter die mutmaßlichen Mafia-Mitglieder - sitzen in Untersuchungshaft.

Weil die Anklage auch Steuerstraftaten enthält, ist das Verfahren an der Wirtschaftsstrafkammer anhängig. Bislang wurden für den Prozess 90 Verhandlungstage bis Dezember 2021 angesetzt.

Titelfoto: Roland Weihrauch/dpa

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