Gefesselte Studentin im Straßengraben: Das sagt Gutachterin über Angeklagten

Lübeck - Im Prozess um die Entführung und Vergewaltigung einer Studentin in Lübeck hat eine psychiatrische Sachverständige ihr Gutachten vorgestellt. Sie bezeichnet den Angeklagten als voll schuldfähig. 

Der Angeklagte betritt den Verhandlungssaal bei einem vorherigen Prozesstag.
Der Angeklagte betritt den Verhandlungssaal bei einem vorherigen Prozesstag.  © Georg Wendt/dpa

Der 43-Jährige sei zwar hoch narzisstisch und depressiv, aber nicht psychisch krank im forensischen Sinne, sagte die Sachverständige am Freitag in ihrem mit Spannung erwarteten Gutachten in dem Prozess vor dem Lübecker Landgericht.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, am 12. Oktober 2019 eine heute 21 Jahre alte Studentin entführt und vergewaltigt zu haben. Er muss sich deshalb seit Ende April wegen versuchten Mordes, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung vor dem Landgericht verantworten. 

Nach der Tat soll er die junge Frau gefesselt in einem Knick bei Mönkhagen im Kreis Stormarn zurückgelassen haben.

Bereits Ende September 2019 soll der 43-jährige Türke eine andere junge Frau in der Hansestadt verschleppt und in seiner Gartenlaube eingesperrt haben. Sie konnte sich befreien, doch der Mann verfolgte sie bis zu ihrer Wohnung, wo ihr Freund ihr zu Hilfe kam. 

"Ich rief dem Mann durchs offene Fenster zu, er solle verschwinden, sonst würde ich ihm eine reinhauen", sagte der 24 Jahre alte Lebensgefährte der Frau am Freitag im Zeugenstand. 

Die 26-Jährige war, ähnlich wie die Studentin, auf dem Heimweg von einer Party und stark alkoholisiert gewesen, als der Angeklagte sie überfallen hatte.

Beide Frauen können sich an ein Tatdetail nicht erinnern

Die Studentin wurde gefesselt nahe der A20 bei Mönkhagen gefunden. (Archivbild)
Die Studentin wurde gefesselt nahe der A20 bei Mönkhagen gefunden. (Archivbild)  © Carsten Rehder/dpa

In ihrem Gutachten bezeichnete die Sachverständige die beiden dem Angeklagten vorgeworfenen Taten als symptomatisch für seine Persönlichkeit.

"Er hat sich mit den alkoholisierten Frauen zwei besonders wehrlose Opfer ausgesucht. Das waren keine spontanen Taten", sagte sie.

Der 43-Jährige sei einfach strukturiert, schüchtern und zutiefst unsicher, habe aber vor allem im Umgang mit Frauen auch eine andere, aggressive Seite, sagte sie aus.

Beide Opfer hatten vor Gericht ausgesagt, keine Erinnerung mehr daran zu haben, wie sie überwältigt wurden. Die 26-Jährige hatte an einem früheren Verhandlungstag ausgesagt, beim Urinieren in einem Gebüsch das Bewusstsein verloren zu haben. Sie sei erst in der Gartenlaube wieder zu sich gekommen.

Die heute 21-Jährige war alkoholbedingt orientierungslos durch die Gegend geirrt. "Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als ich in einem weißen Transporter lag. Wie ich dort hingekommen bin, weiß ich nicht", hatte die Studentin ausgesagt.

Der Prozess wird am Dienstag (9 Uhr) fortgesetzt. Dann sind nach Angaben des Gerichts die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung geplant. Das Urteil soll am 12. Juni verkündet werden.

Titelfoto: Georg Wendt/dpa

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