Neue Zeugin im Messer-Mord-Prozess: Angeklagter hatte früher "eine kindliche Seite"

Dresden - Im Prozess um den Mord an der Schloßstraße in Dresden sagen weitere Zeugen aus: Am heutigen Donnerstag sprach eine Sozialarbeiterin, die den Angeklagten schon vor der Gewalttat betreut hatte - und lieferte dabei erstaunliche Erkenntnisse über den 21-Jährigen.

Im Gerichtssaal wird der Angeklagte Abdullah A. H. H. (21) von mehreren Beamten bewacht.
Im Gerichtssaal wird der Angeklagte Abdullah A. H. H. (21) von mehreren Beamten bewacht.  © Ove Landgraf

Im Hochsicherheitsgericht am Hammerweg, wo gegen den Islamisten Abdullah A. H. H. (21) verhandelt wird, sagte am Donnerstag eine ehemalige Mitarbeiterin (35) des Präventionsnetzwerkes gegen Radikalisierung aus.

Sie sprach während seiner ersten U-Haft mehrfach mit dem Syrer, der in der Altstadt einen Touristen erstach. Denn Abdullah A. H. H. wurde schon vor Jahren wegen Terrorverdachts verhaftet. Im Jahr 2018 wurde er verurteilt, weil er den IS unterstützte und in Dresden einen Terroranschlag plante.

Damals besuchte ihn die Mitarbeiterin des Netzwerkes regelmäßig. "Es ging in der U-Haft erstmal darum, vertrauen aufzubauen", so die Sozialarbeiterin.

Mit ihr sprach Adbullah, der damals in Isolationshaft saß, tatsächlich gern: "Er war offen und freundlich. Er schien interessiert", so die Betreuerin. Abdullah habe deutlich eine kindliche Seite gezeigt.

Ein Junge, der hier allein lebte, ohne Stütze der weit entfernten Familie. Er fühlte sich isoliert. Dass die Familie von ihm erwartete, dass er hier Geld verdient, um der Familie zu helfen, habe ihn unter Druck gesetzt.

Der Angeklagte Abdullah A. H. H. habe von Religion nicht viel verstanden

Der 21-Jährige habe früher nicht verstanden, warum er in Haft sitzen musste. Er habe "doch nur schlechte Gedanken gehabt, aber doch nichts gemacht".
Der 21-Jährige habe früher nicht verstanden, warum er in Haft sitzen musste. Er habe "doch nur schlechte Gedanken gehabt, aber doch nichts gemacht".  © Ove Landgraf

Abdullah habe in der U-Haft viel gelesen und erzählte, dass er später heiraten und eine Familie gründen will. Viel von Religion habe er nicht gewusst.

Außerdem sagte er Sätze wie: "Es ist OK, wenn man nicht gläubig ist." Die Dame vom Präventionsnetzwerk erklärte aber auch, er habe "für sich selbst festgestellt, dass es verwerflich sei, am Glauben zu zweifeln."

Er habe auch über die damaligen Vorwürfe sprechen wollen. "Er hat für sich nicht verstanden, warum er in U-Haft saß. Er habe doch nur schlechte Gedanken gehabt, aber doch nichts gemacht", erinnerte sich die Sozialarbeiterin, die ihn wöchentlich eine Stunde besuchte.

Tatsächlich wurde er später wegen recht konkreten Anschlagsplänen zu fast drei Jahren Haft verurteilt. Bis Ende September 2020 saß Abdullah A. H. H. deshalb hinter Gittern.

Fünfmal besuchte ihn das Netzwerk noch nach dem Urteil im Gefängnis. Wenige Tage nach seiner Haftentlassung attackierte er im Oktober 2020 in der Schloßstraße zwei Touristen mit Messern. Oliver L. (54) überlebte schwer verletzt, sein Lebenspartner Thomas L. (†55) starb.

Laut Generalbundesanwalt hatte sich Abdullah A. H. H. in der Haft weiter radikalisiert und mordete, um "Ungläubige zu bestrafen". Das Urteil folgt.

Titelfoto: Ove Landgraf

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